Sonntag, 18.04.2021

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Schwabach: Der Handel funkt SOS

Interview mit Christian Frenzel vom Einzelhandelsverband über die Folgen des verlängerten Lockdowns. - 22.01.2021 06:00 Uhr

„Das ist heftig“: Christian Frenzel muss wie alle Einzelhändler seine Geschäfte weiter geschlossen halten. Der Bestell- und Lieferservice ist ein Angebot, das diese Zeit zu überbrücken hilft. Aber ein echter Ausgleich ist es nicht. Von der Politik zeigt sich Frenzel enttäuscht.

21.01.2021 © Foto: Günther Wilhelm


Herr Frenzel, der Lockdown ist nochmals bis 14. Februar verlängert: Wie haben Sie auf diese Nachricht reagiert?

Enttäuscht. Jeder Tag, der zusätzlich geschlossen ist, trifft die Einzelhändler. Das ist heftig. Ich bin wirklich kein Corona-Leugner, aber ich fürchte, dass die Verlängerung auch wenig bringt, weil der Einzelhandel nicht der Infektionstreiber ist. Die meisten Infektionen passieren wohl im Privaten. Wir haben uns an alle Vorsichtsregeln gehalten. Aber wir finden kein Gehör in der Politik.

 

Angesichts der hohen Infektionszahlen muss die Politik reagieren, oder nicht?

Ich kann keine klare Linie erkennen. Wenn, dann richtig. Die Industrie bleibt offen, auch andere Geschäfte. Frequenz ist überall. Der Handel aber wird zum zweiten Mal abgestraft. Das ist eine unfaire Ungleichbehandlung. Man hätte das anders lösen können.

 

Die Frage ist, wie: Hätten Sie einen Vorschlag?

Zeitfenster. Nur ein bis zwei Kunden gleichzeitig im Laden und alle tragen FFP2-Masken. Niemand weiß, ob bis 14. Februar die Infektionszahlen so deutlich gesunken sind. Wird dann der Lockdown nochmal verlängert? Wir brauchen eine Perspektive.

 

Wenn jeder Tag zählt: Wie beurteilen Sie die Situation des Einzelhandels angesichts des Lockdowns?

Dass man auch schwächere Monate überbrücken muss, das ist ja normal. Wenn man aber in den vergangenen zwölf Monaten drei Monate lang gar keinen Umsatz hat, dann wird das schwierig. Dem Handel geht es an den Kragen, das ist so.

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Ich fürchte, dass auch gesunde Unternehmen ins Straucheln kommen. Bei vielen ist das Eigenkapitalpolster weitgehend aufgebraucht. Dann lebt man von der Substanz. Das Problem ist, dass das zurückgelegte Geld aufgebraucht ist und für zukünftige Investitionen nicht mehr zur Verfügung steht.

 

Wie geht es Ihnen? Sie haben ja erst im September ein neues Geschäft in einem komplett sanierten Gebäude eröffnet. Hohe Investitionen, jetzt der erneute Lockdown. Wie groß sind Ihre ganz persönlichen Sorgen?

Wir haben Mitte September eröffnet und hatten einen wirklich guten Start. Wir haben zum Glück viele treue Stammkunden. Die werden auch wieder kommen. Dennoch: Die Alarmglocken schrillen.

 

Es gibt aber doch staatliche Hilfen.

Ja, aber der Haken ist oft im Kleingedruckten. Da muss man fast schon kurz vor der Insolvenz stehen. Das ist eine gewisse Förderung, aber kein Ausgleich. Die Folge ist: Die Liquidität ist weg.

 

Ganz geschlossen haben Sie aber ja nicht einmal. Wie sieht das konkret aus?

Man kann sich in unseren Schaufenstern und online auf Instagram, Facebook und auf unserer Homepage die Ware ansehen und Anregungen holen sowie sich gern persönlich am Telefon von uns beraten lassen. Dann kann man die Ware entweder nach Terminvereinbarung abholen, oder wir liefern sie den Kunden nach Hause.


Einzelhandel im Überlebenskampf: Die Luft wird dünn


Wie wird dieses Angebot angenommen?

Es wird schon bestellt, darüber sind wir auch froh. Aber das fängt es natürlich nicht auf, das kann ein geöffnetes Geschäft nicht ersetzen.

Für die Kunden fehlt das normale Einkaufsflair, das ist ja auch ein Stück Lebensqualität. Hinzu kommt: Der Bedarf ist momentan auch nicht so da. Es finden ja keine großen Hochzeiten statt, viele sind im Homeoffice. Zudem halten viele ihr Geld zusammen, weil sie ja nicht wissen, was noch passiert.

 

Wenn die Nachfrage geringer ist, bestellen Sie dann auch weniger Ware?

Wir haben bei unseren Lieferanten schon vor sechs Monaten, also weit vor dem Lockdown, die Frühjahrs- und Sommerware verbindlich bestellt. Die Ware muss ich auch abnehmen, sonst kommen auch die Lieferanten in große Schwierigkeiten. Die Ausgaben laufen also weiter. Aber wissen Sie, was für mich das Schlimmste ist?

 

Was ist das Schlimmste?

Wir mussten alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. In unseren fünf Geschäften sind das etwa 40 Leute. Die Kurzarbeit ist ein Notmittel, aber menschlich geht mir das nahe.

 

Wie geht es weiter, was erwarten Sie von der Politik?

Mir ist bange, weil eine klare Perspektive fehlt. Wir müssen lernen, mit Corona zu leben. Die Politik betont immer, wie wirtschaftsfreundlich sie ist. Im Moment aber muss der Handel die Zeche zahlen. Vielleicht wäre das anders, wenn auch die Politiker mal in Kurzarbeit müssten. Ich habe das Gefühl, die sind so weit weg von der Wirklichkeit. Du siehst die Dinge anders, wenn dir selbst der Kittel brennt.

INTERVIEW: GÜNTHER WILHELM

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