11°

Freitag, 05.06.2020

|

Heinz Jakobi - Ende einer Epoche

Ein schwerer Unfall des Weltklasse-Athleten am Reichelsdorfer Keller beendete vor 60 Jahren den Profi-Stehersports auf der traditionsreichen Rennbahn. - 15.05.2020 08:48 Uhr

Als Heinz Jakobi 1956 seine erste Deutsche Meisterschaft gewonnen hatte, wurde ihm am Keller von rund 12000 Fans ein überwältigender Empfang bereitet. Von seinem Sponsor, der Firma Victoria, erhielt er als Geschenk ein Kleinwagen-Carbiolet, das Victoria damals unter dem Namen „Spatz“ auf den Markt gebracht hatte. Dazu gab es für ihn und seinem belgischen Schrittmacher Martin Vandenbosch je ein modernes Victoria-Sportrad. Auf dem Foto von links: Jakobis Betreuer und Masseur Bruno Schlirf, Heinz Jakobi und sein belgischer Schrittmacher Martin Vandenbosch. © Archiv: Manfred Marr


Mit dem Unfall von Heinz Jakobi endete damals nicht nur seine großartige Karriere, sondern auch die fast 60-jährige Epoche des populären Profi-Stehersports auf der Radrennbahn am Reichelsdorfer Keller mit den legendären deutschen Weltmeistern Taddäus Robl, Erich Möller, Walter Sawall, Erich Metze, Walter Lohmann sowie mit den unvergessenen Deutschen Meistern und Lokalmatadoren Fritz Scheller, Georg Umbenhauer, Lothar Schiller, Karl Kittsteiner und Heinz Jakobi.

Der Radsport wurde Heinz Jakobi schon in der Wiege gelegt, denn sein Vater Josef war bereits 1909 bayerischer Meister, 1911 Deutscher Meister und Sieger von insgesamt über 300 Rennen auf Bahn und Straße! Ehrensache, dass Heinz dem Herrn Papa nacheiferte und mit 16 Jahren bereits Frankens bester Jugendfahrer wurde. " Beim Tourenklub Nürnberg fuhr ich meine ersten Rennen, doch leider brach dann der Krieg aus, noch bevor ich Amateur wurde", bedauerte Heinz Jakobi oft.

Auch auf der Straße Spitzenklasse

Als es ab 1946 wieder erste Radrennen gab fuhr der damals 24-Jährige als Straßenamateur – nun im Trikot des RC Herpersdorf – unaufhaltsam in die deutsche Spitzenklasse: Er wurde Bayerischer Meister, Süddeutscher Meister, Sieger bei zahlreichen Straßen-Klassikern und 1948 mit dem Team des RCH Deutscher Mannschaftsmeister über 100 Kilometer.

1952 wagte Heinz Jakobi den Schritt ins Lager der damals noch sehr populären Profi-Steher. Es war eine sehr harte Zeit für den Steher-Neuling, denn erst nach vielen Rückschlägen, Enttäuschungen und Stürzen wurde sein großer Trainingsfleiß und Ehrgeiz belohnt. 1954 gelang Heinz Jakobi mit zehn Saisonsiegen endgültig der Anschluss. Die Spitze der damals noch großen Anzahl deutscher Profi-Steher eroberte er sich 1956 in Frankfurt, als er hinter dem belgischen Schrittmacher Martin Vandenbosch die Deutsche Meisterschaft gewann.

Sein Betreuer Kurt Schäfer besuchte Heinz Jakobi regelmäßig nach seinem schweren Unfall 1960.


1956 war sein bestes Jahr. Er war mit 32 Siegen erfolgreichster Profi-Steher der Welt. Auch in den folgenden Jahren blieb Heinz Jakobi souverän die Nummer Eins der deutschen Steherszene. Neben mehr als 50 Siegen im In- und Ausland holte er sich mit dem Katzwanger Schrittmacher Kurt Schindler 1958 und 1959 zwei weitere Deutsche Meisterschaften, die damals über die 100-Kilometer-Distanz ausgefahren wurden.

Für die Steher-DM 1960 auf seiner Hausbahn am Reichelsdorfer Keller galt der inzwischen 37-Jährige erneut als absoluter Favorit. Als Titelverteidiger wollte er vor heimischem Publikum seine Karriere mit einem vierten DM-Titel krönen. Auch für die Steher-WM, die damals in Chemnitz stattfand, rechnete sich Jakobi gute Medaillenchancen aus. Doch es kam ganz anders: Ein schwerer Sturz beim Saisonauftakt "am Keller" schockierte die 8000 Zuschauer. Verursacht durch einen Rahmenriss an der Schrittmachermaschine, stürzten Jakobi und sein Schrittmacher Kurt Schindler bei hohem Tempo in der Steilkurve.

Bewusstlos liegen geblieben

Während Schindler mit zahlreichen Prellungen und Abschürfungen noch glimpflich davon kam, blieb Heinz Jakobi, der in hohem Bogen über die Schrittmachermaschine geflogen war, bewusstlos liegen. Lebensgefährlich verletzt mit einem Schädelbruch, Rückenverletzungen, und zehn Knochenbrüchen wurde er ins Nürnberger Klinikum eingeliefert. Nach vielen bangen Wochen erholte sich der dreifache Stehermeister zwar langsam wieder, doch "seine" DM, die am 31. Juli der mehrfache Europameister Karlheinz Marsell (Dortmund) am Keller gewann, konnte er nur als Zuschauer verfolgen.

Obwohl ihm seine Ärzte davon abrieten, wieder Rennen zu fahren, begann Heinz Jakobi 1961 wieder mit leichtem Training. Doch sein verzweifelter Comeback-Versuch, den er im Mai unternahm, scheiterte kläglich. Völlig depremiert erklärte er nach einem kurzen Lauf: "Ich wollte es einfach nochmal versuchen, aber die Schmerzen an meinen vier angebrochenen Wirbeln wurden schon nach wenigen Minuten unerträglich!"

Nach über 25 erfolgreichen Radsportjahren – unterbrochen von den Kriegsjahren – erklärte Heinz Jakobi im Sommer 1961 schweren Herzens seinen Rücktritt. Mit diesem Rücktritt endete nicht nur seine erfolgreiche Karriere, sondern – wie sich in den folgenden Jahren mehr und mehr zeigte – auch die rund 60-jährige ruhmreiche Epoche des Profi-Stehersports am Reichelsdorfer Keller. Die alten Meister, die einst tausende von Fans mit ihren rasanten Kämpfen begeisterten, waren nacheinander abgetreten. Auch die schweren Schrittmachermaschinen verschwanden in den 1960er-Jahren immer mehr von der Bildfläche. Neu im Trend waren inzwischen Rennen für Amateur-Steher und -Schrittmacher mit leichteren Motoren und über kürzere Distanzen. So begann in 1967 eine ebenfalls sehr erfolgreiche Ära des Stehersports.

MANFRED MARR

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Schwabach, Reichelsdorfer Keller