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Donnerstag, 03.12.2020

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Erstmals: Kindergarten auf dem Bauernhof

In Poppenreuth entsteht im Herbst 2020 eine ganz besondere Kita. - 21.12.2019 06:00 Uhr

Viel Auslauf: Ruth Simone Stumpp, Barbara Hechtel und Georg Hechtel in dem Garten, in dem künftig Gemüse und Ackerfrüchte angebaut werden. Vor ihnen die ersten Bewohner: drei Bienenvölker.

20.12.2019 © Robert Gerner


Die ersten Tiere sind schon da. Wenn auch noch nicht zu sehen. Drei Bienenvölker haben sich in drei Kästen hinter einem kleinen Gebäude auf dem Hechtel’schen Hof zur Wintertraube zurückgezogen. Sie warten mit ihrer Königin aufs nächste Frühjahr. Wenn sie im März oder April die Gegend nach ersten Frühjahrsblühern absuchen, dann wird auf dem Bauernhof nichts mehr zu sein, wie es einmal war.

Denn auch Karina Hechtel, Ingrid Dullnig und Ruth Simone Stumpp warten aufs Frühjahr. Im März oder April werden die Ärztin, die Gesundheitsökonomin und die Betriebswirtschaftlerin einen Teil einer alten Scheune auf dem Hechtel-Hof abreißen lassen. Im Mai entsteht dann an gleicher Stelle in Fertigbauweise eine Art Holzbungalow (ohne Leim, ohne Eisennägel!) in Passivhaus-Standard. Beherbergen wird er einmal einige Büros, Sanitäranlagen, eine große Küche und verschiedene Gruppenräume. Beherbergen wird er aber vor allem bis zu 30 Kindergarten- und bis zu 30 Hortkinder. Denn im kleinen Kammersteiner Ortsteil Poppenreuth entsteht dann der erste Bauernhof-Kindergarten in der Region.

Ein Herzensprojekt

Hechtel, Dullnig und Stumpp kennen sich seit Schulzeiten. Beruflich haben sie ganz unterschiedliche Wege eingeschlagen. Jetzt führt sie ein Herzensprojekt aber wieder zusammen. Ein Projekt, wie es in Deutschland erst etwa 20 Mal auf die Beine gestellt worden ist.

Die Idee: Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur (und in der Natur) beizubringen und die kindliche Entwicklung optimal zu fördern.

Nah dran am Geschehen

Diesen Anspruch haben natürlich auch alle anderen Kindergärten in der Republik. Aber die Kinder in Poppenreuth werden einmal ganz nah dran sein am Geschehen. Denn der frühere Hechtel-Bauernhof, der schon vor einigen Jahrzehnten dem Strukturwandel in der Landwirtschaft zum Opfer gefallen ist, soll revitalisiert werden. Auf einem Hektar sollen bis zu 30 verschiedene Gemüsesorten angebaut werden. Auf dem Hof werden Schafe und Schweine eine neue Heimat finden, vielleicht auch Hasen oder Kaninchen. Und natürlich die Bienenvölker. Ein Streichelzoo wird das nicht. Zumindest auf die größeren Vierbeiner wartet am Ende der Schlachter.

Ausbaustufe II: Auf dem Hechtel-Hof soll die Scheune links verschwinden. Hier soll eine Tagespflege entstehen, allerdings erst im Jahr 2021.

20.12.2019 © Robert Gerner


Zusammen mit einem Gärtner wird sich Ingrid Dullnig um die Landwirtschaft kümmern. Sie macht derzeit eine entsprechende Ausbildung. Ruth Simone Stumpp ist zuständig für Betrieb von Kindergarten und Hort. Karina Hechtel ist in das operative Geschäft nicht eingebunden, weil sie weiter als Ärztin arbeiten will. Doch ihren Eltern gehört der Hof. Georg und Barbara Hechtel freuen sich auf die neue Nachbarschaft. Der 69-Jährige und seine Frau sind gewissermaßen auch ein Teil des Bauernhof-Kindergartens. Denn Tiere, auch wenn es nur wenige sein werden, brauchen rund um die Uhr Betreuung, auch am Wochenende.

