Mehr Impfstoff als Interessenten

Es kippt: Impfwillige gesucht in Roth-Schwabach

6.7.2021, 16:43 Uhr
Ein halbes Jahr lang Mangelware, jetzt beinahe schon im Überfluss. Es gibt inzwischen mehr Impfstoff als Impfwillige. In den Haus- und Facharztpraxen werden die Wartelisten schnell abgearbeitet. Die Impfzentren in Schwabach (Sonderaktion für Jugendliche am Samstag) und Roth (abgeschlossene Sonderaktion in Greding) versuchen auf neuen Wegen, neue Schichten zu erschließen.
 

Ein halbes Jahr lang Mangelware, jetzt beinahe schon im Überfluss. Es gibt inzwischen mehr Impfstoff als Impfwillige. In den Haus- und Facharztpraxen werden die Wartelisten schnell abgearbeitet. Die Impfzentren in Schwabach (Sonderaktion für Jugendliche am Samstag) und Roth (abgeschlossene Sonderaktion in Greding) versuchen auf neuen Wegen, neue Schichten zu erschließen.   © NEWS5 / Merzbach, NN

Vermutlich ist es ein bisschen so wie beim Klimawandel. Wenn erst einmal ein gewisser Punkt erreicht ist, dann gibt es kein Zurück mehr. Was beim Klimawandel verheerende Folgen hätte, ist bei der Corona-Impfung eigentlich gar nicht so schlimm. Auf den ersten Blick zumindest.

Ein halbes Jahr lang haben sich Teile der Politik, Teile der Wissenschaft, Teile der Medien und große Teile der Bevölkerung darüber aufgeregt, dass viel zu wenig Impfstoff zur Verfügung steht, um alle Impfwillige schnellstmöglich immunisieren zu können. Um damit die Pandemie schnellstmöglich hinter sich zu lassen.

Und woher bitteschön sollte der Stoff kommen?

Dass dies ein Lösungsweg ist, war und ist Fakt. Die Frage blieb unbeantwortet, woher denn mehr Impfstoff für Deutschland hätte kommen sollen. Aus Afrika vielleicht, aus Asien oder aus anderen Teilen der Dritten Welt; aus Ländern also, die ohnehin in den ersten Monaten im Vergleich zu den Industriestaaten mit Impfstoff in homöpathischen Dosen abgespeist worden sind?

Das alles ist jetzt Schnee von gestern. In Sachen Corona-Impfung ist nämlich in Deutschland eine Art Wendepunkt erreicht. Denn nach einem halben Jahr, in dem es viel mehr Impfwillige als Impfdosen gegeben hat, ist es jetzt genau umgekehrt - die Vakzine von Biontech, Moderna, Astrazeneca und Johnson & Johnson harren darauf, in die Oberarme der Menschen gespritzt zu werden. Aber es gibt gar nicht mehr so viele, die sich noch für eine (Erst-)Impfung interessieren.

Das ist ein bundesweites Phänomen. Und Schwabach und der Landkreis Roth können sich davon offenbar nicht abkoppeln. Knapp 90.000 der 168.000 Einwohner im Landkreis (127.000 Einwohner) und Schwabach (41.000 Einwohner) haben die erste Spritze bekommen. Das entspricht einer Quote von knapp 54 Prozent.


Corona: Die aktuellen Zahlen für Roth und Schwabach


Für eine Herdenimmunität bräuchte man aber 70, besser 80 Prozent der Menschen, die sich gegen Corona impfen lassen. Das wären in der Region Roth-Schwabach zwischen 117.500 und 134.500 Menschen. Zwischen knapp 30.000 und gut 40.000 fehlen also noch.

Aber: Nicht jeder will und kann sich gegen Corona beziehungsweise gegen einen schweren Verlauf einer Covid-Erkrankung impfen lassen. Für die knapp 15.000 Kinder im Landkreis und in Schwabach im Alter zwischen 0 und 12 Jahren ist nämlich noch kein zugelassener Impfstoff auf dem Markt.

Für die Älteren bis 16 Jahre (das wären weitere 5000 Schüler) existiert zwar eine Impfmöglichkeit; aber es fehlt eine klare Empfehlung der Ständigen Impfkomission (Stiko). Und dann gibt es natürlich Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen; und solche, die sich aufgrund von Erkrankungen nicht impfen lassen können.

Wenn es mit dem Impfen trotzdem noch spürbar voran gehen soll, müssen die zuständigen Behörden vor Ort, die regionalen Impfzentren, aber auch die Haus- und Fachärzte neue Wege gehen, um neue, impfwillige Aspiranten zu erreichen.

