Schwabacher Wunderkind

Schwabach: Das "Wunderkind" Jean-Philippe Baratier

14.6.2021, 06:00 Uhr
Seit Frühjahr erinnert ein Denkmal an Jean-Philippe Baratier. Es zeigt einen lesenden dreijährigen Jungen vor der Franzosenkirche, wo sein Vater Prediger war. Bei einer Führung am Samstag berichteten Ulrich Distler  und Klaus Huber (links) aus dem Leben des Wunderkinds. 

Seit Frühjahr erinnert ein Denkmal an Jean-Philippe Baratier. Es zeigt einen lesenden dreijährigen Jungen vor der Franzosenkirche, wo sein Vater Prediger war. Bei einer Führung am Samstag berichteten Ulrich Distler  und Klaus Huber (links) aus dem Leben des Wunderkinds.  © Günther Wilhelm, NN

Klaus Huber und Ulrich Distler sind ein eingespieltes Team, wenn es um Schwabacher Stadtgeschichte geht. Gemeinsam haben sie Kirchenführer über die Spital-, Franzosen- und Stadtkirche veröffentlicht sowie eine Broschüre über die Geschichte des Brauwesen. Am Samstag widmeten sie ihre Führung der vielleicht interessantesten Biographie in der langen Geschichte der Stadt: dem "Wunderkind" Jean-Philippe Baratier. Zu dessen 300. Geburtstag erinnert Schwabach an ihn mit einem Jubiläumsjahr.

Lesen schon mit zwei Jahren

Mit zwei Jahren kann er lesen, mit zwölf verfasst er sein erstes Buch, mit 14 wird er an der Universität Halle der jüngste Magister Deutschlands. Selbst der preußische König Wilhelm Friedrich I. gehört zu seinen Förderern. Doch mit nur 19 Jahren verstirbt Jean-Philippe Baratier. Was ist das für ein Kind, dieser Jean-Philippe Baratier?

Boxlohe 9: Das Wohnhaus der Familie Baratier. Geboren wurde Jean-Philippe im alten Pfarrhaus in der Friedrichstraße, das nicht mehr existiert. Kurz nach seiner Geburt zog die Familie ins neue Pfarrhaus. Hier lebte Jean-Philippe bis zu seinem 14. Lebensjahr. Dann folgte der Umzug nach Halle.

Boxlohe 9: Das Wohnhaus der Familie Baratier. Geboren wurde Jean-Philippe im alten Pfarrhaus in der Friedrichstraße, das nicht mehr existiert. Kurz nach seiner Geburt zog die Familie ins neue Pfarrhaus. Hier lebte Jean-Philippe bis zu seinem 14. Lebensjahr. Dann folgte der Umzug nach Halle. © Günther Wilhelm, NN

Sein Leben in Schwabach kann man an drei Gebäuden festmachen, von denen zwei noch stehen. Geboren wird er am 19. Januar 1721 als Sohn des französisch-reformierten Predigers Francois Baratier und dessen Frau Anne Charles.

"In der Friedrichstraße", wie Ulrich Distler betont. Dort hatte sich das alte Pfarrhaus der französisch-reformierten Kirche befunden. Heute steht an dieser Stelle die Neuapostolische Kirche. Kurz nach der Geburt zieht die Familie am 3. März ins neue Pfarrhaus hinter der Franzosenkirche um. An der Wand der Boxlohe 9 erinnert eine Tafel des Geschichts- und Heimatvereins daran. Dort lebt die Familie, bis sie 1735 nach Halle geht.

Zuflucht in Schwabach

Ulrich Distler hat sich intensiv mit dem Leben Jean-Philippe Baratiers befasst. Hier zeigt er bei seinem Vortrag in der Franzosenkirche ein Porträtbild des Wunderkinds.

