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Die totale Unabhängigkeit bleibt ein unerfüllbarer Traum

Der Landkreis kann bis 2030 zum Stromexporteur werden, aber beim Heizen und beim Verkehr wird es ohne Energie-Multis nicht gehen - 28.05.2012 08:00 Uhr

VERKEHR. ENERGIEAUTARKIE UNMÖGLICH. Im Landkreis Roth – hier ein Bild von der A9 – bleibt am meisten Energie buchstäblich auf der Straße. Selbst wenn 2030 ein gewisser Prozentsatz der Fahrzeuge mit Elektroenergie oder Wasserstoffmotoren unterwegs sein sollten und selbst wenn die Verbrennungsmotoren sparsamer sein werden, wird der Großteil der Energie von den Öl-Multis zur Verfügung gestellt werden müssen. In Form von Benzin und Diesel. © News5


Schlecht sieht es vor allem auf der Straße aus, wo in einem Flächenlandkreis wie Roth am meisten Energie verpulvert wird. Dagegen könnte bis 2030 etwa ein Drittel der Heizenergie aus lokalen erneuerbaren Quellen kommen, also aus dem Wald (Holz), von der Sonne (Solarthermie), aus der Erde (Geothermie) oder als Abfallprodukt aus Biogasanlagen. Derzeit sind es 18 Prozent. Das größte Potenzial gibt es beim Strom (Anteil des Stroms aus erneuerbaren Quellen derzeit ebenfalls 18 Prozent). Hier könnte im Jahr 2030 vor Ort sogar etwas mehr produziert werden, als insgesamt verbraucht wird. Ein Überblick.

Verkehr

Knapp 1,35 Milliarden Kilowattstunden Energie werden derzeit alljährlich zwischen Regelsbach im Norden und Kaising im Süden durch die Auspuffe von Pkw, Lkw, Motorrädern und landwirtschaftlichen Zugmaschinen gejagt. Bei den Zulassungszahlen scheint in Zeiten einer leicht schrumpfenden Bevölkerung der Zenit erreicht. Die Verbrennungsmotoren werden effizienter, neue Formen der Mobilität (Car-Sharing) sind im Kommen, vielleicht rollt in knapp 20 Jahren ja auch eine ansehnliche Flotte von Fahrzeugen mit neuen Antriebsformen (Wasserstoff, Strom) über die Straßen.

Dennoch rechnet das Institut für Energietechnik auch 2030 im Landkreis Roth noch mit einem Bedarf von knapp einer Milliarde Kilowattstunden Energie pro Jahr. Ein Großteil davon dürfte weiterhin in Form von Benzin und Diesel (also Erdöl) oder Erdgas zur Verfügung gestellt werden müssen. Die Folge: Ohne die Multis geht es hier nicht.

WÄRME. ENERGIEAUTARKIE NUR ZU EINEM DRITTEL MÖGLICH. Selbst wenn jedes Jahr zwei Prozent der Häuser energetisch saniert würden und der Heizbedarf dadurch deutlich zurückgeht, kann der Bedarf durch Sonne (Solarthermie) und Biomasse im Landkreis Roth nicht gedeckt werden, zumindest nicht bis zum Jahr 2030. Die Folge: Die Öl-Lieferungen (Foto) und die Gasleitungen werden noch Jahrzehnte zum Alltagsbild gehören. © ddp


Wärme

Etwas besser sieht es bei der Heizenergie aus. 1,65 Milliarden Kilowattstunden werden derzeit pro Jahr im Landkreis Roth benötigt, um im Winter Häuser zu heizen, um Wasser zu erwärmen, um die Industrie am Laufen zu halten.

Das Einsparpotenzial ist hier enorm. Wenn jedes Jahr zwei Prozent der Häuser energetisch saniert werden würden (derzeit ist es nur ein Prozent), wenn Gewerbe, Handel, Dienstleistungen und Industrie ihren Auflagen nachkommen und wenn die Kommunen bei der Dämmung von öffentlichen Gebäuden Vorreiter spielen, dann könnte der Bedarf um bis zu 30 Prozent sinken. Das IfE geht von 1,2 Milliarden Kilowattstunden an „thermischer Endenergie“ aus, die im Jahr 2030 zur Verfügung gestellt werden müssen.

Mit den Ressourcen vor Ort ist das nicht zu schaffen. 306 Millionen Kilowattstunden Heizenergie kommen heute schon aus den Wäldern (Holz), von der Sonne (Warmwasseraufbereitung mittels Solarthermie), als „Abfallprodukt“ von Biogasanlagen oder aus der Erde mittels Wärmepumpen. Drei Viertel des gesamten Potenzials seien damit schon ausgeschöpft, glaubt Professor Markus Brautsch, der Leiter des IfE. Auf recht viel mehr als 400 Millionen Kilowattstunden werde man auch im Jahr 2030 nicht kommen.

Die Folge: Es klafft eine jährliche Lücke von mehr als 800 Millionen Kilowattstunden. Ohne Öl und Gas wird es also auch in 18 Jahren nicht gehen.

STROM: ENERGIEAUTARKIE MÖGLICH. Das wird klappen, wenn die Verbräuche bis 2030 um ein Viertel sinken und gleichzeitig die Potenziale für Strom aus erneuerbaren Quellen ausgeschöpft werden. Eine Schlüsselrolle kommt dem Wind zu (das Bild zeigt den Windpark Zieger im Kreis Neumarkt). Um den Bedarf zu decken, sind neben Strom von der Sonne, aus Biogasanlagen und aus Wasserkraft rund 30 Strommühlen nötig. © Mark Johnston


Strom

Hier wird es wirklich interessant. Denn wenn alle Einsparpotenziale genutzt und alle Zubaupotenziale ausgeschöpft werden, dann könnte der Landkreis Roth 2030 tatsächlich vom Stromimporteur zum Stromexporteur werden.

