Sonntag, 08.12.2019

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Autor fordert Ehrung für Schwabacher Lehrerin

Helene Käferlein hat für Demokratie und Emanzipation viel geleistet - 15.07.2019 16:10 Uhr

1955, als das Bild entstanden ist, war Helene Käferlein Rektorin in Schwabach – es war für sie ein langer und steiniger Weg bis dorthin. © Stadtarchiv Schwabach


Es ist recht einfach zu fordern, dass mehr Frauen für ihre historischen Verdienste gewürdigt werden sollten. Schwieriger ist es, diese Frauen auch zu finden. Es gibt sie zweifelsohne, doch hinterlassen sie meist keine so breiten Fußabdrücke wie ihre männlichen Zeitgenossen. Das liegt nicht etwa daran, dass sie sich weniger verdient gemacht hätten. Es liegt an der Tendenz vergangener Epochen, die großen Männer hervorzuheben und die Frauen unter den Tisch fallen zu lassen.

So ist es umso wertvoller, wenn Historiker auf Frauen stoßen, deren Spuren groß genug sind, um sie angemessen zu würdigen. Die Schwabacherin Helene Käferlein ist so eine Frau – und Max Liedtke ist eher zufällig auf ihre Fährte gestoßen. Liedtke ist emeritierter Professor der Erlanger Universität und Experte für historische Pädagogik, außerdem Träger des Bundesverdienstkreuzes. Als er sich mit widerständigen Lehrern im Schwabach der Nazizeit beschäftigte, wurde er auch auf eine Lehrerin aufmerksam: Helene Käferlein. Ihre Geschichte faszinierte Liedtke so sehr, dass er sie ins Zentrum eines Buchs gestellt hat.

Auf dem Land eckt sie an

Das ehemalige Jägerhaus war zur Gredinger Dienstzeit das Schulhaus Käferleins. © Stadtarchiv Greding


Helene Käferlein, geboren 1901, Tochter des Fabrikdirektors der MAN, wuchs in Nürnberg auf und ließ sich dort sowie in Ingolstadt zur Lehrerin ausbilden. Zu ihrem Unglück landete sie zunächst in Abenberg, später in Greding. Käferlein war offenbar eine intelligente, selbstbewusste junge Frau, sie schminkte sich, sie rauchte und sie hatte ein freiheitliches pädagogisches Verständnis. Kurz gesagt, sie war das Gegenteil dessen, was man sich zu Zeiten der Weimarer Republik im ländlichen Raum unter einer "anständigen" Frau vorstellte.

Hinzu kam das sogenannte Lehrerinnenzölibat. Diese gesetzliche Regelung besagte, dass Lehrerinnen nicht verheiratet sein durften. Gingen sie die Ehe ein, verloren sie ihren Job ohne jede Abfindung oder Pension. Zwar hatten die Gründer der Weimarrer Republik dieses Gesetz, das aus der Kaiserzeit stammte, 1919 abgeschafft. Einige Bundesländer, so auch Bayern, fanden aber Wege, das Zölibat faktisch trotzdem durchzusetzen. "Das Fräulein Lehrerin", so der Name und das zentrale Thema von Liedtkes Buch, war deshalb fortwährend Erniedrigungen und Diffamierungen ausgesetzt.

Rauchen, Schminken, Männerbesuch ?

Ende der 1920er Jahre wurde das Gredinger Herrenbad an der Schwarzach durchaus auch von Frauen genutzt; Käferlein musste sich dort nachspionieren lassen. © Stadtarchiv Greding


"Die soziale Überwachung muss erdrückend gewesen sein für eine Lehrerin auf dem Dorf", beschreibt Liedtke die Folge des Gesetzes für Käferlein. Wo das Rauchen und Schminken bereits als ausschweifender Lebensstil angesehen wurde, dauerte es nicht lange, bis der Vorwurf des Männerbesuchs im Raum stand. Auch ihre "auffallend kurze Kleidung" wurde beanstandet. Sie esse zudem freitags Wurstbrot und gebe davon auch den Kindern ab. Der Gredinger Pfarrer ließ gar überwachen, ob Käferlein im "Herrenschwimmbad" in der Schwarzach planschte.

