Im Interview:

Ökologische Mobilität: Schwabach soll umdenken

6.5.2021, 11:00 Uhr
Das Auto ist in Schwabach Verkehrsmittel Nummer eins. Doch wie sehen die Potenziale für eine ökologische Mobilität aus? Eine Frage, der sich Robert Follmer stellt.

Das Auto ist in Schwabach Verkehrsmittel Nummer eins. Doch wie sehen die Potenziale für eine ökologische Mobilität aus? Eine Frage, der sich Robert Follmer stellt. © Günther Wilhelm

Robert Follmer ist Bereichsleiter am Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) in Bonn und einer der bekanntesten Mobilitätsforscher Deutschlands. In Schwabach hält er einem Impulsvortrag über die „Potenziale für ökologische Mobilität“. Schließlich bastelt die Stadt Schwabach derzeit an ihrem „Mobilitätsplan 2040“. Möglichst viele Bürger sollen mitmachen. Den Vortrag können sie allerdings nur im Live-Stream verfolgen. Zugang gibt es unter www.schwabach.de/mobilitaetsplan. Via Chat lassen sich aber auch Fragen stellen. Im Nachhinein kann man sich den Impulsvortrag im Online-Archiv auf der städtischen Homepage ansehen. Wir haben mit Robert Follmer im Vorfeld der Veranstaltung gesprochen.

Robert Follmer ist Bereichsleiter am Institut für angewandte Sozialwissenschaft in Bonn und einer der bekanntesten Mobilitätsforscher in Deutschland.

Robert Follmer ist Bereichsleiter am Institut für angewandte Sozialwissenschaft in Bonn und einer der bekanntesten Mobilitätsforscher in Deutschland. © privat

Hallo Herr Follmer, auf was dürfen sich die Schwabacherinnen und Schwabacher bei Ihrem Vortrag einstellen?

Zu viel verraten will ich nicht. Es wird anhand von Zahlen eine Bestandsanalyse geben. Und natürlich werde ich ein Bild zeichnen, was sich ändern sollte, wenn man tatsächlich die "Potenziale für ökologische Mobilität" heben will.

Was ist überhaupt "ökologische Mobilität"?

Manche verbinden damit in erster Linie das E-Auto. Das hat sicherlich große Vorteile, was Emissionen im laufenden Betrieb und Lärmbelastung angeht, verglichen mit einem Verbrenner. Aber wir müssen grundsätzlicher ansetzen. Wir haben in Deutschland inzwischen fast 50 Millionen Kraftfahrzeuge auf der Straße. Der Anteil an E-Mobilität muss größer werden. Aber insgesamt muss die Zahl der Autos kleiner werden. Das ist alleine ein Gebot der Fairness den anderen Verkehrsteilnehmern gegenüber. Wir müssen darüber hinaus aufpassen, dass es mit zunehmender Elektro-Mobilität nicht zu einem so genannten Rebound-Effekt kommt, den wir beispielsweise in Norwegen sehen. Dort hat die Elektro-Mobilität schon einen ganz anderen Stellenwert als bei uns. Mit der Folge, dass die Leute auch Strecken im E-Auto zurücklegen, für die sie zuvor das Fahrrad genommen haben oder zu Fuß unterwegs waren.

Sie wollen also weniger Autos, um dem Pkw-Verkehr gerade in den Städten einen Teil des ohnehin knappen Platzes wegnehmen zu können.

Sehen Sie, ich will niemanden kritisieren. Ich kenne Schwabach auch noch gar nicht persönlich, sondern nur anhand von Zahlen und anhand von Luftaufnahmen. Die Sünden, und da ist Schwabach weiß Gott nicht alleine, wurden halt in der Vergangenheit gemacht. Große Einkaufsmöglichkeiten am Stadtrand, erreichbar auf dicken, breiten Straßen. Fußgänger, Radfahrer und Busse sind dabei, ich formuliere das etwas salopp, ein wenig unter die Räder gekommen. Diesen Gruppen muss man es, wenn man es mit der ökologischen Mobilität ernst meint, künftig leichter machen. Und man muss dabei trotzdem diejenigen mitnehmen, die bisher in erster Linie mit dem Auto unterwegs sind. Man kann auch sie ködern – mit einem Zugewinn an Lebensqualität.


