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Dr. Thomas Carl war im Katastropheneinsatz auf den Philippinen

Internist aus Schwanstetten half drei Wochen in der vom Taifun „Haiyan“ zerstörten Region Tacloban - 15.02.2014 07:44 Uhr

Überleben im kompletten Chaos: „Das Lächeln ist nicht gestellt. Die Leute machen das Beste daraus“, hat Dr. Thomas Carl beobachtet. „Diese positive Lebenseinstellung hat mir ungeheuer imponiert.“


Dort war der 54-jährige Schwanstettener Internist Dr. Thomas Carl, der in Nürnberg eine Praxis hat, ab 20. Dezember für drei Wochen im ehrenamtlichen Hilfseinsatz. Für den erfahrenen Mediziner war es der erste Einsatz in einem Katastrophengebiet.

Herr Dr. Carl, als Sie in der Stadt Tacloban gelandet waren, also im Zentrum der Zerstörung: Was war Ihr erster Eindruck?

„Hinga alaro“: „Das heißt: tief atmen“, sagt Dr. Thomas Carl. „Und ,ul ul?’ bedeutet: ,Haben Sie Schmerzen?’“ Der Schwanstettener Arzt bei seiner Sprechstunde im philippinischen Katastrophengebiet. Dort hat der Taifun „Haiyan“, der auf den Philippinen „Jolanda“ genannt wird, ganze Städte dem Erdboden gleich gemacht. Besonders betroffen: die Stadt Tacloban auf der Insel Leyte. © Dr. Carl


Dr. Carl: Wenn man aus unserer behüteten Welt kommt, dann denkst du dir: Das glaubst du jetzt nicht. Häuser in Trümmern, Lastwagen zerknautscht wie leere Coladosen, die Palmen abgeknickt wie Streichhölzer. Völlige Zerstörung. Wie Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg. Ich habe mit den Tränen gekämpft.

Man hört Berichte, dass immer noch Tote gefunden werden.

Dr. Carl: Das habe ich selbst nicht mitbekommen. Aber das kann ich mir angesichts der Zerstörung vorstellen.

Was hat Sie motiviert, ins Katastrophengebiet zu gehen? Die schrecklichen Fernsehbilder?

Dr. Carl: Nein, die Entscheidung für einen solchen Hilfseinsatz fiel schon viel früher. Eigentlich wollte ich das schon seit Jahren. Aber als Internist bin ich ja so etwas wie Facharzt für Zivilisationskrankheiten. Da habe ich immer gefragt: Was könnte einer wie ich dort helfen?

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Tacloban nach dem Taifun: „Positive Energie in der Trümmerwüste“

Der Internist Dr. Thomas Carl aus Schwanstetten war für die Hilfsorganisation Humedica auf den Philippinen im Einsatz.


Was hat Ihre Haltung geändert?

Dr. Carl: 2012 habe ich zufällig einen Kollegen aus Studienzeiten getroffen. Der hat mir erzählt, dass er ehrenamtlich für die Kaufbeurer Hilfsorganisation Humedica arbeitet. Und er hat gesagt: Wenn du nicht gehst, dann ist keiner dort. Ab diesem Moment gab es keine Ausreden mehr. Im Gespräch war zunächst ein Projekt in Uganda. Dann kam der Taifun über die Philippinen.

Wie haben Sie sich auf diesen Einsatz vorbereitet?

Dr. Carl: Schon im April 2013 war ich bei einem einwöchigen Training bei Humedica. Da wird man getestet, ob man physisch und psychisch geeignet ist. Schlafen im Zelt bei Minusgraden, plötzliche Evakuierungen in der Nacht. Das war Üben für alle möglichen Ernstfälle. Gesucht sind Leute, die teamfähig und stabil sind. Das ist auch ein Stück Selbsterfahrung. Niemand darf sich mit eigenen Problemen in so einen Einsatz flüchten, das haben die erfahrenen Leute von Humedica sehr betont.

Wie sah Ihr Einsatz aus?

Dr. Carl: Die ersten beiden Wochen waren wir auf der Insel Samar jeden Tag in einem anderen Dorf, die dritte Woche in der Krankenhaus-Ambulanz von Tacloban.

Wie groß war Ihr Team?

Dr. Carl: Wir waren zu viert: ein Koordinator, zwei Krankenschwestern und ich. Hinzu kamen noch einheimische Helfer, die Englisch sprachen und ins Philippinische übersetzen konnten. Das war ein wunderbares Team.

