Schwabachs Laubhütte wird zum Museum jüdischer Kultur

2.10.2014, 09:12 Uhr
Museumsleiterin Daniela Eisenstein erläuterte gegenüber der Presse das Konzept für das neue Museum: „Hier geht es nicht nur um jüdische, sondern auch um Schwabacher Geschichte.“ Die eigentliche Laubhütte befindet sich im Raum hinter der offenen Tür. Aus konservatorischen Gründen ist dort Fotografieren momentan nicht möglich.

Museumsleiterin Daniela Eisenstein erläuterte gegenüber der Presse das Konzept für das neue Museum: „Hier geht es nicht nur um jüdische, sondern auch um Schwabacher Geschichte.“ Die eigentliche Laubhütte befindet sich im Raum hinter der offenen Tür. Aus konservatorischen Gründen ist dort Fotografieren momentan nicht möglich. © Foto: Wilhelm

„Das wird ein kleines, aber feines Museum“, verspricht Daniela F. Eisenstein, die Leiterin des Jüdischen Museums Franken. Im Mittelpunkt steht die Laubhütte mit ihrer symbolreichen Wandmalerei und der noch intakten Kassettendecke. „Sie ist ein einmaliges Zeugnis jüdischen Kulturerbes“, betonte Eisenstein gestern auf einer Pressekonferenz.

„Wir freuen uns, dass wir die Laubhütte bald so präsentieren können, wie sie es verdient“, erklärte Oberbürgermeister Matthias Thürauf.

Wichtige Symbole

Mit dem Laubhüttenfest (Sukkot) erinnern die Juden an den Auszug aus Ägypten. „Man erlebt physisch die Zeit nach, in der die Juden in Hütten gelebt haben“, erläuterte Eisenstein die Symbolik. Deshalb haben Juden ihre Häuser mit „Kassettendächern“ ausgestattet. So konnte man auch in der Wohnung das Fest unter dem Sternenhimmel begehen.

Doch der Schwabacher Kaufmann Moses Löw Koppel, der das Haus 1795 gekauft hatte, hat nicht nur das Dach umgebaut, sondern auch Wandmalereien mit religiösen Motiven anbringen lassen. Unter anderem eine Hasenjagd. Sie symbolisiert im Judentum eine bestimmte Gebetsfolge, ist also eine Art Erinnerungshilfe.

Einmalig in zweierlei Hinsicht

„Hasenjagdmotive kennen wir sonst nur aus hebräischen Drucken des 17. und 18. Jahrhunderts, jedoch nicht als Wanddekoration in einer Laubhütte oder einer Synagoge“, betonte Daniela Eisenstein. „Das ist ein erstes Alleinstellungsmerkmal der Schwabacher Laubhütte.“

Die zweite Besonderheit ist das Ensemble in der Synagogengasse. „Hier sind die Gebäude, in denen jüdisches Leben stattgefunden hat, noch erhalten: die Synagoge, die Laubhütte, das Lehrhaus, das derzeit saniert wird, das Rabbinerhaus“, nannte Daniela Eisenstein die wichtigsten Beispiele. „Das ist nicht nur jüdische, sondern auch fränkische und Schwabacher Geschichte. Deshalb hoffe ich, dass die ersten Besucher die Schwabacher Bürger sein werden.“

Entdeckt hatte die Laubhütte ein Arbeiter 2002 bei der Sanierung des Hauses in der Synagogengasse. Die GeWoBau ließ diesen kulturellen Schatz freilegen.

2009 trat die Stadt Schwabach dem Trägerverein Jüdisches Museum Franken bei. Ziel: die museale Aufwertung. Inzwischen ist die Wohnung unterhalb der Laubhütte frei geworden. Das war die Voraussetzung für ein vernünftiges Konzept. „Deshalb die Verzögerung“, so Eisenstein.

„Schwabach ist eine ideale Ergänzung des Jüdischen Museums Frankens neben dem Hauptgebäude in Fürth und der Synagoge in Schnaittach“, freute sich Bezirksrat Alexander Küßwetter, der Vorsitzende des Trägervereins.

„App“ für Rundgang

Das Museumskonzept basiert auf zwei Säulen. „Das Haus selbst ist das Hauptexponat“, erläuterte Daniela Eisenstein. In den sieben kleinen Zimmern der beiden Etagen werden auf rund 50 Quadratmetern Laubhütte, Wandmalereien und Objekte jüdischen Lebens gezeigt. Voraussichtlich wird das Museum aber nur am Wochenende geöffnet. Deshalb wird es eine „App“ geben, die jederzeit einen informativen Rundgang durch Schwabachs ehemaliges jüdisches Viertel ermöglicht.

1938 Schwabach „judenfrei“

Jüdisches Leben in Schwabach gab es seit dem Mittelalter. „Hier lebte unter anderem der Ur-Ur-Großvater von Karl Marx“, erzählte Daniela Eisenstein. Unter dem massiven Druck der Nazis löste sich die Gemeinde 1938 noch vor Kriegsausbruch auf. Schwabach galt als — im Nazi-Jargon — „judenfrei“.

Zwischen 1933 und 1938 haben 99 jüdische Mitbürger in Schwabach gelebt. Laut Stadtlexikon muss man davon ausgehen, dass rund die Hälfte von ihnen die Shoa nicht überlebt hat. Nach dem Krieg kam nur ein Schwabacher Jude zurück: der 1948 verstorbene Manuel Graf. Hinzu kamen rund 160 Juden als „Displaced Persons“. Eine jüdische Gemeinde aber wurde nicht mehr gegründet.

Den Holocaust in Franken überlebt hat Dr. Charlotte Knobloch, die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sie wird im Dezember zu einer „Fundraising-Veranstaltung“ für geladene Gäste nach Schwabach kommen. Denn das neue Museum kostet rund 380 000 Euro. Die Stadt übernimmt davon 70 000. Hinzu kommen Gelder aus diversen Kulturfonds. Zusätzlich ist der Trägerverein auf Sponsoren angewiesen.

Namhafte Unterstützung hat das neue Schwabacher Museum bereits: Schirmherr ist der ehemalige Ministerpräsident Dr. Günther Beckstein.

Das Jüdische Museum Franken möchte die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Schwabach noch besser dokumentieren. Sie sucht deshalb nach Objekten, Dokumenten oder auch niedergeschriebenen Erinnerungen. „Wer etwas beitragen kann, möchte sich bitte bei uns melden“, appelliert Museumsleiterin Daniela Eisenstein. Telefon (09 11) 77 05 77.

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