Mittwoch, 20.11.2019

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Mit Suchtgarantie: Singin Off Beats in Wendelstein

Chor begeistert beim Kirchenkonzert des Jazz&Blues Open - 30.04.2019 16:12 Uhr

Der Nürnberger Chor „Singin’ Off Beats“ gab in der Wendelsteiner Nikolauskirche ein praktisch ausverkauftes Konzert, an das sich die Festivalgäste des „Jazz & Blues Open“ noch lange erinnern dürften.


Offbeat singen. Also nicht auf die Eins und auf die Drei betonen, sondern woanders. Das macht es für Westeuropäer oft so schwierig, bei solchem Stoff mitzuklatschen. Mit Vierviertel-Patsch-Patsch geht das nicht. Und das macht die "Singin’ Off Beats" so besonders. Denn dieses Ensemble hat das Wesen des Jazz inhaliert, mit allen seinen Synkopen. Kein Wunder, ist Chorleiter Klaus Gramß doch einer der profiliertesten Jazzpianisten der Region.

Gramß’ ebenso komplexe wie knackige Arrangements sind der bunte Kitt, der die Nummern dieses jungen Ausnahmechors zusammenhält. Dazu kommen Stimmen, die flexibel und dennoch tragend sind, die eine Myriade von Dynamikstufen drauf haben und einen Regenbogen von Ausdrucksmitteln. Dicht, packend, beeindruckend – aber immer menschlich.

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Jazziger Festival-Endspurt in Wendelstein

Das 26. "Jazz & Blues Open" in Wendelstein bei Nürnberg endet am Maifeiertag mit einem großen Open Air bei freiem Eintritt auf dem Marktplatz. Zum Endspurt gab sich das Festival mit dem Chor "Singin' Off Beats" und Künstlern wie der finnischen Sängerin Tuija Komi oder dem Pianisten Roberto di Gioia noch einmal ganz jazzig in kleinen Veranstaltungsorten.


Cool müssen die Songs sein, die bei "Singin’ Off Beats" auf dem Programm stehen. Und anders. Mit dem Mainstream wollen die knapp 25 Chorsängerinnen und Chorsänger ganz offensichtlich nichts zu tun haben. Sie schwimmen gegen den Strom, auch wenn das mühsamer ist, als es bei belanglosem Kopieren des Althergebrachten zu belassen.

Herzblut zählt

Da wird dann auch einmal Norwegisch oder Schwedisch gesungen. Weil man manches locker über die Musik in sich aufnimmt, auch ohne die Texte zu verstehen. Dass hier Herzblut zählt und höchste Konzentration, wird auch so deutlich.

Zwar steht die bis zur Vokalakrobatik gehende Stimmkunst stets im Vordergrund – doch von der Limitierung eines reinen A-cappella-Ansatzes hält man bei "Singin’ Off Beats" nichts. Deshalb ist die mit dem E-Bassisten Moritz Neukam, dem Schlagzeuger Christian Langmann, Chorboss Klaus Gramß am Flügel sowie Gast-Saxophonist Markus Harm hochkarätig besetzte Begleitband integraler Bestandteil, denn sie gibt den Chor-Kapriolen inneren Zusammenhang und verstärkt jene Jazz-Grundierung, die das Markenzeichen des Chors darstellt.

„Somewhere over the Rainbow“: Olivia Barth-Jurca bei ihrem höchst beeindruckenden Filmschlager-Solo.


Mit rauchigem Alt

Für eine ganz spezielle Version des Judy-Garland-Klassikers "Over the Rainbow" bekam "Singin’ Off Beats" vor fünf Jahren den Deutschen Chorpreis. In Wendelstein lässt sich nachlauschen, was die Juroren seinerzeit begeisterte. Aus dem Filmschlager wird eine pastellgetönte, mit Latin-Rhythmen angereicherte Uptempo-Ballade, in der Olivia Barth-Jurca als Solistin mit rauchigem Alt für Gänsehaut-Momente sorgt und dem Traum von der Reise in eine bessere Welt Gesicht und Stimme gibt.

In die andere Dimension sind die Menschen in der vollbesetzten Nikolauskirche freilich längst übergegangen, wenigstens für ein paar kostbare Konzertstunden, in denen Zeit und Raum keine Rolle mehr zu spielen scheinen. Der Rückweg in die Realität, er gelingt nur mit einiger Anstrengung. Überwältigend.

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