Überleben im kompletten Chaos: „Das Lächeln ist nicht gestellt. Die Leute machen das Beste daraus“, hat Dr. Thomas Carl beobachtet. „Diese positive Lebenseinstellung hat mir ungeheuer imponiert.“


Gab es noch sehr viele Verletzte?

Dr. Carl: Wir waren ja nicht in der Akutphase vor Ort, sondern sechs Wochen später. Es sind auch Ärzte und Krankenschwestern ums Leben gekommen. Die ohnehin schlechte medizinische Versorgung wurde also noch schwieriger. In den Dörfern sind die Leute mit den unterschiedlichsten Problemen gekommen. Wenn schon mal wieder ein Arzt da war...

Wie haben Sie denn Sprechstunde gehalten?

Dr. Carl: In einfachen Räumen oder unter freiem Himmel mit einer Plane gegen den Monsun oder die Sonne. Dazu ein Holztisch, ein paar Plastikstühle, auch mal ein Jesus-Bild an der Wand, das war’s. Die Menschen standen Schlange — mit bewundernswerter Geduld.

Konnten Sie unter solchen Bedingungen wirklich helfen?

Dr. Carl: Ja, wir konnten glaube ich in vielen Fällen helfen. Auch weil wir Medikamente mitgebracht hatten. Aber es war natürlich nicht immer einfach. In Tacloban gab es kein Insulin. Im Krankenhaus fiel der Strom aus. Der OP-Saal konnte nicht genutzt werden. Das fand ich schon heftig. Und dann gibt es auf den Philippinen sehr viele Hautkrankheiten, wohl wegen des feuchtwarmen Klimas. Da haben wir uns schon manchmal gefragt: Um Himmels willen, was ist das? Tumore oder Geschwüre könnte man bei uns behandeln. Dort aber müssen die Menschen mit solchen Entstellungen leben, weil die nächste Fachklinik eine Flugstunde entfernt ist und sie sich das schlicht nicht leisten können. In solchen Momenten ist man brutal hilflos.

Wie haben Sie die Menschen erlebt? Traumatisiert?

Dr. Carl: Kollegen, die als erstes dort waren, haben uns berichtet, dass das in den ersten Tagen so war. Aber wir haben die Leute als froh wahrgenommen. Nicht als ausgelassen heiter, aber als froh. Sie halten zusammen und machen das Beste aus der Situation. Diese Lebenseinstellung hat mir sehr imponiert. Die Leute achten auch sehr auf Sauberkeit. Und die lachenden Kinder sind einfach putzig. Viele Leute wohnen ja noch in den Resten ihrer Häuser oder Hütten. Doch man spürt positive Energie in der Trümmerwüste.

Aber die Menschen haben doch Angehörige und Freunde verloren.

Dr. Carl: Einmal sind wir zufällig zu einer Trauerfeier gekommen. Die Toten waren in der Mitte eines Kreisverkehrs begraben. Die Menschen waren ganz ruhig, ganz ernsthaft. Da hat man schon gespürt, was los war. Das war unheimlich eindrucksvoll. Da habe ich Rotz und Wasser geheult.

Wie ist die Versorgungslage?

Dr. Carl: Hunger gibt es nicht. Wir haben erlebt, dassimmer mehr kleine Läden wieder öffnen. Das Leben kehrt langsam zurück. Ich kann den Wiederaufbau nicht beurteilen. Aber alleine die ganzen Trümmer wegzuräumen, wird unfassbar schwierig.

Wie waren Sie als Helfer untergebracht?

Dr. Carl: Vergleichsweise komfortabel in einem noch stehenden Steinhaus. Wir hatten sogar Kaffee am Morgen, eine Toilette und immer Wasser zum Waschen. Da stören dann auch die Ameisen nicht. Geschlafen haben wir draußen unter einem Vordach in Moskitonetzen. Es war Monsunzeit. Es regnete fast durch. Und es war heiß, auch nachts. Aber das war schon okay. Wir können ja wieder zurück in den Luxus. Die Menschen dort nicht.

Welche Erfahrung nehmen Sie für Ihre Praxis in Deutschland mit?

Dr. Carl: Als Arzt in Deutschland hat man eigentlich kein Problem. Entweder ich kann selbst helfen oder der Kollege von nebenan. Man darf sich schon einmal klarmachen, was für ein Glück es ist, auch wegen Kleinigkeiten zum Arzt gehen zu können.

Werden Sie einen solchen Einsatz wiederholen?

Dr. Carl: Diese Erfahrung war für mich ein Geschenk. Und weil auch meine Familie das mitträgt, würde ich das wahnsinnig gerne wieder machen.

www.humedica.org
  

Interview: GÜNTHER WILHELM

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