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Schwabach: Filmdebüt mit dem ehrlichen Lügner

Die 23 Jahre alte Schwabacherin Vivienne Aubry studiert an der Ruhrakademie Regie und dreht im März ihren ersten Kurzfilm. Premiere soll im Luna sein. - 21.02.2021 14:00 Uhr

Klappe, die Erste: Eine junge Schwabacherin auf dem Weg in die Filmbranche. Die 23-jährige Vivienne Aubry will Regisseurin werden.

19.02.2021 © Foto: Aubry


"Damals war ich für ein Jahr als Au Pair in London und habe einen Sprachkurs besucht. Und im Schulgebäude wurden Szenen für bekannte Filme gedreht." Etwa "The Queen" oder zuvor "Bohamian Rhapsody", die Lebensgeschichte der Queen-Legende Freddie Mercury. "Zum Klassenzimmer mussten wir zwischen Scheinwerfern und Nebelmaschinen durch", erinnert sie sich. "Das war spannend, da bin ich wohl so richtig auf den Geschmack gekommen."

Nach ihrer Rückkehr hat sich die junge Schwabacherin deshalb selbst auf den Weg in die Filmbranche aufgemacht. Seither studiert sie an der renommierten Ruhrakademie in Schwerte bei Dortmund das Fach "Filmregie".

Aktuell laufen die letzten Vorbereitungen für ihren ersten eigenen Film: "The Honest Liar", also "Der ehrliche Lügner". Der 15-minütige Kurzfilm ist ihr "Vordiplomfilm", die Zwischenprüfung. Im März soll gedreht werden.

Wahre Geschichte als Basis

Eigentlich hätte er längst "im Kasten" sein sollen. Im vergangenen Jahr wollte sie mit ihrer "Crew" Schwabach zum Drehort machen. "Schließlich ist Schwabach meine Heimatstadt", betont sie. Doch Corona hat auch Vivienne Aubrys Planungen über den Haufen geworfen. Nun im zweiten Anlauf ist es ein zu großer Aufwand, mit Schauspielern und dem gesamten Team vom Ruhrpott nach Schwabach zu kommen. Stattdessen dreht sie jetzt unter anderem in Köln.

"Premiere aber soll im Schwabacher Luna-Kino sein", hat sie sich fest vorgenommen. Das hat nicht nur damit zu tun, dass sie hier Familie und Freunde hat und noch regelmäßig zu Besuch ist. Ein weiterer wichtiger Punkt: "Der Film basiert auf einer wahren Geschichte." Denn die Hauptperson gibt es wirklich. Der junge Mann ist zwar kein Schwabacher, kennengelernt aber hat sie ihn, als sie noch hier gewohnt hat.

Krankhaftes Lügen

Dieser "ehrliche Lügner" ist nicht etwa ein besonders gewiefter Betrüger. Im Gegenteil. Er ist ein tragisches Beispiel für das, was Psychologen mit dem Fachbegriff "Pseudologie" bezeichnen: krankhaftes Lügen. Eine Art Sucht, die die Lügner selbst an ihre Fantasiewelt glauben lässt.

"Solche Menschen sind nicht böswillig, sie können nicht anders", erklärt Vivienne Aubry. "Das ist ein seltenes Phänomen, das ich zum Thema machen wollte." Ihr Drehbuch ist aber keine Biographie, sie will niemanden bloßstellen. "Der Filmcharakter ist so entfremdet, dass man die echte Person nicht erkennt."

Die Hauptperson dieses Dramas glaubt, ein Mitglied der Mafia zu sein. Die Herausforderung für die Studentin: In den – von der Akademie vorgegebenen – nur 15 Minuten muss sie die Geschichte entwickeln, Spannungsbögen aufbauen und einen "Plot Twist" setzen, wie sie erklärt. Einen "Plot Twist"? "Das ist eine überraschende Wendung der Geschichte."