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Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte Schwabach hinter Wolfsburg die, gemessen an der Einwohnerzahl, höchste Dichte an Kraftfahrzeugen.

Man muss da immer ein bisschen aufpassen. Große "Player" wie VW in Wolfsburg oder das große Feser-Autohaus mit ihren vielen, vielen Tageszulassungen verzerren das Bild. Aber es stimmt schon: Schwabach ist sehr autogeprägt. Der Anteil des Fahrradverkehrs liegt unter zehn Prozent. Da müssten ein paar Prozent dazu kommen. Es muss ja nicht gleich wie in Münster sein, wo der Fahrradverkehr einen Anteil von über 30 Prozent hat.

Wie soll das gehen?

Die Voraussetzungen sind gar nicht so schlecht. Das Stadtgebiet ist kompakt, die Entfernungen sind nicht groß. Selbst Pendler nach Nürnberg könnten locker öfter zum Zweirad greifen statt zum Autoschlüssel. Aber es gibt auch Hürden. Etwas längere Strecken lassen sich mit einem Pedelec oder E-Bike besser bewältigen. Aber nicht jede Familie hat ein paar tausend Euro übrig, um sich solche teuren Geräte anzuschaffen. Und dann, da komme ich darauf zurück, was ich vorhin gesagt habe, ist es halt oft auch eine Frage des Platzes. Radfahrer und Fußgänger fühlen sich an den Rand gedrängt.

Lässt sich das auf die Schnelle ändern?

Ältere würden auch in Schwabach bestimmt noch gerne mit dem Rad fahren. Aber sie trauen sich nicht, weil sie keine "Schutzräume", wie Abtrennungen von Straßen, haben. Wenn man hier etwas macht, würde das allen etwas bringen. Wenn es den Älteren hilft, ist es auch für die Jüngeren gut.

In Zeichen von Corona hat das Wort "Mobilität" einen negativen Beigeschmack erhalten. Wer mobil ist, steckt andere leichter an.

Wir wollen und dürfen den Menschen das Unterwegsein keinesfalls madig machen. Mobilität ist per se nicht schlecht. Ohne Mobilität könnten wir Menschen gar nicht existieren. Es geht darum, notwendige Mobilität so umweltverträglich wie möglich zu machen.


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Hat die Pandemie eigentlich unsere Mobilität verändert?

Corona hat eher dem Individualverkehr und dem Auto in die Karten gespielt. Volle S-Bahnen und volle Züge sind in diesen Zeiten nicht der Hit. Was wir darüber hinaus sehen: Es sind mehr Menschen alleine im Auto unterwegs oder höchstens mit der Kernfamilie. Der Trend, dass Kolleginnen und Kollegen auf dem Weg zur Arbeit sich ein Auto teilen, der ist durch Corona vorerst gestoppt. Beim Zweiradverkehr muss man sehen, ob der Aufwärtstrend wirklich nachhaltig ist oder ob das ein Strohfeuer von einem Frühjahr und einem Sommer war.

Wenn die Stadt Schwabach eine neue Mobilität will, dann könnte ich an dieser Stelle sagen: Los, Stadt, dann mach´ mal.

Natürlich muss die Stadt die Bedingungen schaffen, sie muss den Rahmen bauen. Aber ganz ehrlich: Das ist nur der zweite Schritt. Das Umdenken fängt bei uns selbst an.

Wie reisen Sie eigentlich an?

Ich überlege noch. Das beste Verkehrsmittel innerhalb Deutschlands, wenn man von Stadt zu Stadt reist, ist der ICE. Ich denke aber darüber nach, ob ich nicht doch das Auto nehme und das Fahrrad hinten reinpacke. Dann könnte ich tags darauf südlich von Schwabach noch etwas in die Pedale treten.

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