Donnerstag, 13.05.2021

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Reisen anno 1559: Mit Negativtest und Quarantäne

Parallelen zu Corona: Der Schwabacher Historiker Eugen Schöler erinnert an die Zeit der Pest - 22.04.2021 11:00 Uhr

Maske, Quarantäne und Passierschein im 16. Jahrhundert: Eine Restauratorin betrachtet im Kasseler Museum für Sepulkralkultur (Totenkult) vor einer großformatigen Ansicht des „Schwarzen Todes“ (Pest) die Reproduktion einer Pestarzt-Maske.

20.04.2021 © Uwe Zucchi, NN


Seit einem Jahr beherrschen Nachrichten zum Corona-Stand die Tageszeitung, Fernseh- und Rundfunkberichte. Längst sind uns Begriffe wie Pandemie, positive oder negative Tests, Quarantäne, Impfzentren, Hotspots, Lockdown und vieles mehr vertraut und für viele Menschen unvermeidlicher täglicher Gesprächsstoff.

Die berühmte Nürnberger Meilenscheibe, die auch Schwabach und Roth erwähnt.

21.04.2021 © NN


Als mich die ersten Meldungen dazu erreichten, schrieb ich gerade an einer Geschichte meiner Vorfahren aus dem Nürnberger Patriziat. Vor mir lag eine Kopie der berühmten Nürnberger Meilenscheibe von 1559, die den Nürnberger Fernhändlern – wie in einer Art gedrucktem Navigationssystem – die Reiserouten zu 13 Fernzielen samt den dabei zu durchquerenden Orten beschrieb. Zweimal steht darauf der Namen Schwabach, einmal als erste Zwischenstation der „Ulmer Straße“, und dann als erste Station in Richtung Straßburg. Roth ist als erste Station in Richtung Augsburg angegeben und Kornburg in Richtung München.

Die Ziffern vor den Ortsnamen sind Entfernungsangaben in Meilen, wobei eine Meile heute etwa acht Kilometern entspricht. Der Name „Venezianerstraße“ erinnert unter anderem in Kornburg und Unterheckenhofen bis heute daran, dass die Nürnberger Fernhändler dort mit dem Ziel Venedig unterwegs waren. Von manchen Orten beziehungsweise den Endzielen auf der Meilenscheibe ging es für die Fernhändler dann neben Mailand und Venedig unter anderem weiter nach Wien und Ungarn, nach Frankfurt und Antwerpen, nach Bern und Lyon. Nicht wenige meiner Vorfahren aus dem Nürnberger Patriziat haben mit ihren Pferdefuhrwerken genau diese aus heutiger Sicht schier unfassbaren Entfernungen zurückgelegt – bei jedem Wetter und auf oft miserablen „Straßen“, immer in Erwartung von Überfällen durch Straßenräuber, trotz der schützenden Begleitung durch „Reisige“ (Bewaffnete).

Gesundheitszeugnis anno 1600

Zu allem Überfluss suchten damals wiederholt Pest-Wellen Europa heim, löschten viele Menschenleben aus und brachten mancherorts den Handel komplett zum Erliegen. Es ist unter anderem Venedig zu verdanken, dass man vielerorts nicht in Resignation verfiel, sondern zumindest Handel und Wirtschaft zu retten versuchte. Patrizier-Vorfahren von mir wurden Augenzeugen und Nutznießer dieses Engagements. Denn im berühmten „Fondaco dei Tedeschi“ neben der Rialto-Brücke in Venedig besaßen sie Handelskontore, über die sie Nürnberger Produkte verkauften und wiederum Waren aus dem Mittelmeerraum nach Norden befördern ließen.


Neues Buch: So ähnlich sind sich Pest und Corona


Sie mussten aber auch erleben, dass sich in Pest-Zeiten manche Orte entlang der Fernstraßen weigerten, Handelszüge durchfahren zu lassen, aus Sorge vor möglicher Ansteckung. So untersagte zum Beispiel Bozen einem Nürnberger Warenzug die Durchreise, weil man erfahren hatte, dass im Raum Nürnberg die Pest ausgebrochen sei.

Venedig reagierte: Bereits 1486 wurde eigens zur Abwehr der Pest und zur Rettung von Handel und Wirtschaft ein spezielles Gesundheitsamt eingerichtet, genannt „Magistrato della Sanità“, das unter anderem sogenannte „Fedi di Sanità", also Gesundheitszeugnisse ausstellen durfte. Diese bescheinigten den Händlern, dass ihr Herkunftsort (in diesem Fall Venedig) frei von der Pest sei, sodass sie ungehindert durch andere Regionen ziehen durften. An allen zu passierenden Orten konnten sie diesen „Negativ-Test“ vorzeigen.