Zurück zu den Wurzeln

Hechtel kehrt damit zumindest zum Teil zurück zu seinen Wurzeln. Früher war er Vollerwerbslandwirt, später bewirtschaftete er den Hof als Nebenerwerbslandwirt, dann ging er in Rente und verpachtete die Felder. Und ab Herbst 2020 arbeitet er wieder als Bauer in Teilzeit. Er macht das, weil ihm die Zukunft der Landwirtschaft ein Herzensanliegen ist. "Man muss die Verbraucher wieder mit denen zusammenbringen, die die Dinge herstellen." Und seien es vorerst nur die ganz kleinen Verbraucher.

Der Bauernhof-Kindergarten ist nur ein Baustein in einem ausgeklügelten System. Die drei Gesellschafterinnen Hechtel, Dullnig und Stumpp der vor kurzem gegründeten gGmbH wollen im Herbst 2020 mit etwa 15 Drei- bis Sechsjährigen starten, ein Jahr später sollen die 30 Plätze dann komplett belegt sein. Parallel dazu gibt es eine Hortbetreuung für ebenfalls 30 Erst- bis Viertklässler, die mit dem Bus aus Barthelmesaurach gebracht werden.

Alle Kinder sollen und dürfen auf dem Bauernhof mithelfen. Werkzeuge, Spaten, selbst Imker-Schutzanzüge gibt es auch in kleinen Größen. Das, was auf dem Hof wächst, wird in der kindergarteneigenen Küche zubereitet. Was zu viel ist, wird direkt ab Hof verkauft. Kindergarten und Hort benötigen zu Beginn vier Erzieherinnen und Erzieher, im Endausbau vermutlich doppelt so viele. Immerhin: Die künftige Leitung – zwei Frauen teilen sich den Job – ist schon gefunden, auch mit einem Koch ist man in Verhandlungen.

Selbst das beste Konzept funktioniert allerdings nur, wenn auch das nötige Kleingeld fließt. Es geht hier immerhin um ein Zwei-Millionen-Euro-Projekt. Sicher ist: Der Bau des Kindergartens wird vom Staat mit 90 Prozent der Kosten gefördert, die Räume für den Hort mit 55 Prozent. Der Kammersteiner Gemeinderat hat einen Zuschuss von 175 000 Euro zugesagt. Auch beim Personal machen Staat und Gemeinde – wie bei allen Kinderbetreuungseinrichtungen – den Geldbeutel weit auf.

Kooperationsmodell

Im laufenden Betrieb bleibt der Bauernhofkindergarten zwar der Kindergarten eines freien Trägers. Er geht jedoch eine Kooperation mit der evangelischen Kirche ein. Ziel: Auch Kinder aus evangelischen Kindergärten im Raum Schwabach sollen den Bauernhof als Anlaufpunkt nutzen können. Dass es gerade die evangelische Kirche ist, kommt nicht von ungefähr. Schließlich sei es der frühere Dekan Klaus Stiegler gewesen, der als erster von einem Bauernhofkindergarten gesprochen habe, erinnert sich Ruth Simone Stumpp.

Stumpp und ihre beiden Freundinnen Karina Hechtel und Ingrid Dullnig hatten zuvor nämlich mit einem anderen Projekt geliebäugelt: eine Tagespflege auf dem früheren Hechtel-Hof. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Pläne für die Tagespflege stehen bereits. Gleich gegenüber vom künftigen Kindergarten ist ein weiterer Neubau geplant, ebenfalls in Holzbauweise, ebenfalls Passivhaus-Standard, Eröffnung soll 2021 sein. "Dann", verspricht Ruth Simone Stumpp, "werden wir ganz junge und alte Leute zusammenbringen". Zum Beispiel beim gemeinsamen Imkern. Die bisher drei Bienenvölker, die jetzt schon auf dem Hechtel-Hof warten, sollen dann auf bis zu zehn angewachsen sein.

ROBERT GERNER

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