Sonntag, 07.03.2021

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Drama um Segler Herrmann vor der Küste von Schwabachs Partnerstadt Les Sables

Gespräch mit dem Vorsitzenden des Partnerschaftskommitees, Robert van Loosen, über die Vendeé Glo - 28.01.2021 13:30 Uhr

„Da liegt das Ziel“. Boris Herrmann lag bei der Vendée Globe bis kurz vor Schluss auf Podestkurs. In der letzten Nacht kollidierte der Hamburger dann aber mit einem Fischerboot. Seine Jacht wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen. Auf der letzten Rille schleppte sich der einzige Deutsche im Feld der 33 Profis in Les Sables über die Ziellinie.

28.01.2021 © Foto: dpa


Der Franzose Yannick Bestaven hat die Vendée Globe gewonnen, das spektakulärste Segelrennen der Welt. Er fuhr zwar nur als Zweiter über die Ziellinie, profitierte aber von einer gut zehnstündigen Zeitgutschrift.

Die Regatta führt zwar nur von Les Sables nach Les Sables, aber dazwischen liegen gut 50 000 Kilometer. Es geht einmal hinunter bis ins Südpolarmeer, dort einmal rund um den Erdball und nach der Passage bei Kap Hoorn wieder zurück an die französische Atlantikküste.

Der erste Deutsche: Havarie kurz vor dem Ziel

Erstmals war in diesem Jahr mit Boris Herrmann ein Deutscher dabei. Dass der in den vergangenen Tagen gleich um den Sieg mitsegelte, hat der Vendée auch in hiesigen Breiten zu deutlich mehr Aufmerksamkeit verholfen als frühere Ausgaben.

In Schwabach war die Regatta schon immer ein Begriff. Schließlich sind die Goldschlägerstadt und die Hafenstadt an der französischen Atlantikküste schon seit 46 Jahren befreundete Partner.

Ein Gespräch mit Robert van Loosen, dem Vorsitzenden des Partnerschaftskomitees Schwabach-Les Sables übers Segeln, die Vendée Globe und über das überraschend gute Abschneiden von Boris Herrmann, der allerdings kurz vor dem Ziel mit einem Fisch-Trawler kollidierte und noch vom (wahrscheinlichen) zweiten auf den fünften Platz zurückfiel. Ein Drama auf hoher See.

 

Hallo Herr van Loosen, haben Sie die Nacht vor der Tracking-Map verbracht, um zu sehen, wer nach 50 000 Kilometer als erstes den Hafen von Les Sables erreicht?

Robert van Loosen, 52, ist seit 2009 Vorsitzender des Partnerschaftskomitees Schwabach-Les Sables. Mit dem Segelsport hat er eigentlich nicht so viel am Hut. Aber die Vendée Globe fesselt ihn. Auch weil er selbst schon zweimal beim Start dabei war.

28.01.2021 © Foto: Günther Wilhelm


Robert van Loosen: Nein das nicht. Ich habe mit Segeln an sich nicht viel zu tun, aber ich gebe zu: Dieses Rennen hat mich wirklich gepackt. 50 000 Kilometer unterwegs, und am Ende entscheiden ein paar Stunden. Das ist ja wie eine Tausendstel-Entscheidung beim Bobfahren.

 

Und dann das Drama um den ersten Deutschen, der jemals bei diesem Wahnsinn mitgemacht hat. 50 000 Kilometer lang hat Boris Herrmann Eisberge und Wale umschifft. Er hat das Kap der guten Hoffnung und Kap Hoorn passiert. Und dann kracht er praktisch auf der Ziellinie in ein Fischerboot. Das gibt’s doch nicht!

Robert van Loosen: Es ist wirklich unglaublich. Wasser hat doch Balken! Ich habe das am Mittwochabend gar nicht mehr mitbekommen. Es ist ja erst nach 22 Uhr passiert. Aber es stimmt. Die Franzosen würden sagen: Quel drame, was für ein Drama!

 

Fühlen die Franzosen wenigstens ein kleines bisschen mit dem Unglücksraben mit?

Robert van Loosen: Naja, ich glaube eher, dass sie froh sind, dass doch wieder ein Franzose gesiegt hat, so wie bisher immer. Das gehört schon zum französischen Selbstverständnis und Patriotismus: Die Vendée muss einer der Ihren gewinnen.

 

Sie waren selbst schon beim Start der Ragatta vor Ort. Beschreiben Sie doch mal.

Robert van Loosen: Ach, was soll ich sagen? Da sind normalerweise Zehntausende, vielleicht Hunderttausende Leute da. Über die Monate hinweg weit über eine Million. Das ist in den Wochen vor dem Start wie ein Volksfest. Die Vendée ist für Les Sables wie der Triathlon für Roth. Etwas einmaliges. Schade, dass diesmal Start und Ankunft weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden mussten.

