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Baratier: Schwabachs faszinierendes Wunderkind

Vor 300 Jahren ist Jean-Philippe Baratier geboren. Stadt widmet ihm Jubiläumsreihe. - 20.01.2021 15:00 Uhr

Seit Dienstag gibt es zwischen der Petzoldtstraße und der Reichswaisenhausstraße den „Baratier-Weg“ (von links): OB Peter Reiß, Kulturamtsleiterin Sandra Hoffmann-Rivero, Marco Dorschner und Herbert Tauschek vom Baubetriebsamt, Ralf Gabriel, der Vorstandsvorsitzende der Bürgerstiftung, und Stadtheimatpflegerin Ursula Kaiser-Biburger.

19.01.2021 © Foto: Günther Wilhelm


19. Januar 1721: Für Anne und Francois Baratier ist es ein Tag voller Freude und Hoffnung. Ihre ersten beiden Kinder haben, wie so viele in dieser Zeit, das Säuglingsalter nicht überlebt. Nun wird ihr Sohn Jean-Philippe geboren. Alt wird auch er nicht: nur 19 Jahre. Doch in diesem kurzen Leben erwirbt er sich den Ruf eines "Wunderkinds".

19. Januar 2021: Zu seinem 300. Geburtstag widmet die Stadt diesem wohl außergewöhnlichsten jungen Mann der Stadtgeschichte den "Baratier-Weg". Bisher war die Verbindung zwischen der Petzoldt- und der Reichswaisenhausstraße namenlos. Niemand muss also wegen einer Straßenumbenennung seine Adresse ändern. Doch nicht nur deshalb bietet sich dieser Weg an.

Vor allem führt er fast direkt zum Wohnhaus der Familie. Als Prediger der französisch-reformierten Gemeinde Schwabachs war Francois Baratier gleich hinter der Franzosenkirche in die heutige Boxlohe 9 gezogen. Eine Tafel des Geschichts- und Heimatvereins erinnert an das Kind, das hier aufgewachsen ist, bevor die Familie 1735 nach Halle zog. An der dortigen Universität avancierte der 14-jährige Schwabacher zu einer akademischen Sensation.

"Zu seiner Antrittsvorlesungen sollen 2000 Leute gekommen sein", berichtet Ralf Gabriel. Der Vorstandsvorsitzende der Bürgerstiftung befasst sich seit einigen Jahren intensiv mit Jean-Philippe Baratier.

"Kein Erfinder, ein Generalist"

Heute dagegen ist sein Name weitgehend vergessen. "Das liegt wohl daran, dass Baratier kein Erfinder von Dingen war, die heute noch Anwendung finden", vermutet Gabriel. "Er war vielmehr trotz seiner Jugend ein Generalist mit einem ungeheueren Spektrum: von Sprachen über Mathematik, Geschichte und Jura bis hin zu Numismatik, Astronomie, Physik und Kirchengeschichte. Deshalb ist er so faszinierend." Diese Faszination will die Stadt zusammen mit der Bürgerstiftung wieder aufleben lassen.

Festvortrag am 19. März

Eigentlich sollte an diesem 19. Januar der große Festvortrag des Jubiläumsjahres stattfinden. Der Bayreuther Professor Dr. Günter Berger hat neue Forschungen angestellt und wollte seine Ergebnisse vorstellen. Wegen der Corona-Pandemie wurde dieser Festakt aber auf den 19. März um 19.30 Uhr im Markgrafensaal verlegt.

So steht das neue Straßenschild als Symbol für den Auftakt des Jubiläumsjahres. "Baratier wieder ins Bewusstsein zu bringen, das ist der Anspruch der Veranstaltungsreihe", erklärt OB Peter Reiß.

Im Mittelpunkt steht Baratiers ungewöhnliches Leben. "Aber es geht auch um mehr", sagt Kulturamtsleiterin Sandra Hoffmann-Rivero. "Wir wollen ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchten."

Sofern Corona es zulässt, wird deshalb am 23. Februar um 19 Uhr in der Alten Synagoge der Erlanger Professor Dr. Eckart Liebau den Bogen größer spannen und über "Wunderkinder – Höchstbegabung als pädagogisches Problem" referieren.

Der Vater als Lehrer

Dabei wird es wohl auch um die Rolle des Vaters gehen: Jean-Philippe hat nie eine Schule besucht. Sein Vater war gleichzeitig sein Lehrer. "Aus heutiger Sicht stellen sich Fragen", findet Sandra Hoffmann-Rivero: "Wie freiwillig war das? Oder herrschte wahnsinniger Zwang?"

Klar ist, dass sein Vater damals in Gelehrtenkreisen gut vernetzt war, wie man heute wohl sagen würde. Schon mit 14 war Jean-Philippe weit über Schwabach hinaus bekannt. An der Uni Halle erwarb er mit Bravour seinen "Magister Artium" und hielt Vorlesungen. Selbst am königlichen Hof in Berlin wurde er empfangen.

Vermutlich ein Krebsleiden verhinderte eine noch größere wissenschaftliche Laufbahn. "Bestatten ließ ihn der Kanzler der Uni in seiner Familiengruft. Auch das zeigt die Bedeutung", sagt Ralf Gabriel.

"Sein Gehirn muss eine einzige Enzyklopädie gewesen sein", schrieb der mittlerweile verstorbene Christoph Rückert vom Geschichts- und Heimatverein 1996 in einem längeren Aufsatz über Baratier. Stadtheimatpflegerin Ursula Kaiser-Biburger hat die lokale Baratier-Forschung fortgesetzt. Ihre Arbeit erscheint in Kürze in der Reihe "Schwabacher Geschichtsblätter".

App für Kinder

Schon sofort zur Verfügung steht die Baratier-App, die über www.locandy.com heruntergeladen werden kann. "Für Schulklassen und Familien", sagt Sandra Hoffmann-Rivero, "ist das eine Stadtführung als lustige Schnitzeljagd".

Am 20. März schließlich kehrt Jean-Philippe Baratier nach Schwabach zurück: Die Bronzefigur vor der Franzosenkirche zeigt ihn als, was sonst, lesendes Kind.

Alle weiteren Infos und Termine unter www.schwabach.de/kulturportal

GÜNTHER WILHELM

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