Energiewende

Landkreis Roth: Strom-Überschuss bis 2030?

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 05.10.2016..FOTO: Roland Fengler..MOTIV: Mitarbeiterporträt / Mitarbeiterportrait: Robert Gerner..ANZAHL: 1 von 1..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung
Robert Gerner

Schwabacher Tagblatt

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6.12.2021, 06:04 Uhr
Rund 48 Millionen Kilowattstunden Strom haben die wenigen Windräder im Landkreis Roth 2019 erzeugt. Das Potenzial wäre riesig, aber der Ausbau ist durch die bayerische 10-H-Abstandsregel praktisch zum Erliegen gekommen. Gemeinden könnten sich zwar über die Regel hinwegsetzen - in der Praxis passiert das aber fast nirgends, weil überall mit Widerstand zu rechnen wäre. Unser Bild zeigt den Jura-Windpark bei Oberhochstatt im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen.

© Theo Baumann Rund 48 Millionen Kilowattstunden Strom haben die wenigen Windräder im Landkreis Roth 2019 erzeugt. Das Potenzial wäre riesig, aber der Ausbau ist durch die bayerische 10-H-Abstandsregel praktisch zum Erliegen gekommen. Gemeinden könnten sich zwar über die Regel hinwegsetzen - in der Praxis passiert das aber fast nirgends, weil überall mit Widerstand zu rechnen wäre. Unser Bild zeigt den Jura-Windpark bei Oberhochstatt im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen.

Seit zehn Jahren hat der Landkreis Roth ein "Kommunales Energie-Entwicklungskonzept" (KEEK) und ein "Integriertes Klimaschutzkonzept". Erstmals bekamen Interessierte damals ein weitgehend vollständiges Bild, wie weit die Energiewende seinerzeit vor Ort war.

Beide Konzepte sind inzwischen weiterentwickelt in einen digitalen Energienutzungsplan, den IfE-Chef Professor Markus Brautsch in der hybriden Sitzung des Ausschusses für Energie, Umwelt, Wirtschaft und Regionalentwicklung in Grundzügen vorgestellt hat. Den Energienutzungsplan haben inzwischen alle 16 Gemeinden im Landkreis - und versuchen ihn Zug um Zug umzusetzen.

Stromüberschuss möglich

Die Interessanteste Botschaft: Bis 2030 kann es gelingen, im Landkreis Roth mehr Strom durch Sonne, Wind, Biomasse und Wasser zu erzeugen, als vor Ort verbraucht wird. Autark wird man damit nicht, denn die Erträge schwanken stark. Aber bilanziell wird man eher Strom exportieren denn importieren.

Doch der Weg ist noch weit. Derzeit werden zwischen Rohr und Greding jedes Jahr etwa 478 Millionen Kilowattstunden Strom verbraucht. Ziemlich genau die Hälfte - 239 Millionen Kilowattstunden - kommen von PV-Anlagen (52 Prozent), von den wenigen Windmühlen (20 Prozent), von Biogasanlagen (15 Prozent), der Wasserkraft (11 Prozent) und von Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen (2 Prozent).

Große Potenziale

Bei Wind, Biogas, Freiflächen-PV-Anlagen und kleinen Sonnenkraftwerken auf den Dächern seien die Potenziale aber längst nicht ausgeschöpft, so Markus Brautsch. Beim Wind hänge man aber nicht zuletzt aufgrund der in Bayern (noch) geltenden 10-H-Regelung ein wenig in der Luft. "Wenn die nicht fällt, kommen wir nicht voran, das hat man auch in München inzwischen erkannt", so der Energieexperte.

Die künftige Bundesregierung hat schon angedeutet, dass sie den Druck auf den Freistaat erhöhen will. Wenn die Energieerzeugung durch Wind dem Gemeinwohl dient, wie es angedacht ist, dann wackelt die 10-H-Regelung.

Die Photovoltaik ist im Kreis Roth derzeit der wichtigste Baustein der Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen. Rund 124 Millionen Kilowattstunden kommen jedes Jahr zusammen. Und doch sieht das Institut für Energietechnik hier noch das größte Ausbau-Potenzial. Gerade entlang von Autobahnen und Bundesstraßen entstehen viele neue Freiflächen-Anlagen. Und auf den Dächern wäre noch viel mehr möglich – und mehr nötig.
 

Die Photovoltaik ist im Kreis Roth derzeit der wichtigste Baustein der Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen. Rund 124 Millionen Kilowattstunden kommen jedes Jahr zusammen. Und doch sieht das Institut für Energietechnik hier noch das größte Ausbau-Potenzial. Gerade entlang von Autobahnen und Bundesstraßen entstehen viele neue Freiflächen-Anlagen. Und auf den Dächern wäre noch viel mehr möglich – und mehr nötig.   © Nestor Bachmann/dpa

Durch wenige neue Windräder könnte der Stromertrag in diesem Sektor leicht um 50 Prozent gesteigert werden. Bei Stromerzeugung durch Biomasse schätzt Brautsch eine Verdoppelung der Erträge als realistisch ein. Die größten Hebel sieht er jedoch in Freiflächen-PV-Anlagen (fast eine Verdreifachung möglich) und in Dach-PV-Anlagen (mehr als eine Vervierfachung technisch realisierbar).

