Ein Traumjob? Schwabacher lebt als digitaler Nomade

16.1.2019, 05:58 Uhr
Die Welt gehört ihm: Jan Stein in den Bergen Neuseelands.

© Fotos: privat Die Welt gehört ihm: Jan Stein in den Bergen Neuseelands.

Guadalajara, Los Angeles, Bangkok, Chiang Mai, München, Berlin, Schwabach, Belgien, Berlin, Singapur, Melbourne, Neuseeland, München, Schwabach, Köln, Cancun, Guadalajara. Für manche muss ein solches Reisepensum für ein ganzes Leben reichen, für Jan Stein, 31 Jahre alt, ist es die kurze Zusammenfassung des Jahres 2018. Dabei inklusive: drei Hochzeiten, Bungee-Sprünge, Rafting, Escape Rooms, ein Rooftop Pool, ein Musikfestival, zwei Besuche bei den Eltern und jede Menge Achterbahnen. Stein ist das, was man einen "digitalen Nomaden" nennt.

Beginnen wir die Geschichte am Anfang. Jan Stein ist in Roßtal aufgewachsen, vor sechs Jahren sind seine Eltern nach Schwabach gezogen. Da war Stein bereits Student – er hat in Deggendorf seinen Bachelor in Medientechnik gemacht, in Offenburg nahe Freiburg den Master in Medien und Kommunikation. Schon nach dem Abitur zog es Stein in die weite Welt. Ein halbes Jahr verbrachte er in Australien, reiste und lebte von Gelegenheitsjobs, "work and travel" eben.

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2011 machte er in Valencia einen Spanischkurs. Um seine Kenntnisse auch anzuwenden, machte er ein Auslandssemester in Mexiko.

Ehrgeiziges Ziel

Der Gedanke an Mexiko ließ ihn nicht mehr los, während er in Berlin in einer Agentur arbeitete. Über einen Kollegen erfährt er von einer Bloggerin, die als digitale Nomadin lebt. Das Ganze funktioniert in etwa so: Man bestückt eine Internetseite mit Reiseeindrücken, verdient damit seinen Lebensunterhalt und ist deshalb nicht von einem ständigen Wohnsitz abhängig. Stein besucht in Berlin eine Konferenz, auf der sich digitale Nomaden aus aller Welt austauschen. Er ist fasziniert von dem Konzept.

Stein setzt sich ein Ziel: "Bis August 2015 schaffe ich es, in Mexiko zu leben." Es ist Mitte 2014, Stein ist 27 Jahre alt und hat ein Jahr Zeit, seinen Traum vorzubereiten. Und tatsächlich: Im Juni 2014 kündigt er seinen Job, am 8. August 2015 steigt er mit einem Koffer und Handgepäck in den Flieger nach Mexiko. Es gibt kein zurück mehr. Alles, was er besitzt, hat er dabei. Na ja, nicht ganz, seine Fotoalben – die Erinnerungen an das "alte" Leben – liegen im Keller der Eltern in Schwabach.

Reiseblogs gibt es viele

Stein ist gut vorbereitet. Er hat genug Geld gespart, um mindestens ein Jahr in Mexiko leben zu können, auch wenn die Einnahmen nicht fließen wie erhofft. Aber der Blog ist bereits online, er hat zwei Kunden, deren Webseiten er betreut und für Suchmaschinen (wie etwa Google) optimiert. Über Freizeitaktivitäten will er schreiben, das ist die Nische, die er sich ausgesucht hat. Reiseblogs gibt es viele, er will über Freizeitparks und andere Aktivitäten berichten – gerne verrückte Sachen wie Bungee-Jumping oder Fallschirmspringen. Stein ist fest entschlossen, es durchzuziehen.

Drei Jahre später sitzt er im Café Prinz in Schwabach. Ein großgewachsener, offener, freundlicher junger Mann. Auf seinem grauen Kapuzenpullover ist ein Surfer zu sehen, der seine Gesichtszüge trägt. Daneben steht der Schriftzug, der ebenso Steins Motto wie auch der Name seiner Internetseite ist: "lebe geil". Es hat funktioniert: Stein hat seine "homebase", wie er es nennt, in Guadalajara, Mexiko. Dort hat er eine Wohnung. Gut die Hälfte des Jahres ist er aber auf Reisen. Die Route richtet sich nach den Aktivitäten, über die er schreibt.

