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Gesetzentwurf: Fotogeschäfte fürchten um Existenz

Passfoto nur noch im Rathaus? - Schlechte Stimmung bei Schwabachs Fotografen - 16.01.2020 10:45 Uhr

Dürfen die Passbilder für Ausweisdokumente künftig nur noch in den Rathäusern gemacht werden? So will es ein Gesetzentwurf des Bundesinnenministeriums. Doch die Fotobranche protestiert lautstark. © Foto: Jens Büttner, dpa


"Sobald das so weit ist, werden in Schwabach die Lichter ausgehen", schimpft Willy Spang, "bis zu 70 Prozent der Fotogeschäfte müssen dann zumachen." Dann könnten sich die Verantwortlichen etwas einfallen lassen für die Wiederbelebung der Innenstädte. Bei Foto-Spang in der Schwabacher Innenstadt, mitten in der Fußgängerzone, mache der Anteil der Passfotos 60 bis 70 Prozent aus. "Die Stimmung in der Branche ist bundesweit sehr schlecht", sagt Spang. In den Behörden hätte das Personal eigentlich etwas anderes zu tun als beim Fotomachen dabei zu sein. Der ganze Aufwand komme lediglich zustande, weil man drei oder vier manipulierte Ausweise gefunden habe "bei – ich weiß nicht – wie viel Millionen."

"Mit dem im Gesetzentwurf vorgeschlagenen Vorgehen werden zwei wichtige Ziele erreicht", erklärt die Pressestelle des Innenministeriums auf Anfrage. Erstens: Die Beantragung des Ausweises werde deutlich bürgerfreundlicher, einfacher, komfortabler und auch kostengünstiger. Der Antragsteller müsse künftig nur noch einmal zum Bürgeramt gehen, das separate Beschaffen von aktuellen Passbildern entfalle. Zweitens: Mit der Aufnahme des Lichtbilds in der Behörde werde ein nicht mehr zeitgemäßer Medienbruch (Ausdrucken und Wieder-Einscannen des Passbildes) beseitigt.

Schutz vor Morphing

Das Innenministerium will die Bilder auf den Ausweisen vor "Morphing" schützen. Mit dieser Technik werden mehrere Gesichtsbilder zu einem einzigen Gesamtbild verschmolzen, das die Züge zweier oder mehrerer Gesichter in sich vereinigt. Ist ein Lichtbild auf dem Pass auf diese Weise manipuliert, kann nicht nur der Passinhaber, sondern unter Umständen auch eine weitere Person, deren Gesichtszüge im Passbild enthalten sind, den Pass zum Grenzübertritt nutzen. Deutschen Sicherheitsbehörden seien drei Fälle von gemorphten Lichtbildern in Reisedokumenten bekannt – davon einer in Zusammenhang mit einem deutschen Reisepass. Weder technische Maßnahmen noch das Personal in den Bürgerämtern oder Urkundenexperten könnten ein gemorphtes Bild sicher erkennen.

"Der Personalausweis und Reisepass wird mit der Lichtbildaufnahme vor Ort in der Behörde zukunftsfest gemacht", schreibt die Pressestelle des Innenministeriums. Eine EU-Verordnung empfehle dieses Vorgehen für alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union.

Passfotos sind der Türöffner

Claudia Spachmüller ist Eigentümerin des Fotostudios Getinfocus in Kammerstein-Haag. Allzu groß ist bei ihr das Geschäft mit Passfotos mit sechs Prozent nicht. "Sie sind aber der Einstieg für den Kunden. Der Türöffner", meint sie, "wenn jemand ins Studio kommt und sieht schöne Bilder mit einer Oma oder von einer Hochzeit, dann will er auch solche haben." "Mich trifft es jetzt nicht so arg", bekennt die Fotografin. Allerdings sei das Gesetz für Fotostudios mit Angestellten oder in Innenstadtlage problematisch.

"Es gibt ja schon Passbildautomaten auf den Behörden", sagt Sylwia Kießling, die Chefin von Enjoy-Fotografie in Schwabach. "Ich lebe nicht nur von Passbildern", ergänzt sie und fügt an "es ist gar nicht gesagt, dass das durchkommt." Sie fotografiere hauptsächlich Porträts, Hochzeiten und Babys. "Es sind nicht viele, aber es wird nicht leichter. Aber das bringt mich jetzt nicht um." Aus gesundheitlichen Gründen habe sie ihr Geschäft ohnehin nur noch an zwei Tagen in der Woche geöffnet.

"Ich kann mir nicht vorstellen, was der Quatsch soll"

"Das würde wehtun", meint Johann Alexi, der Chef des Schwabacher Fotostudios Ixela. "Passfotos und Bewerbungsfotos sind die Einstiegssachen. Es geht auch um Folgeaufträge, wenn jemand seine Bilder holt und sagt ,die sind aber klasse geworden‘. Begeistert bin ich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, was der Quatsch soll." Automaten auf den Behörden sieht er nicht als Lösung des Problems. "Mit Automaten kommen Ältere nicht klar."

Heike Beyerlein gehört das Fotostudio Blende 21 in Wendelstein. "Passbilder sind bei mir nicht das Hauptgeschäft", erklärt sie, "aber ich denke, davon ist keiner begeistert." Die Passbilder könnten allenfalls helfen, ein Folgegeschäft anzubahnen: "Wenn der Kunde im Studio Bilder sieht, kommt oft ein Folgetermin heraus." Es gebe aber auch schöne Passbilder, da kämen die Leute zum Fotografen und seien gestylt.

Wer zahlt?

Für die Gemeinden würde das Fotografieren im Rathaus in Gegenwart eines Mitarbeiters eine weitere Aufgabe bedeuten. "Die Kollegen im Hauptreferat haben davon auch nur aus der Presse erfahren", sagt dazu Norbert Wieser, Pressesprecher des Marktes Wendelstein, "wir warten erst einmal ab." Unklar sei auch, wer das zahle. Im Schwabacher Einwohnermeldeamt ist das Fotografieren per Automat nicht neu. Ein solches Gerät steht dort seit ein paar Jahren. Allerdings hat der Apparat keine digitale Anbindung an die Schalter. "Einen Zeitplan gibt es noch nicht", stellt Marion Pufahl von der städtischen Pressestelle klar.

Der Gesetzesentwurf des Innenministeriums "zur Stärkung der Sicherheit im Pass- und Ausweiswesen" befindet sich derzeit in der Länder- und Verbändebeteiligung. In diesem Rahmen wurde mehreren Fotografenverbänden Gelegenheit zur Stellungnahme bis zum 28. Januar gegeben. Zudem ist eine Übergangsfrist von zwei Jahren für das Gesetz vorgesehen.

GUNTHER HESS

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