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Katholisch und links: "Die Starken stärker belasten"

"Die Linken" schicken mit Oswald Greim einen Diözesansekretär der Betriebsseelsorge in den Bundestagswahlkampf - 03.09.2013 09:00 Uhr

In der Pfarrei St. Ludwig in Nürnberg ist Oswald Greim stellvertretender Pfarrgemeinderatsvorsitzender. Und bei den Linken Bundestagskandidat. © Wilhelm


Er ist katholisch und er ist links. Und er sieht darin keinerlei Widerspruch. 33 Jahre lang war der Nürnberger Diözesansekretär in der Betriebsseelsorge. "Der Auftrag der Erzdiözese Bamberg lautete klar, parteiisch für Arbeitnehmer zu sein.“ Und dem hat er sich mit Überzeugung verpflichtet gefühlt. "Ich war sehr motiviert.“ In der Vergangenheitsform redet er über seinen Beruf erst seit wenigen Wochen. Am 1. August ist er mit 59 Jahren in Altersteilzeit gegangen. Von Ruhestand kann aber noch keine Rede sein.

Keine Karrierepläne

Oswald Greim macht Wahlkampf für "Die Linke“ als Direktkandidat im Wahlkreis Nürnberg-Süd, der auch die Stadt Schwabach einschließt. Er tut das ohne persönlichen Ehrgeiz auf eine politische Karriere. Dass er das Direktmandat nicht gewinnen kann, ist ihm natürlich bewusst. "Und auf der Liste stehe ich gar nicht.“

Was ihn antreibt? Er will helfen, dass die Linken wieder in den Deutschen Bundestag einziehen.

Und vielleicht sogar mit SPD und Grünen zusammen regieren? "Wir würden eine rot-grüne Koalition tolerieren, wenn die Inhalte stimmen“, sagt er und lächelt, als würde er gerade einen Scherz machen. "Aber unter Steinbrück ist das sicher etwas schwierig.“

Also weiter Opposition. Was Greim nicht bekümmert: "Man kann auch mit 5 Prozent Politik ändern.“.

Und wie? "Alleine durch unsere Anwesenheit können wir politischen Druck ausüben, damit sich etwas ändert“, betont Greim und fügt süffisant hinzu: "Irgendjemand muss doch da sein, der nach der Wahl SPD und Grünen ihr Wahlprogramm mit dem Mindestlohn vorliest.“

Steinbrück, SPD, Grüne: Ob er ihnen traut? Oswald Greim schüttelt den Kopf, seine Antwort ist kurz und hart: "Nee.“

Das war nicht immer so. 2004 bei der Kommunalwahl hatte er als damals noch Parteiloser für die Grünen in Nürnberg bei der Stadtratswahl kandidiert. Doch die Bundespolitik hat alles geändert.

"Verraten von Rot-Grün“

"Hartz IV war für mich der Grund, zu den Linken zu gehen“, erklärt Oswald Greim. "Da haben wir alle bloß so geguckt und mit Entsetzen gesehen, dass alle unsere Warnungen so gut wie gar nicht rübergekommen sind.“

Trotz der Demos und der Mahnwachen, die es auch in Nürnberg gegeben und die er selbst mitorganisiert hatte. "Von Union und FDP hat man das ja erwarten können, aber von Rot-Grün habe ich mich verraten gefühlt.“ So sei eine "Riesenkoalition“ gegen die Arbeitnehmer entstanden.

Die Kluft wächst

Oswald Greim weiß, dass die Hartz-Reformen heute vielen als Erfolg gelten. Schröder wurde dafür abgewählt, Merkel erntet die Früchte: So sehen das viele in der SPD. Greim sieht das ganz anders: "Diese Reform hat zu großen Ungerechtigkeiten geführt. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist wesentlich größer geworden. Für viele Hartz IV-Empfänger sieht es finanziell bitter aus.“

Aber haben Hartz IV-Empfänger so viel weniger als etwa Geringverdiener? Ist Hartz IV wirklich so schlecht? Oswald Greim überlegt einen Moment: "Da sage ich — ja“, sagt er dann. Und er ergänzt: "Sicher gibt es Leute, die sich damit eingerichtet haben. Die rechnen aber alle mit dem letzten Cent und holen sich ihre Lebensmittel von der Tafel.“

Oswald Greim sagt das mit der Erfahrung aus drei Jahrzehnten Kampf gegen Firmenschließungen und Massenentlassungen in Nürnberg. Der Strukturwandel hat die alte Industriestadt hart getroffen. Oder war es eher die kapitalistische Gier nach immer mehr Gewinn? "Ich habe Manager erlebt, die wurden reingeschickt, um den Laden zuzumachen, selbst wenn er noch schwarze Zahlen geschrieben hat. Wenn der Umsatz nicht gepasst hat, wurde die Belegschaft abgebaut.“

"Feuerwehrmann“

Als Betriebsseelsorger sei er eine Art "Feuerwehrmann“ gewesen. "Es hat ja alle Nase lang gebrannt.“ Bei seinem Einsatz ging es nicht nur um tröstende Worte. "Ich habe Betriebsräte beraten, was realistische Forderungen sind. Und wir haben auch handfeste Proteste organisiert.“

Seine Erfahrungen sind sehr unterschiedlich. "Das Eisenbahnausbesserungswerk sollte dicht gemacht werden. Das konnte verhindert werden“, nennt Greim ein positives Beispiel.

Eher ernüchternd seine Erfahrungen bei der Quelle-Pleite. "Die Mitarbeiter haben um ihre Rechte nicht mal gekämpft. Da war nix“, sagt er, als könne er es immer noch nicht fassen. "Das wird mir immer nachgehen.“

Hartz IV habe die Empfänger fordern und fördern sollen. "Nur das Fördern haben wir vergessen.“ Der erhöhte Druck, neue Arbeit anzunehmen, habe "das ganze Lohnniveau gedrückt, etwa in der Leiharbeit, und die ganze Tarifstruktur geschwächt“.

Politik gegen Armut

Seine Konsequenz: Die Rückkehr des Sozialen in die Wirtschafts- und Finanzpolitik. Schluss mit den Dumpinglöhnen. 10 Euro gesetzlichen Mindestlohn für alle Branchen zur Armutsbekämpfung. Den Hartz IV-Regelsatz würde er auf 500 Euro anheben. Keine Rente mit 67, sondern weiter mit 65.

Und wer soll das bezahlen? Bei den Sozialversicherungen sollen die Beitragsbemessungsgrenzen fallen. Kapitaleinkommen müssten sozialversicherungspflichtig werden. Auch die Millionärssteuer müsse kommen. "Auf alles über eine Million läge der Steuersatz bei 75 Prozent.“

"In Deutschland gibt es ein Verteilungsproblem“, betont Greim. "Wir müssen die Starken stärker belasten.“ 

GÜNTHER WILHELM

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