Harte Arbeit

Jan Stein schwärmt von seinem Leben: Beim Rafting in Neuseeland mit einem Schlauchboot sieben Meter in die Tiefe stürzen; in einem Swimmingpool hoch über den Wolkenkratzern von Singapur; auf der Hochzeit eines befreundeten Pärchens, ebenfalls digitale Nomaden, mit denen er früher im Jahr einen Monat gemeinsam in Chiang Mai im Norden von Thailand gelebt hat. Stein lebt noch nicht komplett von seinem Blog. Er arbeitet außerdem für eine Agentur, die ein Österreicher gegründet hat, der jetzt in Dubai lebt. Insgesamt reicht es zum Leben, irgendwann soll der Blog sein einziges Einkommen sein.

Es klingt alles fantastisch, wenn man aber ein bisschen genauer nachfragt, merkt man schnell: Die Basis dieses aufregenden Lebens ist harte Arbeit und oftmals auch Verzicht. Der einen Nacht im teuren Hotel in Singapur standen mehrere Nächte in einem schäbigen, billigen Hostel gegenüber. Drei Reisemonaten quer durch die Welt stehen drei Monate gegenüber, während denen Stein in Guadalajara zehn bis zwölf Stunden am Tag arbeitet. Eine Phase löst die andere ab. Seine Eltern sieht er immer, wenn sich ein Schwabach-Besuch zwischendurch einrichten lässt. Über Weihnachten war er mal wieder da, das hat seit drei Jahren zum ersten Mal geklappt.

Kostbare Freiheit

Aber, bei allen Schattenseiten: "Ich muss nicht meinen Chef fragen, wenn ich Urlaub nehmen will", sagt Stein und lächelt. "Die Freiheit ist das wichtigste." Die Freiheit, über Ort und Zeit selbst zu bestimmen. Viele digitalen Nomaden, sagt er, streben auch die finanzielle Freiheit an – also: Geld verdienen, dafür aber nicht mehr arbeiten zu müssen. "Das will ich aber gar nicht, dafür macht mir die Arbeit viel zu viel Spaß."

Und Stein sieht keinen Grund, in näherer oder fernerer Zukunft etwas zu ändern. Schließlich gebe es auch für ältere Menschen jede Menge Freizeitaktivitäten, warum sollte er also in 20 Jahren keinen erfolgreichen Blog mehr schreiben können? Zunächst einmal steht aber Kanada auf dem Plan.

Seit Februar ist er mit seiner Freundin zusammen, er hat sie in Mexiko kennengelernt. Ihr Plan ist es, im Frühjahr 2019 einen Englischkurs in Vancouver zu machen. Für Jan Stein bedeutet das: Geld sparen, Kontakte knüpfen, Aktivitäten in Kanada recherchieren und dann: drei Monate Kanada. Wo es ihn danach hin verschlägt? "Im Sommer wäre Europa schön, vielleicht Berlin. In Südostasien sind die Lebenshaltungskosten niedrig, das ist immer eine Option. Aber wir könnten uns auch vorstellen, in Spanien oder Portugal eine Zeit lang zu wohnen."

Offizieller Status

Am Ende des Gesprächs zückt Jan Stein seinen Personalausweis. Er hat die Zeit in Deutschland für einen Amtsbesuch genutzt. Dort, wo bei deutschen Normalbürgern die Adresse steht, wo auch bei Stein bis vor kurzem noch die Schwabacher Adresse seiner Eltern stand, heißt es jetzt: "Keine Wohnung in Deutschland." Das Nomadentum ist nicht mehr nur Lebensinhalt, es ist ein offizieller Status geworden.

Über Jan Steins Angebote in Sachen Facebook-Werbung erfährt man mehr auf www.werbegeil.de, über seine Abenteuer berichtet er auf www.lebegeil.de.

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