Wenn nur ein Teil dieses Potenzials gehoben werden könnte, dann würde 2030 im Landkreis Roth tatsächlich mehr Strom erzeugt als vor Ort selbst verbraucht wird.

Der Bedarf steigt

Und das, obwohl der Stromverbauch - im Gegensatz zu einer früheren Annahme beim KEEK - nicht sinkt, sondern steigt. In den vergangenen zehn Jahren ist der jährliche Bedarf um 15 Prozent von 410 Millionen auf 478 Millionen Kilowattstunden geklettert.

Das liegt zum einen an der zunehmenden Digitalisierung des Arbeits- und Lebensumfeldes, zum zweiten an dem allmählich auch im Straßenbild sichtbaren Trend zur E-Mobilität und zum dritten an ganz profanen Zahlen: Im Vergleich zu 2011 gibt es im Landkreis heute zwei Prozent mehr Einwohner und 32 Prozent (!) mehr Arbeitsplätze.

Drei haben es schon geschafft

Immerhin: In mittlerweile drei Gemeinden wird schon heute mehr regenerativer Strom erzeugt als vor Ort verbraucht wird: in Thalmässing (dank seines Windparks auf den Jura-Höhen), in Greding (dank großer Freiflächen-PV-Anlagen) und in Rohr.

Der Überschuss, der in diesen drei Gemeinden zusammen erzeugt wird, reicht aber bei weitem nicht, um auch nur ansatzweise die Stromlücke zu schließen, die es beispielsweise in der Stadt Roth mit ihren großen Industriebetrieben und mit ihrem beschränkten Flächenangebot für regenerative Energieerzeugung gibt.

Vieles ist im Fluss

Aber derzeit ist vieles im Fluss: Entlang von Autobahnen und Bundesstraßen, auf landwirtschaftlich so genannten "benachteiligten Flächen" schießen Freiflächen-PV-Anlagen wie Pilze aus dem Boden, schon in wenigen Jahren könnte es tatsächlich gelingen, den Stromertrag aus regenerativen Quellen zu verdreifachen.

Unter dem Strich bliebe dann ein Überschuss. Den man dann in die weitaus energieintensiveren Bereiche Wärme und/oder Verkehr stecken müsste, so Markus Brautsch. "Sektorkopplung" heißt dieses Zauberwort.

Die Wärme und der Verkehr

Am einfachsten ist der sperrige Begriff bei der Mobiltätswende zu erklären. Die PV-Anlage auf dem Garagendach erzeugt klimaneutralen Sonnenstrom. Der wiederum treibt das Elektro-Auto an, das in der Garage steht.

Aber: Wenn man sich den Gesamt-Energiebedarf ansieht, dann entfallen nur 13 Prozent auf die Stromerzeugung. Aber 41 Prozent auf den Verkehr und 46 Prozent auf die Wärmeproduktion. "Und hier ist es schon deutlich schwerer, neue Potenziale zu erschließen", so Markus Brautsch.

Bei der Wärme - in erster Linie das Beheizen von Gebäuden - gehe es darum, den Bedarf zu verkleinern. Wenn es gelinge, jedes Jahr zwei Prozent der ältesten Gebäude im Landkreis Roth energetisch zu sanieren, dann könne die Energielücke bis 2030 spürbar -Schätzungen gehen von 14 Prozent aus - verkleinert werden, so Brautsch.

Zu tun gibt es viel: Mehr als die Hälfte aller Gebäude im Landkreis Roth wurde vor mehr als 40 Jahren gebaut, als "Energiesparen" und "Wärmedämmung" noch Fremdwörter waren.

Eine energetische Sanierung geht immer auch einher mit der Nutzung erneuerbarer Potenziale. Vor allem in Sachen Solarthermie - die Warmwassererzeugung mittels Solarpanelen auf dem Dach - sah Markus Brautsch noch großen Nachholbedarf.

Wasserstoff-Produzent?

Ob der Landkreis Roth mit Hilfe überschüssigen Stroms auch in die Produktion von grünem Wasserstoff einsteigen kann? Überlegungen diesbezüglich gibt es. Aber die Hürden sind hoch. Eine PV-Anlage auf der (ehemaligen) Mülldeponie in Pyras könnte sicher weit mehr als eine Million Kilowattstunden Strom pro Jahr erzeugen. Mittels eines Elektrolyseurs lässt sich damit grüner Wasserstoff erzeugen. Doch der potenzielle Abnehmer - die Brauerei in Pyras - sitzt vergleichsweise weit entfernt.

