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Den Rechtsstaat und die Demokratie schützen

Gedenken an den 9. November 1938. Gegen Rechtspopulismus, Rassismus und Ausgrenzung - 09.11.2020 12:15 Uhr

Christel Hausladen-Sambale von der Initiative und Oberbürgermeister Peter Reiß bleibt wegen der Corona-Schutzmaßnahmen nur die Möglichkeit, stumm ihre Mahnung anlässlich der Pogromnacht von 1938 vor der Gedenktafel zum Ausdruck zu bringen.

08.11.2020 © Foto: ukbb


Die Gedenkfeier zum 9. November 1938 kann wegen der Corona-Schutzverordnungen nicht stattfinden. Das Blumen-Gesteck vor der Gedenktafel im Rathaus-Durchgang lädt dennoch zum Innehalten vor der Gedenktafel ein.


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Oberbürgermeister Peter Reiß bedauert, dass die Veranstaltung in der traditionellen Form nicht stattfinden kann. Die Erinnerung an jene Zeit sei unbedingt notwendig, weil sich vor 82 Jahren der Rechtsextremismus mit seiner Skrupellosigkeit öffentlich zur Schau gestellt habe. In der heutigen Gesellschaft sei man überwiegend der Überzeugung, dass sich solche Grausamkeiten nie mehr wiederholen dürfe. "Doch wir wissen auch, dass es dafür das gesellschaftliche Bewusstsein, die gemeinsame Stärke braucht. Wir müssen alle gemeinsam Rechtsstaat und Demokratie schützen."

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Die Reichspogromnacht 1938: Gewalt gegen Juden in Franken

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 überfielen die Nationalsozialisten in ganz Deutschland jüdische Gotteshäuser, Friedhöfe, Geschäfte und Wohnungen und hinterließen eine Spur der Zerstörung - auch in Nürnberg, Fürth und der Region.


Deshalb braucht es solche Gedenkveranstaltungen nach Meinung von Oberbürgermeister Reiß: "Nur wer weiß, welche schreckliche Taten in der Vergangenheit geschehen sind, kann sich für neue Angriffe auf die Demokratie wappnen!"

Hier wenig Ausschreitungen

Da es seit Jahrzehnten der überparteilichen, freien Gruppierung "Initiative für Demokratie gegen Rechtsextremismus" am Herzen liegt, die Erinnerung an die Reichspogromnacht und ihre Hintergründe vor der Gedenktafel am Rathaus wachzuhalten, vermittelt sie ihre Gedanken auf diese Weise: Zwar sei es in Schwabach 1939 nur zu vergleichsweise wenigen NS-Ausschreitungen gekommen, wie die Zerstörung von Fenstern, die Verwüstung in den Räumen der Firma von Hugo Krausz und die zweitägige "Schutzhaft" von Manuel Graf und Adolf Levite.

Doch dies lag – nach Aussagen von Stadtheimatpflegerin Ursula Kaiser-Biburger – daran, dass aufgrund der geringen Anzahl an jüdischen Einwohnern keine jüdische Gemeinde mehr existierte und die Synagoge bereits im August 1938 verkauft worden war.


Reichspogromnacht: Als das Leid der Juden begann


Dennoch so formuliert es Hans Tänzer, DGB-Vertreter und Mitglied in der "Initiative", habe es keine laute Empörung darüber gegeben, dass Mitbürger, Nachbarn, Kollegen andernorts aus dem Bett gezerrt worden seien, Wohnungen verwüstet, Eigentum geraubt und die Würde der Menschen verletzt worden sei. Deshalb fordert er: "Die Verbrechen der Nazis dürfen sich nicht wiederholen. Deshalb ist es die unverzichtbare Aufgabe aller demokratischen Kräfte, jede Form von Rechtspopulismus, Rassismus, Faschismus und Ausgrenzung in der Gesellschaft entschieden zu bekämpfen." Und doch würden wieder rechtsextremistische, ausländerfeindliche, nationalistische, antisemitische und rassistische Gedanken um sich greifen. "Diesem Populismus und dieser Politik müssen wir alle, auch als Gewerkschaften, entschieden entgegentreten!"

Gedenken unbedingt notwendig

Diesen Gedanken schließt sich Jonas Wagner, Stadtrat der Linken und Mitglied in der "Initiative", an. Er hält das Gedenken an die Opfer des 9. November 1938 für unbedingt notwendig. Darüber hinaus aber fordert er: "Wir wollen aller Opfern gedenken, die einem nationalistischen, rassistischen und antisemitischen Wahn zum Opfer gefallen sind. Diese Menschen dürfen wir nicht vergessen! Deshalb dürfen wir auch nicht zulassen, dass diese Taten geleugnet oder verharmlost werden." Jonas Wagner befürchtet aber, dass dies derzeit wieder passiere, wenn er bei den Anti-Corona-Demos gelbe Sterne mit der Aufschrift "ungeimpft" sehe oder wenn ein namhafter Virologe mit dem SS-Arzt Josef Mengele verglichen werde. "Solche Geschichtsverdrehungen müssen wir als Gesellschaft verurteilen!"

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In der Pogromnacht brannten Frankens Synagogen

In Franken gab es Mitte der 1930er Jahre noch 167 Synagogen und jüdische Bethäuser. In der Pogromnacht am 9. November 1938 wurden sie fast alle geschändet und geplündert.


Deshalb warnt auch Oberbürgermeister Peter Reiß: Selbst wenn man zu den Corona-Maßnahmen mit den erforderlichen Einschränkungen eine andere Meinung habe, sollte man sich schon anschauen, wem man bei einer Demonstration folge: "Demokratie lebt von der gegenseitigen Akzeptanz von Meinungen, sie lebt aber nicht von der Akzeptanz von Verbrechen und rassistischer Gewalt. Deshalb muss man dem Rechtsextremismus und dem Rechtsradikalismus eine klare Kante zeigen!"

Und wie steht die junge Generation zur Erinnerung an den 9. November 1938? Die Geschichtsklasse V 10 B hat sich mit Stadtheimatpflegerin Ursula Kaiser-Biburger ausführlich mit der Ideologie der NSDAP, deren Demagogie und der manipulativen Propaganda insbesondere in Schwabach beschäftigt, die zum vernichtenden Antisemitismus geführt haben und damit auch zu der aktuellen Frage, ob ein Erinnern an jene Zeit, und besonders an den 9. November 1938, sinnvoll sei.


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Im Grunde genommen sei dies doch überflüssig, meinte die Klasse, denn seit 1949 schützt das Grundgesetz mit dem Artikel 1, der den Schutz der Menschenwürde für alle Menschen garantiere, und dem Artikel 3, der die Gleichheit vor dem Gesetz sichere.

Den Schülern ist wichtig, dass jedem Menschen mit Respekt begegnet wird. Niemand sei für seine Herkunft verantwortlich, oder ob er in einer armen oder reichen Familie aufwachse. Im Alltag erlebten die Schüler oft Gedankenlosigkeit und Vorurteile: Nur weil jemand aus China kommt, müsse er noch lange keinen Hund essen oder weil er im Iran geboren ist, müsse er kein Muslim sein. Damit beginne Respektlosigkeit und Ausgrenzung, was man durchaus als Rassismus bezeichnen könne. Durch das Internet wissen sie, dass immer noch Juden mit verletzenden Sprüchen angepöbelt werden, nur weil sie eine anderer Religion angehörten. Die Klasse hat festgestellt, dass es an den Worten liege, die benützt würden: Denn Worte könnten wie Pfeile verletzen oder wie Honig das Leben der Menschen versüßen.

Ursula Kaiser-Biburger

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