Die Lehrerin musste sich schließlich in einem Disziplinarverfahren rechtfertigen. Da sie zu diesem Zeitpunkt Beamtin auf Probe war, hätte sie ohne Nennung von Gründen fristlos entlassen werden können. So weit kam es nicht, auch weil Käferlein ihren Anklägern – etwa katholischen Geistlichen aus Abenberg und Greding – intellektuell überlegen war, wie Liedtke betont. Außerdem schlugen sich fast alle befragten Zeugen auf ihre Seite, echte Verfehlungen konnten ihr nie nachgewiesen werden. Sie wurde nach Schwabach versetzt, an die Luitpoldschule.

Sie hielt sich von den Nazis fern

Max Eugen Tanhauser, Bürge für Käferleins Integrität während des Nationalsozialismus; das Bild ist aus dem Jahr 1946. © Stadtarchiv Schwabach


Das nächste Kapitel in Käferleins Leben spielte in der Zeit des Nationalsozialismus. Wie Liedke herausgefunden hat, hielt sie sich von den Nazis fern. Sie könne sogar als widerständig bezeichnet werden. Kronzeuge dafür ist Max Eugen Tanhauser, auch ein Lehrer. Als "Halbjude" verfolgt, überlebte er samt Frau und Kind nur mit Glück den Nationalsozialismus, wurde nach dem Krieg erster Landrat im Landkreis Schwabach und erhielt schließlich das Bundesverdienstkreuz. Tanhauser bestätigte, dass Käferlein eine der wenigen war, die mit ihm befreundet blieb – sie habe sich unter Tränen von den Taten der Nazis distanziert. Helene Käferlein wurde 1948 Rektorin der Luitpoldschule, auch weil sie die einzige hiesige Lehrerin ohne NSDAP-Parteibuch war.

Damit nicht genug: Käferlein übernahm den Vorsitz einer Spruchkammer zur Entnazifizierung. Diese Kammern sollten über das Ausmaß der Beteiligung einzelner Personen an den Verbrechen des Nationalsozialismus entscheiden. 902 solcher Kammern gab es in Bayern, bei nur 11 hatte eine Frau den Vorsitz und unter diesen Frauen war Käferlein die einzige Lehrerin. Da sich auch viele Lehrer schuldig gemacht hatten, galt sie fortan als Nestbeschmutzerin. Die Attacken gingen weiter. Sogar zu einem Schulstreik kam es, der entgegen vorgeschobener Vorwürfe wohl auch, so Liedtke, mit ihrer Tätigkeit in der Spruchkammer zu tun hatte.

"Frau Käferlein ist denkmalwürdig"

Eine Schwabacher Schulklasse 1950/51, vorne in der Mitte sitzt Helene Käferlein. © Abbildung in "Das Fräulein Lehrerin"


Wichtig ist Liedtke: "Vonseiten der Kinder gab es niemals Vorwürfe, im Gegenteil, sie war offensichtlich eine sehr beliebte Lehrerin." Die lebenslangen Verunglimpfungen habe sie ertragen und sei deshalb nie eingeknickt, sondern sich selbst treu geblieben. Außerdem: "Sie war nicht nur eine Kämpferin für Demokratie und Freiheit, sondern auch für eine humane Erziehung."

Max Liedtke kommt deshalb zu dem Schluss: "Frau Käferlein ist denkmalwürdig!" Eine Gedenktafel – sei es in Schwabach, Greding oder Abenberg – habe sie mindestens verdient, oder, dass eine Straße nach ihr benannt wird. "Eigentlich müsste aber eine Schule ihren Namen tragen", betont Liedtke.

Bilderstrecke zum Thema

Fotos von R. Hirthe zeigen Schwabach Anfang des 20. Jahrhunderts

Fotos und Ansichtskarten zum Hineintauchen in die sogenannte „gute alte Zeit“.


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