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Freitag, 03.07.2020

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Bauerhof-Kindergarten: Hier entsteht ein Paradies

Eine der ersten Bauernhof-Kindertagesstätten in Deutschland nimmt Formen an. Sie entsteht im kleinen Poppenreuth bei Kammerstein. Es handelt sich um eine Privatinitiative von drei Frauen. Die stemmen ein Millionenprojekt und sehen sich bislang auf einem guten Weg. - 28.06.2020 06:00 Uhr

Zum Richtfest gab sich auch Kammersteins Gemeindespitze die Ehre. Von links 2. Bürgermeister Andreas Lippert, Gemeinderätin Diana Bub, die drei Kita-Macherinnen Karina Hechtel, Ruth Simone Stumpp und Ingrid Dullnig sowie Bürgermeister Wolfram Göll. © Foto: Robert Gerner


Hohe Decken empfangen den Besucher, nach Süden hin verstellt nichts den Blick nach draußen. Das wird einmal Küche, Mensa und Aufenthaltsort in einem im ersten Bauernhof-Kindergarten, den es im nördlichen Landkreis Roth geben wird.

Dass er ausgerechnet im kleinen Kammersteiner Ortsteil Poppenreuth mit seinen weniger als 100 Einwohnern entsteht, hat viel mit Karina Hechtel zu tun. Die Ärztin ist hier auf dem elterlichen Hof aufgewachsen. Ihr gehören die Flächen, und jetzt packt sie mit ihren Jugendfreundinnen Ruth Simone Stumpp und Ingrid Dullnig etwas an, das es bislang in dieser Form nur etwa 20 Mal in Deutschland gibt.

Unabhängig voneinander wirtschaften

 

Wobei man sagen muss: Der neue Kindergarten und der neue Hort sowie der inzwischen revitalisierte Bauernhof sind zwar zwei elementare Bausteine eines ausgeklügelten Konzepts. Doch beide arbeiten und wirtschaften im Prinzip unabhängig voneinander. Zunächst Kindergarten und Hort: Im Endausbau wird er 30 Kindergartenkinder und 30 Hortkinder der Grundschule aus Barthelmesaurach beherbergen. Beginnen wollen Stumpp, Hechtel und Dullnig aber trotz großem Interesse nur mit 15/15, also mit 15 Kindergarten- und 15 Hortkindern. Wenn man vor allem den Kindergarten schon im Herbst mit Dreijährigen vollmachen würde, könnte man in den nächsten drei Jahren kein weiteres Kind aufnehmen.

Georg Hechtel hat seine Landwirtschaft in Poppenreuth eigentlich schon lange aufgegeben. Für den Bauernhof-Kindergarten ist er aber unverzichtbar, weil er sich auch dann um die Tiere kümmert, wenn die Einrichtung geschlossen hat, am Wochenende beispielsweise. Er macht das, weil er vom Konzept zu 100 Prozent überzeugt ist. Und weil er seinen Berufsstand mit den Kunden – und seien es nur ganz kleine Kunden – wieder besser zusammenbringen will. © Foto: Robert Gerner


Der Rohbau des Kindergartens, für den dieser Tage Richtfest gefeiert werden konnte, ist ein Hingucker. Ein Vollholz-Bau in Passivhaus-Standard, ohne Leim und praktisch ohne Nägel zusammengebaut. Er steht auf dem Platz einer früheren Scheune des früheren Hechtel-Hofs, die abgerissen wurde. In diesen Tagen beginnt der Innenausbau. Bis Anfang September muss alles fertig sein. Später wird noch das Dach begrünt.

Drei Erzieherinnen und einen Sozialpädagogen haben die drei "Macherinnen" des Bauernhof-Kindergartens schon angestellt. Eine Köchin oder ein Koch wird noch dazustoßen. Denn im Kindergarten und im Hort soll all das zubereitet werden, was draußen auf dem Bauernhof wächst: rund 30 Gemüsesorten, Obst, Kartoffeln.

Zum Hof gehören aber auch Bienenvölker, derzeit 47 Hennen und drei Hähne, später sollen noch Schafe und Ziegen gekauft werden. Ein reiner Streichelzoo wird das nicht. Auf die größeren Tiere wartet am Ende eines hoffentlich glücklichen Lebens der Schlachter.