Möglich ist das nur, wenn der Verbrauch von derzeit jährlich 410 Millionen Kilowattstunden um 30 Prozent auf rund 285 Millionen Kilowattstunden sinkt. Das ist nicht unrealistisch, weil immer mehr alte Stromfresser (30 Jahre alte Gefriertruhen, Pumpen, wattstarke Lampen) durch Geräte ersetzt werden, die nur einen Bruchteil an elektrischer Energie verbrauchen.

Auf der anderen Seite wird die vor Ort aus erneuerbaren Quellen erzeugte Strommenge deutlich zunehmen, von derzeit 73 Millionen Kilowattstunden auf bis zu 325 Millionen Kilowattstunden. 285 Millionen Kilowattstunden Verbrauch, 325 Millionen Kilowattstunden selbst erzeugter Strom. „Die 40 Millionen Kilowattstunden Überschuss können Sie dann nach Nürnberg schicken“, so IfE-Leiter Markus Brautsch.

In Sachen regenerativer Strom spielt derzeit im Landkreis Roth die Photovoltaik (41,5 Millionen Kilowattstunden pro Jahr) die Hauptrolle vor den Biogasanlagen (21,7 Millionen Kilowattstunden), der Wasserkraft (9,1 Millionen Kilowattstunden) und der Windkraft (0,5 Millionen Kilowattstunden).

Künftig dürften die Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden, denn das IfE sieht für den Landkreis Roth ein Potenzial von bis zu 32 Windkraftanlagen, die meisten davon im Süden des Landkreises.

Jede von ihnen würde knapp 6,5 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr produzieren, am Ende kämen alleine mit dem Wind knapp 210 Millionen Kilowattstunden zusammen. Photovoltaik (Gesamtpotenzial 72 Millionen Kilowattstunden), Biogasanlagen (32 Millionen Kilowattstunden) und Wasser (11,8 Millionen Kilowattstunden) spielen dann nur noch die zweite, dritte und vierte Geige.

„Alles wird also davon abhängen, ob die großen Windmühlen kommen oder nicht“, sagt Brautsch, der selbst in der Nähe von Greding wohnt – in jener Gemeinde, in der die Experten neben Hilpoltstein und Thalmässing vielleicht die größten Windpotenziale sehen.

Was kostet das?

Klar ist: Die Energiewende ist nicht zum Nulltarif zu haben. Alleine um beim Dämmen von Häusern die Einsparpotenziale von knapp 30 Prozent zu erreichen, sind in den nächsten 18 Jahren Investitionen von rund 700 Millionen Euro zu stemmen – der Großteil von Privatleuten. Den Ausbau der erneuerbaren Energien zur Stromerzeugung beziffert das IfE auf über 300 Millionen Euro. Zusammen also über eine Milliarde Euro.

Das ist eine Menge Geld. Aber es verteilt sich natürlich erstens auf 18 Jahre und zweitens auf knapp 125000 Landkreisbürger. Und: „Das Geld bleibt bei Ihnen im Landkreis Roth“, sagt Markus Brautsch. Außerdem: Je schneller die Preise für Heizöl und Gas steigen, desto schneller refinanziert sich eine Investition in Wärmedämmung, in neue Fenster und in Solarthermie auf dem eigenen Hausdach.

Die CO2-Bilanz

Auf der Straße, beim Heizen und beim Betreiben von elektrischen Geräten werden im Landkreis Roth derzeit rund 934 000 Tonnen des Klimakillers Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre geblasen. Das entspricht ungefähr 7,5 Tonnen pro Kopf.

Werden bis 2030 alle Einsparpotenziale ausgeschöpft und alternative Energien optimal genutzt, könnten diese Werte auf 405000 Tonnen pro Jahr sinken oder 3,3 Tonnen CO2 pro Jahr und Kopf. Das wäre nahe an jenem Wert, den Klimaforscher für Erde und Klima als noch verkraftbar halten.

Wie geht es weiter?

Das Energieentwicklungskonzept des Landkreises Roth ist in verschiedene Teilabschnitte gegliedert. Im Februar hatte das IfE mit umfassendem Zahlenmaterial die aktuellen Energieverbräuche vorgestellt und den derzeitigen Anteil an erneuerbaren Energien vorgestellt (wir berichteten).

Jetzt wurden die Einspar- und Ausbaupotenziale vorgestellt. Andreas Scharrer, der Regionalmanager am Landratsamt Roth, unter dessen Führung das Energieentwicklungskonzept entstanden ist, wird die Daten in den nächsten Wochen und Monaten in den Gemeinden vorstellen. Die bekommen dazu sogenannte „Gemeindesteckbriefe“ an die Hand. In denen sind viele Daten (vom Fahrzeugbestand bis zur Anzahl der PV-Anlagen) aufgelistet, anhand derer sich jede Gemeinde selbst energiepolitische Ziele setzen soll. Ziele, die sie, energietechnisch gesehen, bis zum Jahr 2030 erreichen will.

Die Ziele der Gemeinden summieren sich bis zum Herbst zu einem Landkreis-Ziel. Eine Art „Energie-Allianz“ überwacht dann die Fortschritte.

Noch allerdings ist nicht klar, wie dies passieren soll. Eine solch umfangreiche Datensammlung, wie sie das IfE jetzt zusammengetragen hat, ist alleine aus finanziellen Gründen nicht jedes Jahr möglich. „Hier“, räumt Regionalmanager Scharrer ein, „müssen wir uns noch etwas einfallen lassen“. 

ROBERT GERNER

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