Ulrich Distler hat sich intensiv mit dem Leben Jean-Philippe Baratiers befasst. Hier zeigt er bei seinem Vortrag in der Franzosenkirche ein Porträtbild des Wunderkinds. © Günther Wilhelm, NN

Die zentrale Rolle im Schwabacher Leben der Baratiers aber spielte die Franzosenkirche. "Francois Baratier hielt 1724 den Gottesdienst zur Grundsteinlegung des Turms", berichtet Klaus Huber, der zunächst die Geschichte der französischen Hugenotten in Schwabach nachzeichnet. Vertrieben vom katholischen Sonnenkönig Ludwig XIV., bietet einer Gruppe von ihnen auch der Markgraf von Brandenburg-Ansbach Zuflucht. "Doch er hatte die Rechnung ohne die Lutheraner gemacht", sagt Huber. Wegen des großen Widerstands geht es weiter nach Schwabach, wo die ersten Franzosen 1686 eintreffen. Der Markgraf erlaubt ihnen, mit den Steinen der Kammersteiner Burgruine eine eigene Kirche zu bauen.

Wappen als Dank

"Das Wappen des Markgrafen über dem Eingang war ein Dankeschön der Gemeinde", so Huber. Noch im September 1686 ist Grundsteinlegung, am 13. November 1687 wird der erste Gottesdienst gefeiert. Der ganz bewusst schlichte Bau ist Zeugnis des reformatorischen Glaubens calvinistischer Prägung. Kein Kreuz, keine Bilder, die Orgel wird erst im 20, Jahrhundert eingebaut. "Nichts sollte vom Wort Gottes ablenken. Der Gottesdienst ist das Wichtigste der Welt", erklärt Huber die Geisteshaltung, in die Jean-Philippe hineingeboren wird.

Klaus Huber zeichnete die Geschichte der hugenottischen Glaubensflüchtlinge nach, 1686 waren sie von Henneberg bei Ansbach nach Schwabach gekommen  und brachten neue Handwerkstechniken wie die Strumpfwirkerei mit.  

Klaus Huber zeichnete die Geschichte der hugenottischen Glaubensflüchtlinge nach, 1686 waren sie von Henneberg bei Ansbach nach Schwabach gekommen  und brachten neue Handwerkstechniken wie die Strumpfwirkerei mit.   © Günther Wilhelm, NN

Er ist das dritte Kind der Baratiers, aber das einzige, das das erste Lebensjahr überlebt. Eine Schule hat er nie besucht. Die Ausbildung übernimmt sein Vater, und zwar schon sehr früh. "Er hat sich gesagt: Wenn Zweijährige unterschiedliche Menschen erkennen können, dann können sie das auch mit Buchstaben", erklärt Ulrich Distler den Ansatz. Jean-Philippe zumindest kann es.

"Merkwürdige Nachrichten"

Schon als er nur fünf ist, erscheint in Leipzig ein erster Artikel mit dem Titel "Merkwürdige Nachrichten von einem sehr frühzeitig gelehrten Kinde". Jean-Philippe lernt nach Französisch, Deutsch und Latein auch Syrisch, Chaldäisch und Arabisch, liest nach der Bibel als kleines Kind nun den Koran im Original. Neben Theologie befasst er sich mit Mathematik, Naturwissenschaften und Astronomie. Er entwickelt sogar ein System zur Berechnung der Längengrade.

Früher Tod in Halle

Wie sehr er die Fachwelt überzeugt, beweist er an der Universität in Halle, wo er seine Abschlussarbeit vor 2000 Zuhörern drei Stunden öffentlich diskutiert und umjubelt wird. Doch liegt schon seit Jahren ein Schatten über seinem Leben. Ab dem zwölften Lebensjahr erkrankt er schwer. Mit 19 verstirbt er in Halle. Nach seinem Tod erweist ihm die Universität eine letzte Ehre. Sie übernimmt die Beerdigungskosten, bestattet wird er in der Gruft des Kanzlers der Universität.

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