Schwabacher Rentner will allein die halbe Welt umsegeln

Thomas Correll
Thomas Correll

Schwabacher Tagblatt

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10.11.2018, 07:58 Uhr
Noch ist es nur der Main-Donau-Kanal am Nürnberger Hafen. Doch Norbert Wallner will mit seiner „Festina Lente“ unter anderem die Nord-West-Passage bezwingen.

© Thomas Correll Noch ist es nur der Main-Donau-Kanal am Nürnberger Hafen. Doch Norbert Wallner will mit seiner „Festina Lente“ unter anderem die Nord-West-Passage bezwingen.

"Die Menschen, die das Meer lieben, sagen manchmal böse Dinge über das Meer. Aber sie sagen es immer so, als würden sie über eine schöne Frau sprechen."*

Norbert Wallner ist schon mit seinem Vater zur See gefahren. Insofern hat er kein ungewöhnliches Hobby, wenn man es auch von einem Schwabacher Zahnarzt nicht unbedingt erwarten würde. Seit einem Jahr ist er in Rente, Tochter Gwendolyn hat die Praxis übernommen. Andere Menschen kaufen sich einen Wohnwagen, gehen wieder studieren oder engagieren sich ehrenamtlich. Wallners Pläne als Rentner sind etwas ehrgeiziger. Er will alleine die halbe Welt umsegeln.

Seine Route wird Wallner um die halbe Welt führen. Von Nürnberg bis in die Karibik, von Alaska bis Neuseeland, von Patagonien zurück an die spanische Mittelmeerküste.

Seine Route wird Wallner um die halbe Welt führen. Von Nürnberg bis in die Karibik, von Alaska bis Neuseeland, von Patagonien zurück an die spanische Mittelmeerküste. © NN

Unterhält man sich mit dem 67-Jährigen, bemerkt man schnell seine Leidenschaft für die Seefahrt. Er erzählt Geschichten über Weltumseglungen in den 70er-, 80er-Jahren, über einen Schwabacher Architekten namens Rogler, der in den 70er-Jahren bei Sardinien tödlich verunglückt ist. "Er ist in die Steine gefahren", sagt Wallner. "Ist schon etwas her, aber die Alten erinnern sich noch."

Wallner selbst entging knapp einem Schiffsunglück. Er war mit seinem Vater auf ein Riff aufgelaufen. Weit und breit kein anderes Schiff, keine Möglichkeit, vom Fleck zu kommen. Irgendwann lösten die Wellen das Schiff von selbst – Vater und Sohn segelten mit dem Schrecken davon. Die Lektion, die Wallner aus beiden Geschichten gezogen hat: Auf hoher See passiert normalerweise nichts, die Unglücke passieren in Küstennähe. Nicht das Meer ist gefährlich, sondern das Land.

"Dann schaute er hinter sich. Kein Land war mehr in Sicht."*

Wallners Vater starb 2011 und hinterließ ihm ein Schiff. "Festina Lente" heißt es, was frei aus dem lateinischen übersetzt bedeutet: Eile mit Weile. "Mein Vater dachte, der Name ist einzigartig. Ich habe herausgefunden, dass es sehr viele Schiffe mit diesem Namen gibt. Aber der Name stört mich nicht", sagt Wallner. Die "Festina Lente" ist ein Schiffstyp, wie er schon oft für Weltumseglungen benutzt wurde, früher; aber seetauglich musste sie Wallner erst machen. Seit 2011 hat er daran gearbeitet, in einem Hinterhof in der Walpersdorfer Straße. Erst seit dem Ruhestand ist er damit richtig vorangekommen.

Im Juli war es dann soweit. Mit einem Kran wurde das Schiff auf einen Spezialtransporter gehoben und nach Fürth gefahren, zum Hafen am Main-Donau-Kanal. Die erste große Feuerprobe, das Zuwasserlassen, überstand die "Festina Lente" problemlos.

Die Probleme begannen danach. Wallner bestellte Ersatzteile aus China, es dauerte wochenlang, bis sie geliefert wurden. Wallner musste den Fürther Hafen verlassen, lag kurz in Gebersdorf, landete schließlich an der Schleuse Eibach im Nürnberger Hafen, wo der Schleusenwärter ihn kostenlos bleiben ließ. Wallner arbeitete in der Hitze dieses Sommers daran, das Schiff für die große Fahrt vorzubereiten.

"Er sah über das Meer und wusste, wie allein er nun war. (...) Die Wolken türmten sich auf im Passatwind und er sah vor sich einen Schwarm wilder Enten am Himmel über dem Wasser fliegen, dann mit dem Hintergrund verschwimmen, dann wieder auftauchen; und er wusste: Kein Mann war jemals allein auf dem Meer."*

Hat Wallner Angst? "Angst nicht, aber Respekt", sagt er, denkt eine Weile nach als ob er noch etwas hinzufügen wollte, sagt dann aber nichts mehr. Und warum tut er sich das alleine an? "Wollen Sie mitfahren?", fragt er und lächelt offen, er könnte es ernst meinen. Er weiß aber, dass es sein eigenes Abenteuer ist; dass er mehrere Jahre unterwegs sein wird, großen Strapazen ausgesetzt. Nicht einfach, für so etwas Begleitung zu finden.