Vivienne Aubry hat nicht nur das Drehbuch geschrieben und wird Regie führen. Sie ist auch ihre eigene Produzentin, kümmert sich um die Rollenbesetzung mit Schauspielern, um die Technik von der Kamera über das Licht bis zum Ton, auch um die Requisiten und die Drehgenehmigungen etwa am Kölner Flughafen. "Dass man so vielseitig und kreativ sein kann, das ist ja gerade das Schöne", sagt sie.

Nur 3000 Euro Budget

Doch da ist noch ein wichtiger, weil entscheidender Aspekt: kein Film ohne Finanzierung. Für die Kosten muss Vivienne Aubry selbst aufkommen. Ihr Budget ist bescheiden: 3000 Euro. Gagen für die Schauspieler sind da nicht drin. "Mit manchen bin ich befreundet, andere müssen vom Drehbuch so überzeugt sein, dass sie Lust zum Mitmachen haben", berichtet sie. So wie etwa Walter Gontermann, der bereits in "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" oder in mehreren "Tatort" zu sehen war.

"Das meiste Geld geht für Fahrtkosten, die Miete für den Transporter, das Catering oder die Versicherungen drauf", listet Vivienne Aubry die Ausgaben auf. "Es gehört zu den Erfahrungen eines solchen Projekts, dass man auch die finanzielle Verantwortung trägt." Dabei setzt sie auf "Crowdfunding", also die Unterstützung durch Spenden von Leuten, denen Kultur nicht nur Beifall wert ist. 2000 Euro hat sie so schon eingenommen, 1000 fehlen noch.

Vom Drehort ins Studio

Auf die Dreharbeiten freut sich Vivienne Aubry besonders. Nicht nur, weil sie theoretisch erworbenes Wissen praktisch anwenden kann. "Bei den Drehs herrscht ein cooles Miteinander, das ist wie auf Klassenfahrt." Anschließend folgt die Arbeit im Studio. Das Schneiden, das "Sound Design" für den richtigen Ton, nicht zuletzt das "Color Grading", die Nachbearbeitung der optimalen Farben. Bis zur Abgabe hat sie dafür nochmals drei Wochen Zeit.

Ob sie Vorbilder hat? "Schwer zu sagen, das sind ganz viele." Nach kurzem Überlegen nennt Vivienne aber zwei Regisseure: Roland Emmerich und Bully Herbig.

Die Regie ist noch immer eine Männerdomäne. "Der Anteil der Frauen liegt bei nur elf Prozent", sagt Vivienne Aubry. "Da geht noch was nach oben."

Nach oben will auch sie. Großen Träumereien gibt sie sich nicht hin. Lieber plant sie die nächsten Schritte. "The Honest Liar" will sie auf Kurzfilmfestivals vorstellen. 2022 soll der große Abschlussfilm folgen. Nach der Akademie liebäugelt sie mit einem mehrmonatigen Regie-Workshop an der New York Film Academy. "Connections sind in der Branche ganz wichtig", sagt sie nüchtern und fügt lächelnd hinzu: "Wer weiß, vielleicht ergibt sich dann ja ein Praktikum in Hollywood."

Aber sie macht sich nichts vor. Beruflich als Regisseurin wirklich Fuß zu fassen, das sei auch mit einem sehr gut bestandenen Studium sehr schwer. "Ein Einstieg könnten auch Praktika bei Fernsehsendern oder eine Regieassistenz sein. So arbeitet man sich hoch."

"Ich brauche das Abenteuer"

Es ist ein Spagat zwischen Zweifel und Zuversicht. "Manchmal ist mir schon ein bisschen bange, niemand will von der Hand in den Mund leben", gibt sie zu. "Aber gleichzeitig brauche ich dieses Abenteuer. Ich werde das, was ich jetzt mache, nie bereuen, dazu macht es mir viel zu viel Spaß. Ich will mir später nicht sagen müssen: Mensch, hättest du es doch wenigstens probiert. Was ich jetzt mache, ist genau das Richtige."

 

INFOWer das Filmprojekt von Vivienne Aubry unterstützten möchte, findet alle Informationen auf folgender Crowdfunding-Seite: www.startnext.com/honest-liar-20

GÜNTHER WILHELM

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