Umso mehr freut es mich, dass diesmal auch die deutschen Medien unheimlich viel berichten, Zeitungen, online und auch das Fernsehen. Les Sables d’Olonne kennt plötzlich ganz Deutschland. Mindestens!

Warum war das in der Vergangenheit nicht so?

Robert van Loosen: Weil bei diesem Wahnsinn noch nie ein Deutscher mitgemacht hat. Boris Herrmann wollte zuerst nur ankommen und möglichst unter den Top Ten. Zuletzt hat er aber um den Sieg mitgekämpft. So etwas elektrisiert die Leute natürlich.

Gut 80 Tage lagen zwischen dem Start am 9. November in Les Sables (Bild) und der Rückkehr der Führenden am Mittwochabend beziehungsweise Donnerstag.

19.11.2020 © JEAN-FRANCOIS MONIER, NN


Dass er jetzt so kurz vor dem Ziel havariert ist, wird seinen Ruhm nicht schmälern, im Gegenteil. Ich glaube, er ist ein super Botschafter für den Segelsport in Deutschland.

 

Viele haben ihm die Daumen gedrückt, weil er auf den Bildern, die von seiner Action-Cam stammen, gut, sympathisch und bodenständig rüberkommt.

Robert van Loosen: Auf jeden Fall. Das ist ein sehr smarter, ein sehr telegener Typ. Aber man muss sich schon im klaren darüber sein, dass das nicht ein Wald- und Wiesensegler ist, der aus dem Nichts kommt und den Franzosen zeigt, wo der Barthel den Most holt. Das ist ein Profi durch und durch mit einer hochgerüsteten Yacht, unterstützt unter anderem von der Fürstenfamilie aus Monaco.

 

Mit dem Herrn Casiraghi hat er ja auch Greta Thunberg 2019 nach New York kutschiert. Flotte Trainingsfahrt.

Robert van Loosen: Genau das war es. Dadurch ist er einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden.

 

Auch wenn man das beste Material hat: Man ist bei der Vendée Globe trotzdem 80 Tage alleine auf seiner Yacht, darf keinen Fuß aufs Festland setzen. Das ist eine enorme psychische Herausforderung.

Robert van Loosen: Ja, klar. Da ziehe ich vor jedem den Hut. Vor dem Ersten und vor dem Letzten. Chapeau! Es ist eine unglaubliche Willensleistung. Man kann ja nie mal länger schlafen. Es ist der ständige Kampf gegen die Wellen, gegen die Natur, gegen den eigenen Körper.

Boris Herrmann hat ja auch einige Male beschrieben, wie sehr ihm die Einsamkeit unterwegs zu schaffen gemacht hat. Aber um der Wahrheit die Ehre zu geben: Die Segler sind zwar alleine auf dem Boot. Aber dahinter steht ein ganzes Team. Trainer, Ingenieure, Meteorologen. Den Wind müssen die Skipper nicht alleine lesen.

 

Wann steigen Sie wieder aufs Segelboot?

Robert van Loosen: Segeln? Das ist nichts für mich. Vielleicht mal eine halbe Stunde auf dem Mittelmeer vor der Küste. Aber ansonsten: Nein danke.

 

Da geht es Ihnen wie mir. Dieses ewige Geschaukel.

Robert van Loosen: Aber auch wenn man etwas nicht macht. Man kann ja trotzdem davon fasziniert sein. Und die Vendée ist eindeutig faszinierend.

 

Wenn es schon nicht zum Segeln geht, wann geht es wieder nach Les Sables?

Robert van Loosen: Wenn ich das wüsste. Wir hatten im vergangenen Jahr schon alles gebucht. Wir wollten bei unseren Freunden das 45-jährige Jubiläum unserer Städtepartnerschaft feiern. Der Bus war schon bestellt, die Autos standen gewissermaßen schon bereit. Mit 70 Personen wären wir angereist. Corona hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Ob wir die Feier heuer nachholen können, steht noch in den Sternen. Für die Planungen bräuchte ich ein paar Monate Vorlaufzeit.

 

Robert van Loosen: Na hoffentlich fahren wir bzw. viele Schwabacher auch bis dahin wieder öfter zu unseren Freunden. Da braucht es auch kein Megaevent. Ich selbst bin schon zweimal beim Start dabeigewesen. Einige von uns durften sogar mit dem Boot raus zur Startlinie. Dabei entstanden einige interessante Berichte und Filme. Kann man sich auf unserer Homepage anschauen. Es ist schon ein Spektakel...

 

Ein Spektakel, das es nur alle vier Jahre gibt.

Das haben die Franzosen natürlich bewusst so festgelegt. Es braucht aber auch eine lange Vorbereitungszeit dazwischen. Wie bei den Olympischen Spielen. Das zeigt auch: Etwas größeres als die Vendée gibt es im Segelsport nicht.

 

Interview: ROBERT GERNER

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