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Schlecht bezahlt, weiblich, systemrelevant: Wer bringt uns durch die Corona-Krise?

Ein Gespräch über Arbeit am Menschen und Wertschätzung in Zeiten der Pandemie - 02.04.2020 10:16 Uhr

Nah am Menschen und in der Krise unverzichtbar: Die Arbeit etwa von Altenpflegerinnen wird derzeit anders wahrgenommen – aber ist diese Entwicklung nachhaltig? © Foto: Jens Kalaene/dpa


In Zeiten der Krise wird manches deutlich, was vorher im öffentlichen Bewusstsein keine große Rolle gespielt hat. Zum Beispiel: Wenn es hart auf hart kommt, sind die Berufsgruppen wichtig, die sich mit der Versorgung von Menschen befassen. Auch ein wirtschaftlicher Schaden kann Existenzen vernichten – aber derzeit werden Erzieherinnen mehr gebraucht als Rechnungsprüfer, Pflegerinnen mehr als Ingenieure und Krankenhauspersonal mehr als Marketingmanager. Studien zeigen, dass die derzeit als "systemrelevant" definierten Berufe in der Mehrheit von Frauen besetzt sind – und unterdurchschnittlich bezahlt. Wir haben über diese Diskrepanz mit Andrea Schmidt gesprochen, der Geschäftsführerin der Familien- und Altenhilfe Schwabach.

Andrea Schmidt ist seit 2011 Geschäftsführerin der Familien- und Altenhilfe Schwabach. Der Verein wurde 1969 von engagierten Bürgerinnen und Bürgern, Vertretern beider christlicher Kirchen und Sozialorganisationen gegründet – mit dem Ziel, hilfsbedürftige Schwabacherinnen und Schwabacher in ihrem Alltag zu unterstützen. Heute ist der Verein ein modernes Unternehmen im Sozialbereich mit rund 120 Mitarbeitern und mehr als 30 ehrenamtlichen Helfern. Das Angebot umfasst vielerlei Leistungen in Pflege und Betreuung, außerdem betreibt der Verein die Schwabacher Tafel. © Foto: Familien- und Altenhilfe


 

Frau Schmidt, viele der in Zeiten von Corona als systemrelevant eingestuften Berufe sind weitgehend Frauensache – Pflegerinnen, Krankenschwestern oder Erzieherinnen halten die Gesellschaft am laufen. Diese Berufe sind aber vergleichsweise schlecht bezahlt. Wie geht das zusammen?

Meiner Meinung nach geht das überhaupt nicht zusammen – und man muss zum Thema "systemrelevant" auch bedenken: Diese Frauen sind nicht nur jetzt die Stütze in der Grundversorgung, sondern häufig ist es auch heute noch so, dass die Frauen in diesen Berufen in der Regel auch zu Hause dafür zuständig sind, dass der Laden läuft. Nach wie vor ist die Anzahl an Familien, in denen die familiären Aufgaben wirklich auf mehrere Schultern verteilt sind, eher noch unterdurchschnittlich.

Sollten die angesprochenen Berufsgruppen mehr verdienen?

Das Thema Bezahlung wird in der Pflege schon lange diskutiert und es wäre zu wünschen, dass sowohl politisch wie auch gesellschaftlich diese Berufe Wertschätzung nicht nur in Worten, sondern auch auf dem Lohnzettel erhalten. Im Bereich der Pflege bedeutet dies zum Beispiel: Sind die Kranken- und Pflegekassen bereit, die tatsächlichen Kosten für bessere Gehälter zu übernehmen? Ist die Gesellschaft bereit, die Mehrkosten, die aus einer besseren Bezahlung resultieren, zu tragen? Wer ist mit der jetzt gewonnenen Erkenntnis über die Relevanz der Berufe bereit, hier ausreichend zu investieren?

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In Zeiten von Corona richtet sich der Blick der Öffentlichkeit auf viele Berufsfelder und -zweige, die gerad jetzt als besonders systemrelevant eingestuft werden und die Versorgung mit medizinischer Hilfe oder auch den Zugang zu Lebensmitteln in diesen Zeiten weiterhin garantieren. Oft unter Einsatz der eigenen Gesundheit. Doch wie hoch ist der Mittlere Jahresverdienst die Beschäftigten in Gesundheitswesen, dem Lebensmittelhandel oder auch in der Pharmazie eigentlich?