Ein Versuchsballon, aber nicht der letzte Versuch

Ein erster Versuch in diese Richtung war eine Sonderaktion am Sonntag in Greding. 80 Dosen von Johnson & Johnson standen zur Verfügung. Wer wollte, konnte ohne Anmeldung vorbeikommen und den Piks über sich ergehen lassen. Aber: Der Andrang war eher bescheiden.


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Am Vormittag herrschte noch reger Betrieb. Aber am Abend hatten längst nicht alle Spritzen auch Abnehmer gefunden - obwohl ja eine Impfung mit dem Vektor-Impfstoff von Johnson & Johnson den unschätzbaren Vorteil hat, dass man schon nach der ersten Spritze den vollen Immunschutz hat. Laut Landratsamt-Pressesprecherin Tina Ellinger will man sich aber nicht entmutigen lassen. „Wir überlegen, weitere Angebote in diese Richtung zu machen.“ Konkrete Termine gebe es aber noch nicht.

Schwabach impft am Samstag Jugendliche

Auch die Stadt Schwabach bietet demnächst einen ersten Sondertermin für eine Corona-Schutzimpfung an: Am Samstag, 10. Juli, gibt es im Impfzentrum bei der DJK Schwabach einen Impftag für Jugendliche im Alter von 12 bis einschließlich 17 Jahren. Dafür ist zwingend eine vorherige Anmeldung erforderlich: Entweder per Mail an impfzentrum@schwabach.de oder telefonisch unter der (09122) 875410. Zur Impfung muss unbedingt mindestens eine erziehungsberechtigte Person (mit Personalausweis) anwesend sein.

Der zweite Impftermin kann nicht verschoben werden; er findet sechs Wochen später, am Samstag, 21. August, von 9 bis 17 Uhr statt und werden durch einen Kinderarzt durchgeführt. Impfberechtigt sind Jugendliche, die im Postleitzahlgebiet 91126 leben (neben Schwabach also auch Jugendliche aus Rednitzhembach und Kammerstein) oder die in Schwabach zur Schule gehen.

Eine zweite Sonder-Impfaktion soll es ebenfalls am Samstag, 10. Juli, im Rathaus geben. Allerdings muss die Stadt noch einige Dinge abklären und kann deshalb erst in den nächsten Tagen Genaueres bekannt geben.

Erste kleine Impf-Delle in den Praxen der Ärzte

Nicht nur die Impfzentren in Schwabach und Roth haben mittlerweile Mühe, neue Impflinge zu finden. Auch in den Praxen der Haus- und Fachärzte hatte es in der vergangenen Woche erstmals so etwas wie eine kleine Impf-Delle gegeben. „Allerdings“, so Dr. Peter Roch, der Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbands Südfranken, „haben wir schon noch genügend Nachfrage.“

Er habe zwar schon mit Kolleginnen und Kollegen gesprochen, die mittlerweile ihre Warteliste an Impfwilligen weitgehend abgearbeitet haben. „Aber bei mir in der Praxis ist es zum Beispiel schon noch so, dass ich einen Vorlauf von 10 bis 14 Tage habe.“ Das heißt: Es gibt zumindest in seiner Wolkersdorfer Praxis noch genügend Kandidaten, die sich immunisieren lassen wollen.

Was Roch gut findet: Inzwischen stehe in den Praxen wirklich genügend Impfstoff bereit. „Das, was wir bestellen, wird auch geliefert.“ Es könne damit immer das passende Vakzin für den jeweiligen Impfling gewählt werden. Roch ist darüber hinaus überzeugt, dass bis Ende Juli jeder Interessent ein Impfangebot erhält. Das, was Kanzlerin Angela Merkel also vor einigen Monaten versprochen hat („Impfangebot bis zum Ende der Sommerferien“) würde damit locker unterboten.

Auch dieser Punkt ist unumkehrbar

Zurück zum eingangs erwähnten Wendepunkt. Ähnlich wie bei der Klimaerwärmung ist er auch bei der Corona-Impfkampagne unumkehrbar. In Deutschland werden Impfstofe nicht mehr knapp werden. Mehr als 400 Millionen Dosen hat die Bundesregierung entweder direkt oder über die Europäische Union geordert – das übersteigt die Bevölkerungszahl um das Fünffache.

Allerdings werden die ersten Aspiranten möglicherweise in absehbarer Zeit schon die nächste, die dritte Spritze erhalten: das Thema „Auffrisch-Impfungen“ dürfte Deutschland und auch die Region spätestens im Herbst beschäftigen.