 

Finanzielle Herausforderung

 

Für Kindergarten und Hort trägt Ruth Simone Stumpp die Verantwortung. Er ist auch finanziell die größte Herausforderung. Meist bauen solche Kindertagesstätten entweder die Kommunen vor Ort – und bekannte Institutionen wie Kirchen, Rotes Kreuz, Johanniter oder Arbeiterwohlfahrt übernehmen dann Trägerschaft und laufenden Betrieb. Der Bauernhof-Kindergarten ist dagegen eine Privatinitiative, ein Herzensprojekt von drei Frauen, die Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur und in der Natur beibringen und die kindliche Entwicklung optimal fördern wollen.

Vergleichbar ist das in erster Linie mit dem Schwabacher Waldkindergarten "Pusteblume", ebenfalls von Eltern initiiert und aufgezogen. Der Unterschied: Bei der Pusteblume geht es um ordentlich Geld. Beim Bauernhof-Kindergarten geht es um richtig viel Geld. Auf 1,8 Millionen Euro ist der Neubau taxiert. Auch wenn der Staat vom Kindergarten 90 Prozent und vom Hort 55 Prozent der Investitionskosten übernimmt, auch wenn die Gemeinde Kammerstein einen Zuschuss von 175 000 Euro zugesagt hat: 340 000 Euro müssen Stumpp, Dullnig und Hechtel, die für das Projekt eine gemeinnützige GmbH gegründet haben, über die Bank finanzieren und in den nächsten Jahren abstottern.

 

Alt-Bauer Hechtel hilft

 

Während sich Stumpp um Kindergarten und Hort kümmert, ist Ingrid Dullnig, wie soll man sagen, die Herrin des Bauernhofs. Eine entsprechende Fortbildung hat die aus Österreich stammende und in Fürth lebende Gesundheitsökonomin gemacht. Gemeinsam mit einem Gärtner und unterstützt von Alt-Bauer Georg Hechtel, bewirtschaftet sie einen Hektar Fläche für den Gemüseanbau. Bis die ersten Tomaten geerntet werden können, dauert es noch etwas, doch dafür sind die Salatköpfe in den vergangenen Wochen in unglaublicher Geschwindigkeit erntereif geworden.

 

Gemüse für 100 Familien

 

„Unsere Kathedrale“, sagt Ruth Simone Stumpp fast ehrfürchtig, wenn sie über den zentralen Raum der neuen Kindertagesstätte spricht. Das hier wird Küche, Mensa und Aufenthaltsraum in einem. Von hier aus sind es nur ein paar Schritte bis zum Bauernhof. © Foto: Robert Gerner


Der kleine Bauernhof will nicht nur für Kindergarten und Hort produzieren. Ein Hektar müssten im Endausbau für 100 bis 120 Familien reichen, hat Dullnig überschlagen. Bislang sind 16 Familien beteiligt. Sie haben – ähnlich wie bei der vergangene Woche vorgestellten Solidarischen Landwirtschaft in Greuth – ein Abo gebucht und erhalten einmal pro Woche eine Erntekiste. Die meisten holen die Kiste direkt am Hechtel-Hof ab. Es gibt inzwischen aber auch zwei Depots in Schwabach und eines in Nürnberg. Weitere Abholstellen in Rednitzhembach und Büchenbach sind in Planung. Dullnig ist überzeugt, dass das Interesse an ihrer "Alawi" (Alternative Landwirtschaft) groß ist. Nur ist die geplante Werbetour der Corona-Pandemie zum Teil zum Opfer gefallen. Aber: Was nicht ist, kann ja noch werden.

 

Tagespflege ab 2022

 

Zwischenfazit: Der Bauernhof ist revitalisiert. Der Kita-Bau ist im Kosten- und im Zeitplan. Alles gut also? Noch nicht ganz. Denn Karina Hechtel, Ruth Simone Stumpp und Ingrid Dullnig haben ja noch einen weiteren Plan in der Hinterhand. Gleich gegenüber vom Kindergarten, dort, wo eine weitere alte Scheune auf den Abrissbagger wartet, wollen die drei jungen Frauen eine Tagespflege für 15 bis 20 Senioren aus der Gemeinde bauen. Ebenfalls in Privatinitiative, ebenfalls in Holzbauweise nach Plänen eines Spezialisten aus Österreich. Geplanter Start: Anfang 2022. "Dann", verspricht Ruth Simone Stumpp, "werden wir hier auf dem Land ganz alte und ganz junge Leute zusammenbringen".

ROBERT GERNER

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