Was kann, etwa von der Politik, getan werden, um die Situation der vielen Frauen – und natürlich auch der Männer – in diesen Berufen zu verbessern?

Die Gehaltsfrage habe ich ja bereits angesprochen. Aber was könnte sich noch verbessern? Hier kann man über viele Ideen diskutieren: Vielleicht könnte man diese – nun als systemrelevant definierten – Berufe in der Rentenversicherung besserstellen. Oder diese Frauen können die Kitabetreuung so wählen, dass es gut zu ihrem Dienstsitz passt. Oder sie erhalten Vergünstigungen in der Nutzung von Sporteinrichtungen oder anderen gesundheitserhaltenden Maßnahmen, oder auch in regelmäßigen Abständen eine Kur. Hier können sicherlich viele Antworten gefunden werden, wenn die Betroffenen befragt werden. Das A und O ist jedoch, zumindest für den Pflegebereich kann ich dies sagen: Wir benötigen mehr Pflegekräfte, damit die Belastungen für die einzelnen Mitarbeiterinnen nicht zu hoch wird.

Wie sieht es in der derzeitigen Krisensituation aus? Was sollte aktuell getan werden?

Es ist zwar sehr positiv, wenn Ministerpräsident Markus Söder ankündigt, dass die Kosten für die Verpflegung des Personals übernommen werden, aber das allerwichtigste ist, dass die nun lebenswichtige Schutzausrüstung vorhanden ist. Die Mitarbeiter setzen sich jeden Tag in der Arbeit am Menschen einem erhöhten Risiko aus. Man hat zu Beginn der Pandemie immer nur wahrgenommen, dass die Mitarbeiter in den Krankenhäusern unbedingt mit Schutzausrüstung versorgt werden müssen, was ja verständlich ist. Inzwischen ist aber klar festgelegt, dass auch die Altenpflege zu den Berufen gehört, für die eine Beschaffung von Schutzausrüstung oberste Priorität hat. Wie ist es denn mit den Erzieherinnen, die für die Notbetreuung zuständig sind? Wie werden die sich schützen? Das Mittagessen nützt uns nichts, wenn wir uns nicht ausreichend schützen können.

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Ist bei Ihnen bereits Schutzausrüstung angekommen?

Der wichtige Mund-Nasen-Schutz wurde in kleineren Mengen an die Katastrophenschutzbehörde in Schwabach angeliefert und wird derzeit verteilt. Wir kommen mit der aktuellen Anlieferung bis über die Osterfeiertage, dann benötigen wir wieder Nachschub. Zudem sind selbstgenähte Masken in der Verteilung, die wir gerade ausprobieren. Es läuft also langsam an, die Stadt hat sich des Themas angenommen. Aber die Versorgung an die Kommune müsste noch wesentlich schwungvoller anlaufen.

Wie könnte man die Menschen, die uns durch die Krise bringen sollen, auch kurzfristig finanziell unterstützen?

Eine Möglichkeit wäre, dass Bund oder Länder einen Fonds auflegen, um den systemrelevant tätig Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Leistungszulage für ihre Arbeit in der Krise zu zahlen. Man könnte etwa Überstunden, die aufgrund der Krise anfallen, steuer- und sozialversicherungsfreit auszahlen.

Es gibt derzeit Situationen der Überlastung, sei es in Gesundheit, Pflege oder Kinderbetreuung. Schon vor Corona wurde vermehrt auf Personal aus dem Ausland gesetzt, besonders in der Pflege. Warum kriegen wir es nicht alleine hin, wo wir doch ein vermeintlich gut aufgestelltes Gesundheitssystem haben?

Ein Problem ist das Image etwa des Pflegeberufs und dementsprechend die Anzahl an Menschen, die diesen Beruf bei uns ergreifen und die später auch langfristig in diesem Beruf arbeiten. Mit welchem Image ist das Berufsbild denn gesellschaftlich besetzt? Wie kommt ein Jugendlicher zu der Entscheidung, diesen Beruf zu ergreifen. Sagen die Eltern: Das ist ein toller, professioneller und zukunftssicherer Beruf, für den solltest du dich entscheiden? Wissen die Jugendlichen, dass die Ausbildungsvergütung durchaus attraktiv ist?

