Sonntag, 17.11.2019

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Die Show muss stimmen: Wrestler im Markgrafensaal

Sieht brutal aus, soll aber vor allem Spaß machen - 03.11.2015 08:44 Uhr

Vergeblicher Anflug in Richtung WM-Gürtel. Johnny Moss (li.) schickte den GWP-Weltmeister „Juvenile X“ nicht dauerhaft auf die Ringbretter.


Sobald ihn das Scheinwerferlicht anstrahlt, gibt „Insane Killer“ den durchgeknallten Irren. Er wird in Zwangsjacke und Hannibal-Lecter-Gedächtnis-Beißschutz in den Ring geführt. Dort bildet er eine Zweckgemeinschaft mit „Farmer Joe“, einem über 120 Kilogramm schweren Wrestler im Landhaus-Look, und den in kurzen Seppl-Hosen daherkommenden „Schorschi“. Joe verteilt zunächst ein paar frische Äpfel an das johlende Publikum. Dann verarbeiten er und seine beiden Kumpane ihre drei Gegner im Ring zu Apfelmus. So sieht es zumindest aus. Nach 20 Minuten schleppen sich die ersten Ausgeknockten wie torkelnde Seemänner in Richtung Backstage-Zone. Dort erfreuen sich die vermeintlich Halbtoten aber blitzschnell wieder glänzender Gesundheit und stoßen mit den Gegnern von eben auf eine gute Show an.

Genau darum geht es beim Wrestling. Es ist eine Mischung aus Sportakrobatik, Bodybuilding und ganz viel Schauspielerei. Faust- und Ellbogenschläge sind grundsätzlich getürkt, wenn etwas klatscht, dann ist das höchstens ein Handrücken auf einen schweißnassen Oberkörper.

Nicolas Banner hat vor knapp zehn Jahren die „German Wrestling Promotion“, kurz GWP, gegründet. Jahrelang lud er zweimal pro Jahr in seiner Heimatstadt Roth zur lustigen Wrestling-Gaudi. Nachdem ihm die Kosten für die Halle zu hoch wurden, hat er sich in der Nachbarschaft umgesehen – und den Markgrafensaal in Schwabach für sich entdeckt.

Um den Ring herum haben er und seine Helfer 400 Stühle gestellt, 30 oder 40 bleiben diesmal frei. „Wir hatten Halloween und den Beginn der Herbstferien nicht auf dem Schirm“, erklärt Banner in einer Kampfpause. Aber nächstes Jahr im März, wenn die GWP an gleicher Stelle ihren zehnten Geburtstag feiert, dann rechnet er wieder mit einem proppenvollen Saal.

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„Night of Decisions“: Wrestler kämpften an Halloween

Die German Wrestling Promotion, kurz GWP, bot mit der „Night of Decisions“ ein sportliches Spektakel im Markgrafensaal.


Treue Fans

GWP hat eine treue Anhängerschar. Die Leute reisen aus ganz Süddeutschland an, um den wilden Franziskaner-Mönch „Bruder Chaos“ zu erleben oder den durch den Ring fliegenden Engländer Will Ospreay. Sie zahlen in der ersten Reihe fast 40 Euro, um Johnny Moss zu bestaunen, der auch frisch von der Schwergewichts-Weltmeisterschaft im Bodybuilding eingeflogen worden sein könnte. Wer einen Kampf gewinnt, ist völlig egal. Die Fights sind ohnehin abgesprochen, räumt Nicolas Banner ohne Umschweife ein. Es gibt ein Drehbuch mit einem klaren Anfang und einem festgelegten Ende. Dazwischen gibt es reichlich Raum für freie Gestaltung in Form von wüstem Gekloppe.

Nicht immer ist dafür der Ring gut genug. Beim „Streetfight“ fliegen die Protagnisten schon einmal über die ersten drei Zuschauerreihen hinweg durch die Halle. Sie dreschen mit einer Gitarre und einem Plastikstuhl aufeinander ein und katapultieren sich gegenseitig durch massive OSB-Platten. Darf‘s ein bisschen mehr sein? Die Sportler hätten nichts dagegen, wenn der Ring mit ein paar Reißnägeln „ausgekleidet“ werden würde. Aber Nicolas Banner hat das verboten. Er will schließlich ein jugendfreies Programm bieten. Wrestling für die ganze Familie gewissermaßen. Insofern ist der Sidekick mit dem ausgehöhlten Halloween-Kürbis schon die härteste Nummer. Einer der Kämpfer packt den Kürbis, stülpt ihn seinem Gegner über den Kopf und lässt die Faust sprechen.

Bei der GWP ist nicht nur jeder Kampf abgesprochen, es gibt auch eine Art Langzeit-Drehbuch, das eine Klammer von einer Veranstaltung zur nächsten ist und das die Fans bei der Stange halten soll. Dass das Drehbuch ungefähr das Niveau hat von Vorabendserien auf RTL II – geschenkt.

Die Geschichte bei GWP geht jedenfalls so: Weil sich der GWP-Weltmeister (und Publikumsliebling) Absolute Andy einem anderen Verband angeschlossen hatte, musste er im Frühjahr seinen Titel abgeben, natürlich möglichst spektakulär. Nachdem er zuerst gegen einen riesigen walisischen Kleiderschrank gewinnen hatte dürfen (der ungefähr dreimal so groß war wie der Champion), tauchte plötzlich ein neuer Herausforderer auf und schickte Absolute Andy auf den Ringboden.

Feindliche Invasion

Dieser „Juwenile X“ kämpft eigentlich für einen fremden Verband, die netten Jungs von GWP sehen sich also von einer feindlichen Invasion bedroht. Es braucht jemanden, der für die GWP den WM-Gürtel wieder nach Hause holt.

Im Sommer durfte das noch nicht klappen, um die Spannung ein wenig hochzuhalten. Die GWP hatte seinerzeit sogar die amerikanische Wrestling-Legende „Tatanka“ zum ersten Open-Air-Wrestling an der Soccer-Plaza einfliegen lassen. Doch der böse „Juwenile X“ durfte samt Helfershelfern den von Indianern abstammenden Tatanka in die ewigen Jagdgründe schicken. Das bescherte dem angeblich ungeliebten Weltmeister „Juwenile X“ am Samstag nun schon den dritten Auftritt bei der GWP.

Diesmal sollte er eigentlich gleich von drei Herausforderern zu Kleinholz gemacht werden. Aber weil die Erkältungswelle auch vor Wrestlern nicht halt macht, standen am Ende nur „Murat Bosporus“ und der mächtige Johnny Moss gemeinsam mit dem Weltmeister im Ring. Der durfte nach einer spaßigen halben Stunde noch einmal triumphieren.

Doch der neue Herausforderer, ein Muskelberg mit silberner Maske, der bei der nächsten Veranstaltung im März vermutlich den Titel einheimsen darf, konnte nach drei kurzweiligen Showstunden schon einmal zeigen, wo künftig der Hammer hängt. Der Manager von „Juwenile X“ – selbstverständlich ebenfalls geschauspielert – bekam diesen Hammer gleich mehrfach ab. So weiß der Champion gleich, was ihn am 19. März erwartet.

ROBERT GERNER

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