Aber er hat Hilfe. Tochter Gwendolyn und ihr Mann besuchen ihn am Kanal, helfen und leisten Gesellschaft. Außerdem hat er Michael Kolb. Der Schwabacher ist Wetter-Experte, auf seiner Facebook-Seite "Wetter für Schwabach" informiert er über Sonne, Regen, Sturm und Schnee in heimische Gefilden. Und er weiß, wie man mit Wetter-Karten umgeht. Für Wallner kann es im Zweifelsfall lebensrettend sein, über heranziehende Stürme am Kap Horn oder die Eisplatten der Nord-West-Passage Bescheid zu wissen. Kolb wird seine Reise von Schwabach aus begleiten.

"Er brauchte keinen Kompass, um zu wissen, wo Südwesten ist. Er brauchte nur den Wind zu spüren und das Ziehen am Segel."*

Norbert Wallner ist aufgebrochen. Endlich, nachdem ihn der niedrige Pegelstand der Donau mehrere Monate länger aufgehalten hatten als geplant. Derzeit tuckert er südöstlich in Richtung Schwarzes Meer. Dort kann er dann auch erstmals die Segel setzen. Die nächsten Stationen sind Bosporus, Mittelmeer, Gibraltar. Schließlich wird er an einen Punkt kommen, über den er mit seinem Vater niemals hinaus gekommen ist. Vier Wochen plant er für die Atlantik-Überquerung ein. "Das wird hoffentlich harmlos", sagt Wallner. Ist er in der Karibik angekommen, macht er etwas Ungewöhnliches. Er biegt nach Norden ab. Warum nicht der Panama-Kanal? Warum nicht die komplette Weltumseglung? Wenn man die halbe Welt machen kann, ginge dann nicht auch gleich die ganze?

Wallner ist niemand, der seine Entscheidungen übers Knie bricht. Er hat sich das gut überlegt. Was gegen die komplette Umrundung spricht? Piraten. "Die Gewässer nördlich von Australien und in Südostasien sind extrem piratenverseucht", erklärt er. Die Natur akzeptiert er als Herausforderung, Menschen hingegen sollen ihm seine Fahrt nicht kaputt machen. Aber leicht machen – wenn man bei einer solchen Fahrt dieses Wort überhaupt benutzen kann – will er es sich auch nicht. Deshalb also die Nordwest-Passage, durchs kanadische Eis und um Alaska herum.

",Denk nicht darüber nach, alter Mann‘, sagte er laut. ,Bleib’ auf Kurs und nimm’ es wie es kommt.‘"*

Die "Bellot-Strait" markiert den entscheidenden Punkt der Nordwest-Passage. In manchen Jahren ist sie wochenlang eisfrei, in manchen nur für Stunden. Wallner muss im Sommer dort durch. Schafft er es nicht, bevor das Eis zurückkehrt, bleibt nur der Rückzug. Auch wenn es heutzutage nicht mehr den sicheren Tod bedeutet, im Eis steckenbleiben will Wallner nicht.

Nach der Passage wird es nicht besser. An der Nordküste Alaskas und in der Beringsee ist das Wetter schlecht und es gibt kaum Häfen, um sich davor zu verstecken. Wallner will irgendwo zwischen der Südküste Alaskas und San Francisco überwintern, geschützt in einem Hafen. "Danach", sagt er, " habe ich keinen wirklichen Zeitplan mehr". Es ist heute schlicht unmöglich vorauszusehen, was bis dahin passiert.

Wie es weitergehen soll, weiß Wallner aber schon. Südlich die Küste Amerikas entlang, auf Höhe von Mexiko ein Knick nach Westen und über den Pazifik bis Neuseeland; von dort aus wieder zurück in Richtung Südamerika, um Kap Horn herum und nach Zwischenhalt in Patagonien wieder zurück über den Atlantik – bis Empuriabrava, dem alten Heimathafen seines Vaters an der spanischen Mittelmeerküste.

"(...) und er konnte die Lichter der Küstenorte sehen. Er wusste jetzt, wo er war, und es war kein Problem nach Hause zu kommen."*

Es klingt wie der Plan eines Kindes, das mit dem Finger über den Globus streicht. Aber Norbert Wallner hat sich ausgiebig informiert – über die Technik seines Schiffs, die Wetterverhältnisse, die Biologie des Meeres wie auch seiner Landziele, die Schiffahrtswege, die Strömungen, die Versorgungspunkte, die finanziellen Erfordernisse. Er hat das Internet nach Tipps durchforstet und seit Jahren Erfahrungsberichte studiert. Der Mann weiß, was er tut.

"Wenn man jung ist, hat man den Elan, das Feuer, hinauszugehen und etwas Großes zu unternehmen. Im Alter schwindet der Elan. Man muss ihn durch Intellekt ersetzen", sagt Wallner. Was er nach seiner Reise machen will, weiß er noch nicht. Vielleicht gibt er sich dann ja mit einem Ruhestand zufrieden, wie ihn sich die meisten seiner Altersgenossen vorstellen.

* Die Zitate sind entnommen aus "The Old Man And The Sea" von Ernest Hemingway (Übersetzung: Correll).

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