Realistischer ist ein solches Projekt deshalb in Georgensgmünd, wo es auf der alten Hausmülldponie schon eine PV-Anlage gibt, die aber noch erweitert werden kann. Mögliche Abnehmer sitzen im Gewerbegebiet gleich um die Ecke.

Die Potenziale der Stromproduktion durch Wasserkraft sind im Landkreis Roth weitgehend ausgeschöpft. Die größeren (hier das Kraftwerk am Einlass des Rothsees) und kleineren Kraftwerke liefern jährlich rund 26 Millionen Kilowattstunden Ökostrom.

Die Potenziale der Stromproduktion durch Wasserkraft sind im Landkreis Roth weitgehend ausgeschöpft. Die größeren (hier das Kraftwerk am Einlass des Rothsees) und kleineren Kraftwerke liefern jährlich rund 26 Millionen Kilowattstunden Ökostrom. © Landratsamt Roth, NN

Brautsch machte allerdings darauf aufmerksam, dass solch ein "Leuchtturmprojekt" auf absehbare Zeit nicht wirtschaftlich ist. "Ohne Förderung wird das nicht funktionieren."

Mit Förderung sähe eine der möglichen Rechnungen aber so aus: Der auf der alten Deponie erzeugte Strom reicht in der Theorie, um über grünen Wasserstoff einen Bus 755.000 Kilometer und einen Pkw 7,5 Millionen Kilometer im Jahr fahren zu lassen.

Über 200 Projekte vor Ort

Umgesetzt wird all das, was der IfE-Leiter im Ausschuss vorgestellt hat, in aller Regel nicht vom Landkreis, sondern in den einzelnen Gemeinden vor Ort. Mehr als 200 Projekte haben die sich aktuell vorgenommen, sie reichen vom neuen Wärmenetz bis zur Freiflächen-PV-Anlage.

Der Landkreis Roth ist einer der waldreichsten in ganz Bayern. Bei der Wärmeproduktion setzt man schon seit vielen Jahren auf Hackschnitzel (Bild), Stückholz und Pellets. Das spart Erdöl und Erdgas. Doch das Institut für Energietechnik der Hochschule Amberg-Weiden hält das Potenzial inzwischen für weitgehend ausgeschöpft. Allenfalls ein Zuwachs um fünf Prozent sei in den nächsten Jahren noch denkbar.
 

Der Landkreis Roth ist einer der waldreichsten in ganz Bayern. Bei der Wärmeproduktion setzt man schon seit vielen Jahren auf Hackschnitzel (Bild), Stückholz und Pellets. Das spart Erdöl und Erdgas. Doch das Institut für Energietechnik der Hochschule Amberg-Weiden hält das Potenzial inzwischen für weitgehend ausgeschöpft. Allenfalls ein Zuwachs um fünf Prozent sei in den nächsten Jahren noch denkbar.   © Stephan Herbert Fuchs

Doch es reicht natürlich nicht, wenn die Öffentliche Hand mit einigen Musterprojekten den Weg weist. Energiewende, das ist etwas, das am Ende jeden der 127000 Landkreisbürger und jeden der 83 Millionen Deutschen angeht.

Die Bürger beteiligen

"Das Schlüsselwort wird immer Bürgerbeteiligung sein", machte Landrat Herbert Eckstein (SPD) deutlich. Man müsse den Menschen aber auch klar machen, dass man das in Paris vereinbarte und kürzlich in Glasgow bekräftigte 1,5-Grad-Ziel nicht ohne Verzicht an der einen oder anderen Stelle erreichen könne. "Da wird ein großes Umdenken erforderlich sein."


Zur Sache: In zehn Jahren von 18 auf 50 Prozent

Der ökologische Fußabdruck der Europäer, der Deutschen und auch der Bürger aus dem Landkreis Roth ist noch immer viel zu groß.

Von 2010 bis 2020 ist der Primär-Energiebedarf im Landkreis Roth nicht wie erhofft gefallen, sondern von 3400 Millionen auf 3663 Millionen Kilowattstunden pro Jahr gestiegen

Ein Teil des Mehrbedarfs geht auf das Konto des steigenden Stromverbrauchs. Vor zehn Jahren hatte das Institut für Energietechnik der Hochschule Amberg-Weiden (IfE) prognostiziert, dass der Stromverbrauch im Landkreis Roth bis 2030 von 410 Millionen auf gut 300 Millionen Kilowattstunden und damit um rund 25 Prozent sinken könnte. Diese Annahme war falsch. Von 2010 bis 2020 ist der Bedarf stattdessen auf 470 Millionen Kilowattstunden gestiegen - Tendenz steigend.

Allerdings kommt die Hälfte dieses Stroms, wirklich fast exakt 50 Prozent, inzwischen aus regenerativen Quellen, nämlich 239 Millionen Kilowattstunden. 2010 war man noch bei 73 Millionen Kilowattstunden gelegen, seinerzeit ein Anteil von 18 Prozent.

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