Pandemie-Maßnahmen vor 400 Jahren

Auf dem Gesundheitszeugnis mussten die Handelsware beschrieben sein, die Art der Verpackung, die Herkunft der Ware, der Bestimmungsort und der Name des Empfängers. Diese Methode wurde in ganz Europa nachgeahmt und unter anderem in der Reichsstadt Nürnberg bis ins 18. Jahrhundert praktiziert. So legten Nürnberger Kaufleute allein in Verona zwischen 1720 und 1741 insgesamt 553 mal ein solches Gesundheitszeugnis vor, wurden daraufhin in die Stadt eingelassen und konnten ihre Waren anbieten sowie zum nächsten Haltepunkt weiterreisen.


Pest und Hungersnöte im Dreißigjährigen Krieg


In Nürnberg wurden diese Dokumente zumeist als gedruckte Formulare ausgegeben, manchmal auch in handschriftlicher Form. Alle begannen mit dem gleichen Wortlaut: „WIR von Herren Burgermeister und Rath der Stadt Nürnberg zum Officio Sanitatis (Amt der Gesundheit) aus Dero Mittel Deputirte thun kundt hiermit Jedermänniglich, daß durch Göttliche Gnade die Lufft allhier rein, gesund, und von aller ansteckenden verdächtigen Seuche befreyet...“ Nachdem alle Angaben überprüft waren, erfolgten der Eintrag des Datums und die amtliche Bestätigung durch einen Prägestempel.

Als die Pest zurückging, verlangten die zu passierenden Orte immer seltener die Vorlage solcher Dokumente. Ebenso beantragten Kaufleute und Privatreisende diese immer seltener beim heimatlichen „Officio Sanitatis“. Drohte allerdings die nächste Pest-Welle, wurden die Bedingungen umgehend wieder verschärft.

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Blutiges Zeitalter: Diese Festspiele erinnern an den Dreißigjährigen Krieg

Krieg, Tod, Hunger und Seuchen: Die Vier Apokalyptischen Reiter verheerten im Dreißigjährigen Krieg (1618 - 1648) das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. In manchen Teilen Frankens betrug der Bevölkerungsverlust 40 bis 50 Prozent. An diese Zeit erinnern noch heute Festspiele in Dinkelsbühl, Altdorf und Rothenburg - bunte Touristenspektakel, die das Grauen von damals allerdings nur unzureichend spiegeln.


Verwüstetes Land

Was zum Beispiel die Pest von 1633 mitten im Dreißigjährigen Krieg für Schwabach und Umgebung bedeutete, schildert der Schwabacher Chronist Johann Heinrich von Falckenstein: „Was nun in diesen trübseeligen Kriegsläufften das Schwerdt übrig gelassen hatte, dasselbe verzehrte das folgende 1633ste Jahr die wieder einreissende Pestilenz, wodurch das Land ganz öde wurde; und was dieses Übel übrig ließ, verzehrte endlich der darauf kommende Hunger. Die Dörffer waren meistentheils verbrannt, die Einwohner theils gestorben, theils verjagt, und war niemand, der das Land anbauete...“

Im selben Jahr hatte die Reichsstadt Nürnberg mit 15 661 Pesttoten die höchste Zahl seit Beginn der Pandemie im 14. Jahrhundert zu beklagen. Natürlich war man vorher nicht untätig geblieben: Mit Pest-Verordnungen, Ge- und Verboten versuchte der Nürnberger Rat, bei jeder neuen Welle die Ansteckungsgefahr zu verringern und die Zahl der Stadtärzte zu erhöhen. Ein eigenes „Collegium Medicum“ sollte ab 1592 die hygienischen Verhältnisse verbessern.


Wie der Dreißigjährige Krieg ganze Dörfer auslöschte


Noch Jahrzehnte nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs richteten Nürnberg und andere große Handelsstädte nach venezianischem Vorbild sogenannte „Kontumaz-Anstalten“ ein: Außerhalb der Stadtmauern gab es für ankommende Fernhändler und Reisende vorsichtshalber Quarantäne-Stationen, die von hohen Zäunen umgeben waren und scharf bewacht wurden. Erst wenn sich bei den so isolierten Fremden nach einer Weile äußerlich keine Krankheitssymptome zeigten, durften sie die Quarantäne verlassen.

1804 wurde in Nürnberg die letzte noch vorhandene Quarantäne-Station abgebaut. Der nördliche Teil einer solchen Einrichtung hat sich als Grünanlage namens „Kontumazgarten“ erhalten. Und 2021? Meine Nürnberger Patrizier-Vorfahren hätten, wie ihre damaligen Mitbürgerinnen und Mitbürger, von den uns heute möglichen und zugänglichen medizinischen Maßnahmen gegen eine Pandemie nur träumen können - allen aktuellen Unvollkommenheiten und gelegentlichen Misserfolgen zum Trotz.

EUGEN SCHÖLER

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