Großes Bienensterben durch Pflanzenschutzmittel Dantop

13.1.2014, 08:27 Uhr
Der Frühling im Winter lockt bereits die ersten Bienen in die Gärten. Dieses Foto entstand vergangene Woche. Doch der Schein trügt: Die Gefährdung für Bienen wächst.

Der Frühling im Winter lockt bereits die ersten Bienen in die Gärten. Dieses Foto entstand vergangene Woche. Doch der Schein trügt: Die Gefährdung für Bienen wächst. © Wilhelm

Der Grund: Im Juli vergangenen Jahres sind in Wendelstein Tausende Bienen durch das für sie giftige Pflanzenschutzmittel „Dantop“ (Näheres zu diesem Insektizid am Ende des Textes) getötet worden.

Fatale Folgen

Wann es einen solchen Fall schon einmal gegeben hat? Selbst Experten müssen einen Moment überlegen. „Vor sieben oder acht Jahren in Niedersachsen“, erinnert sich Gerhard Müller-Engler, Mittelfrankens Bienenzuchtberater von der Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau. So selten so eine Vergiftung also ist, so fatal sind die Folgen.

14. Juli 2013: Herbert Brückel kontrolliert seine Bienenvölker in der Nähe des ehemaligen Bahnhofs in Wendelstein. Eigentlich ist es reine Routine. Doch an diesem Tag traut er seinen Augen kaum. Vor den Kästen liegen Tausende toter Bienen. Der Hausmeister des neuen Gymnasiums ist Hobbyimker mit vier Wirtschaftsvölkern und 38 Ablegern.

Brückel reagiert: Er informiert das Veterinäramt in Roth und ruft auch die benachbarte Waldorfschule an.

15. Juli 2013: Normalerweise dienen die 16 Bienenvölker auf dem Waldorfgelände einem lebendigen Biologieunterricht. Doch als Gartenbaufachlehrerin Renate Lange nach Herbert Brückels Hinweis nach den Bienen sieht, bietet sich dasselbe Bild. Tote Bienen bedecken den Rasen rund um die Stöcke. Die Bienenvölker sind auf die Hälfte dezimiert. „Ich war völlig entsetzt“, berichtet Renate Lange.

Aber was tun?

Das Veterinäramt untersucht die toten Bienen und schließt Krankheiten aus. Daraufhin werden tote Bienen als Proben ins renommierte Julius-Kühn-Institut nach Braunschweig geschickt. Gleichzeitig setzt sich Renate Lange mit dem Amt für Landwirtschaft Roth in Verbindung. Die für Pflanzenbau zuständige Dr. Renate Brunner informiert sogar ihren für ganz Mittelfranken zuständigen Kollegen Dieter Proff vom Fachzentrum Pflanzenbau am Amt für Landwirtschaft Ansbach.

30. Oktober 2013: Das Julius-Kühn-Institut gibt das Ergebnis bekannt. Nachgewiesen wird das für Bienen giftige Insektizid Clothianidin, das im gängigen Pflanzenschutzmittel „Dantop“ (siehe „Zur Sache“) enthalten ist. Damit ist die Ursache bekannt, nicht aber der Verursacher.

„Sicher ein Anwendungsfehler“

Daran ändert auch nichts, dass Dieter Proff Mitarbeiter nach Wendelstein schickt, die sich auf Feldern umsehen, aber keine Hinweise wie tote Bienen entdecken. Der „Täter“ ist deshalb bis heute unbekannt und wird es wohl auch bleiben. Absicht unterstellt niemand. „Es war sicher ein Anwendungsfehler“, ist Dr. Renate Brunner überzeugt. Damit sich ein solcher möglichst nicht wiederholt, schreibt sie alle Landwirte in Wendelstein an, schildert den Sachverhalt und erklärt nochmals den Umgang mit „bienentoxischen“ Mitteln. Stefan Pieger, Vorsitzender des Bund Naturschutz Wendelstein, hat aber seine „Zweifel, dass so ein Brief überhaupt wahrgenommen wird“.

