Lieferengpässe: Auch in Schwabach fehlen Medikamente

18.1.2020, 05:58 Uhr

© Foto: Friso Gentsch/dpa

In die Apotheke geht man nicht zum Spaß: Wer hier einkauft, ist krank und braucht Medizin. Meistens dringend. Seit Monaten sind bestimmte Wirkstoffe jedoch nur schwer zu bekommen, internationale Lieferengpässe wirken sich bis nach Deutschland aus. Wie ist die Lage vor Ort?

Der Schwabacher Apotheker Rupert Mayer, der in Schwabach, Wolkersdorf, Rednitzhembach und Worzeldorf vier Apotheken betreibt, kennt das Problem. Er spricht von einem "mega-erhöhten Aufwand in der Warenbeschaffung". Seit 2017 gehe das so, und die Tendenz sei stark steigend. Wenn es um harmlose Calcium-Präparate gehe, sei das noch nicht so schlimm. Wenn Kunden aber wichtige Antidepressiva oder Antiepileptika bräuchten und nicht bekommen, dann höre der Spaß auf.

Doch woran liegt’s? Mayer erklärt das am Beispiel des beliebten Schmerzmittels Ibuprofen. Die Produktion von Ibuprofen 600 sei weltweit im Wesentlichen auf nur sechs Werke verteilt. Zwei in China, zwei in Indien, zwei in den USA. Ein Werk in den USA musste schließen. "Wenn auf einen Schlag 18 Prozent der Produktion wegbrechen, gibt es halt ein Problem, das nicht so schnell gelöst werden kann", so Mayer. Denn die anderen könnten die Produktion nicht einfach hochfahren. Und eine Lagerhaltung, wie sie früher üblich war, gebe es kaum noch.

Kein verlässlicher Partner

Überhaupt wird in Europa nur noch wenig Arznei in großem Stil produziert. Der immense Kostendruck habe dazu geführt, dass die Europäer ihre Grundwirkstoffe für die Medikamente fast ausschließlich in China und Indien produzieren ließen, betont Mayer. Gerade China sei aber kein verlässlicher Partner. "Wenn dort eine Großstadt im Smog versinkt, werden von heute auf morgen 100 Werke dicht gemacht. Wenn ein großer Arzneimittelproduzent darunter ist, stört das die Chinesen nicht, aber es wirkt sich schlagartig auf den gesamten Weltmarkt aus."

Und das spüren sofort die Apotheken vor Ort. Rupert Mayer hat in der Warenbeschaffung ganz neue Prozesse eingeführt. Einführen müssen. "Früher haben wir uns hingesetzt, eine Bestellung geschrieben, und die Ware wurde geliefert. Heute schauen wir jede halbe Stunde nach, wo es was gibt."

Mehr Arbeit als früher

Mehr Arbeit als sonst hat auch das Team von Christian Rogler, der die Apotheke in der Kreisklinik in Roth leitet: "Fast eine ganze Personalstelle ist bei uns im Moment mit dem Mangel-Management ausgelastet", berichtet er.

Das Mangel-Management

Rogler und seine Mitarbeiter versuchen etwa, alternative Lieferanten oder zumindest andere Packungsgrößen als die eigentlich benötigten aufzutreiben. Problematisch sei im Moment die Lage bei Propofol – ein Narkosemittel, das vor Operationen verabreicht wird. Hier seien die Vorräte seit geraumer Zeit immer knapp, "aber wir mussten zum Glück noch keine Operationen deswegen verschieben oder ausfallen lassen".

Ein bisschen besser sieht die Lage offenbar in der Schwabacher Klinik aus. "Aktuell gibt es keinen Engpass, der uns im Tagesgeschäft einschränkt. Wir wissen aber, dass es in der Gesundheitsbranche immer wieder solche Engpässe gibt. Betroffen sind zum Beispiel Natriumclorid-Infusionen oder auch spezifische Narkosemedikamente", so Thomas Schaller, Pressesprecher von Diakoneo in Neuendettelsau.

Ein großer Vorteil des Schwabacher Krankenhauses: Es ist ein Puzzlestück in einem größeren Verbund von Kliniken. In Sachen Medikamentenversorgung stehe man deshalb nicht alleine da, so Schaller. Das Thema werde aber immer wieder bei den übergreifenden Sitzungen der Klinikleitungen im Diakoneo-Verbund, zu dem auch größere Krankenhäuser wie die Klinik Hallerwiese/Cnopfsche Kinderklinik in Nürnberg und das Diak-Klinikum in Schwäbisch Hall gehören, besprochen, so Schaller weiter. Auch durch eine "angemessene Lagerhaltung" sei man bisher von allzu großen Engpässen verschont geblieben.

Umdenken setzt ein

Werner Kurzlechner, der Pressesprecher der Bayerischen Landesapothekerkammer mit Sitz in München, spricht trotzdem von einem Dauerthema und einem flächendeckenden Problem. Die Ursachen für die Lieferengpässe seien vielfältig, der Kostendruck im Gesundheitswesen sei nur einer davon.

Auch Kurzlechner hält es für problematisch, dass die Wirkstoffproduktion für den Weltmarkt aus Kostengründen oft in wenigen Betrieben in Fernost stattfindet. Immerhin scheine es ein Umdenken in der Politik zu geben. "Mindestens seit 2017 ist das bei den Fachleuten auf dem Schirm", berichtet Apotheker Mayer. Inzwischen sei man sich einig, größere Produktionen wieder in Europa aufzubauen. Auf die Kosten müsse sich das gar nicht groß auswirken. "Die Medikamentenherstellung ist heutzutage in großem Stil automatisiert", erklärt Mayer. Dafür müsse man heute nicht mehr bis nach Fernost gehen.

Doch bis es soweit ist, dürfte es noch dauern. Bis dorthin haben Rupert Mayer und seine Kolleginnen und Kollegen vor allem mit einem zu tun: dem täglichen Kampf um die nächste Medikamentenpackung.

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