Hier wurde mit dem Reformgesetz des Pflegeberufs ein Schritt getan, von dem wir uns alle erhoffen, dass dieses Berufsbild an Attraktivität gewinnt und die Ausbildungszahlen steigen. Aber sagen jetzt in der Krise mehr Jugendliche als bisher: Toll, in diesem Beruf möchte ich auch arbeiten? Das wäre dann tatsächlich der Wandel, den wir benötigen, um für die Folgen der demografischen Entwicklung in Zukunft mehr Pflegekräfte zu Verfügung zu haben.

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Für so einen mentalen Wandel müsste sich wahrscheinlich auch das Berufsbild selbst wandeln – besonders im Hinblick auf Arbeitsbelastung und Bezahlung.

Natürlich ist die Bezahlung der eine Punkt. Daraus resultieren würde aber die Verbesserung der Rahmenbedingungen durch mehr Personal. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden dann nicht immer wieder in die Überlastung kommen. Sie würden nicht immer wieder aufgrund von Engpässen einspringen müssen, nicht immer wieder ihr Privatleben hinten anstellen müssen. Wir brauchen mehr Mitarbeiter, die den Pflegeberuf ergreifen, damit Dienstpläne nicht immer auf Kante genäht sind und die Mitarbeiter Sicherheit in ihrer Freizeitphase haben. Dann ist der Beruf – mit der richtigen Bezahlung – auch attraktiv.

Kann man Einrichtungen dann noch wirtschaftlich betreiben?

Die Frage ist, wie sich das sicherlich zurecht bestehende Gebot des wirtschaftlichen Handelns im Umgang mit den Pflege- und Krankenversicherungsbeiträgen auf die Bezahlung des Personals auswirken sollte. Hier sehe ich schon Ansätze, etwas differenzierter vorzugehen. In der Versorgung und Pflege von Kranken und Pflegebedürftigen darf der Wirtschaftlichkeitsgedanke nicht die Messlatte sein. Wir sehen in der aktuellen Krise, dass diese Haltung in die falsche Richtung führt.

Menschen, die sich um Bedürftige kümmern, erhalten derzeit auch viele Solidaritätsbekundungen. Es wird zum Beispiel abends an den Fenstern gesungen oder geklatscht. Freuen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Familien- und Altenhilfe über diese Wertschätzung? Sind die systemrelevanten Frauen stolz darauf, dass in der Krise dieser Status von der Öffentlichkeit auch einmal bemerkt wird?

Ja, wir haben bereits von einigen Mitarbeiterinnen gehört, dass sie schon stolz darauf sind, in einem Beruf zu arbeiten, der aktuell ganz anders wahrgenommen wird. Unsere Altenpflegefachkraft Cornelia hat zum Beispiel berichtet, dass an der Windschutzscheibe ihres Dienstautos eine kleine Dankesbotschaft mit Schokolade angebracht wurde. Oder auch, dass die Patienten unglaublich dankbar sind, dass wir in einer so schwierigen Situation noch zu ihnen kommen. Das hat Cornelia schon sehr gefreut und auch motiviert.

Warum gibt es eine solche Wertschätzung nicht auch in ruhigeren Zeiten?

Es wäre schön, wenn diese Pandemie zu einem Umdenken und einer nachhaltigen Anerkennung für diese Berufsgruppen führt. Wenn nach der Krise viel mehr Jugendliche über die Ergreifung eines Pflegeberufs nachdenken, dann hätten wir auch in der schwierigen Zeit etwas gewonnen. Ob an die systemrelevanten Frauen noch gedacht wird, wenn sich nach der Krise alle darum kümmern müssen, dass die Betriebe wieder anlaufen, oder darum, dass die eigene Existenz gesichert wird, wenn alle über die Normalität, die wir uns ja sehnlichst wieder wünschen, froh sind? Ich hoffe, dass diese wichtigen Frauen und ihre Berufe dann bei der Politik und in der Gesellschaft nicht wieder ins Hintertreffen geraden.

 


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