Dem widerspricht Dieter Proff. Juristisch betrachtet, handele es sich um eine Ordnungswidrigkeit. „Die Geldbuße läge im dreistelligen Bereich. Was aber noch mehr trifft, ist eine dreiprozentige Kürzung der Ausgleichszahlungen. Landwirte nehmen das Schreiben deshalb sicher ernst“, sagt Proff und betont: „Wir schonen niemanden.“

Appell an die Landwirte

Ernst nimmt den Fall auch der Leitende Landwirtschaftsdirektor Werner Wolf, der Chef des Landwirtschaftsamtes. „Der Landwirt muss seine Pflanzen schützen. Aber er braucht auch die Bienen, das ist ja keine Frage. So ein Fall lässt niemanden kalt.“ Nur bittet er um eine sachliche Betrachtung ohne Generalverurteilung aller Landwirte. „Lieber wäre uns gewesen, wir hätten den Verursacher gefunden“, betont Dr. Renate Brunner. „Darum aber geht es uns gar nicht. Wir wollen, dass die Landwirte für eine insektenfreundliche Landwirtschaft sensibilisiert werden“, so Renate Lange von der Waldorfschule.

„Aber wir tun doch schon, was wir können“, entgegnet Dr. Renate Brunner und verweist auf die anstehenden Fachtagungen morgen und am Donnerstag, auf denen auch die Bienen Thema sein werden.

Bienenfachberater Gerhard Müller-Engler setzt ebenfalls auf Beratung. Und zwar über die verpflichtende Pflanzenschutzmittel-Fortbildung alle drei Jahre hinaus. Denn solch akute Ereignisse wie das in Wendelstein seien zwar glücklicherweise die ganz seltene Ausnahme, doch könne man „eine Dunkelziffer nicht ausschließen“.

Nicht immer gleich tödlich

Auch Hans Beer aus Heideck, einer der erfahrensten Imker im Landkreis Roth, weiß, wie schwer es für die Bienen mittlerweile geworden ist. Und ebenso für Hummeln und Wespen. „Wir haben immer mehr Verluste.“ Manche Pflanzenschutzmittel würden die Bienen zwar nicht sofort töten, aber ihren Orientierungssinn so stören, dass sie nicht mehr zurückfinden. „Oder sie werden so geschwächt, dass sie anfälliger für Krankheiten werden. Das ist die Dramatik.“

Weitere Schäden sind allerdings nicht bekannt geworden. „Ich habe nichts davon gehört“, erklärt Jens Bahner, der Vorsitzende des Zeidlervereins Wendelstein gegenüber dem Tagblatt. Da der Zeidlerverein keine Verluste gemeldet hat, war er bei dem Treffen nicht eingeladen. „Aber ausschließen kann man das nie“, ergänzt Bahner, denn nicht immer liegen tote Bienen direkt vor dem Stock. „Es ist deshalb sehr schwer, Verluste überhaupt zu bemerken.“ Fachberater Gerhard Müller-Engler rät daher, auffälliges Bienensterben sofort zu melden, damit die Ursache untersucht werden kann.

Termin:

Der Bienenschutz in der Landwirtschaft wird auch Thema der Pflanzenbautagungen sein. Sie finden am Dienstag, 14. Januar, 9 Uhr, in Alfershausen im Gasthaus Winkler sowie am Donnerstag, 16. Januar, 19.30 Uhr, im Landwirtschaftszentrum in Roth statt. Zu den Referenten zählt Dr. Ingrid Illies vom „Fachzentrum für Bienen“ an der Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau.

Zur Sache:

Dantop ist ein gegen viele Schädlinge hochwirksames und entsprechend weit verbreitetes Pflanzenschutzmittel.

Der Nachteil: Es enthält den Wirkstoff Clothianidin, der für Bienen hochgiftig ist. Deshalb gilt es, bei der Anwendung mehrere Regeln genau einzuhalten. So ist es im Freiland nur in Kartoffelfeldern zur Bekämpfung von Kartoffelkäfern und Blattläusen zugelassen. Und auch hier müssen die Landwirte darauf achten, dass etwa keine blühenden Unkräuter im Feld sind, die Bienen anlocken.

Der fachgerechte Einsatz von Dantop ist also erlaubt. Wegen der Gefahr für die Bienen wird er aber von den Ämtern für Landwirtschaft nicht empfohlen. Gleiches gilt für das Pflanzenschutzmittel „Actara“.

Es gibt aber Alternativen: Empfohlen werden etwa die für Bienen ungefährlichen Mittel „Coragen“, „Biscaya“ oder „Mospilan SG“.

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