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Berührende Begegnungen

In der Reihe LesArt gastierte Ulla Hahn am Donnerstag in der Alten Synagoge - 12.11.2011 08:19 Uhr

Zurückhaltend, freundlich, poetisch: Ulla Hahn in der Alten Synagoge. © Weinig


Da sitzt es, das einstige Proletarierkind. Zart gealtert, unprätentiös, aber distinguiert. Gezwirnt in grün-braunen Intellektuellenhabit, stellt es sich coram LesArt-publico gleich zu Beginn eine poetische Gretchenfrage: „Was will uns der Dichter eigentlich sagen...?“

Ja, was? – Die Antwort verblüfft: „Es ist irrelevant, was der Autor zum Ausdruck bringen will. Wenn Ihnen das Gedicht nicht antwortet, legen Sie’s weg und geben Sie ihm irgendwann später eine zweite Chance“, rät Ulla Hahn. Denn sie ist überzeugt: „Gedichte werden im Kopf des Lesers fertig geschrieben.“

Soviel Pragmatismus einer Literatin, die schon zu Lebzeiten Eingang in den Kanon des Deutschunterrichts gefunden hat – und sei’s auch nur, „um den Konjunktiv einzuüben“, wie sie selbstironisch bemerkt – macht Staunen. Also wartet man gespannt auf das, was die 65-Jährige an diesem Abend vor ausverkauftem Haus aus ihrem roten Stoffbeutel zieht.

Wi(e)derworte sind’s. Die hüstelt Ulla Hahn – immer ein wenig zurückhaltend, aber nie unsympathisch – in ihren beigen Rollkragenpullover und nippt teeschlückchenweise am Gestern und Heute. Denn nichts weniger als den Gehalt der Zeit, ihrer Zeit, hat sie sich zum Thema erkoren: „Jeder ist seine Vergangenheit, seine Geschichte“, heißt der Impuls, der Ulla Hahn zum Schreiben der „Wi(e)derworte“ verführte.

Und so hat sie in ihrem aktuellen Lyrikband ein interessantes Experiment unternommen: Sie stellt frühen Gedichten eine poetische Antwort aus dem Jetzt gegenüber. Ein schönes Spiel, in dem sich das empirische Ich vom lyrischen Ich herausgefordert fühlt, sodass Ulla Hahn ihre jüngsten Gedichte „wie auf Zuruf“ gelangen. Entstanden sind ästhetische Reflexionen im Spannungsfeld dessen, was war und was ist. „Die Gedichte meines jüngeren Selbst waren mir fremd und vertraut zugleich – und weckten die Lust, mit meinem jungen Ich ins poetische Gespräch zu kommen“, heißt es dazu im Klappentext des Buches.

Diese Lust atmet Ulla Hahn auch am Donnerstagabend in den Raum. Egal, ob es um Liebe, Vergänglichkeit, persönliche Schreiberfahrungen oder gesellschaftspolitische Belange geht – Hahn legt bekennend „jedes Wort auf die Goldwaage“ und bringt auf diese Weise vielfach Tradiertes ins Wanken. Sie schaut dem Volksmund aufs Maul, um solchen Blick in ungewohnter Manier auszuschöpfen; sie pflückt im Garten der Literaturgeschichte und -theorie die Zutaten für ein neues lyrisches Ganzes, das – besamt mit ihren eigenen Gedanken und Wortschöpfungen – ungewöhnliche Blüten treibt. Der Sound den sie dabei so gerne ankurbelt, erinnert unwillkürlich an die Anfänge des Gedichts: an Musik. Also nimmt es nicht wunder, wenn Ulla Hahn den Gutteil ihrer Lyrik einem beschwingten Gefühl gewidmet hat – der Liebe. Gerade in den „Wi(e)derworten“ offenbart sich hier eine Stärke, die dem gelungenen Kontrast des Gewesenen und des Seienden entspringt. Und da ist es völlig egal, ob man die Linie des eigenen Horizonts, den „Dezember“ des Lebens, selbst schon fest in den Fokus genommen hat oder nicht – Ulla Hahn berührt. 

PETRA BITTNER

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