Trauriges Jubiläum

Schwarze Kassen: Der Tag, als der "Club" implodierte

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 05.10.2016..FOTO: Roland Fengler..MOTIV: Mitarbeiterporträt / Mitarbeiterportrait: Robert Gerner..ANZAHL: 1 von 1..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung
Robert Gerner

Schwabacher Tagblatt

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10.1.2022, 06:00 Uhr
Unter Schatzmeister Ingo Böbel (re.), einem Wirtschaftsprofessor, gab es beim 1. FCN ein System der Schwarzen Kassen. Dieser Skandal hätte den Traditionsverein fast in den Abgrund gerissen. Links der damalige Interims-Präsident Sven Oberhof.

Unter Schatzmeister Ingo Böbel (re.), einem Wirtschaftsprofessor, gab es beim 1. FCN ein System der Schwarzen Kassen. Dieser Skandal hätte den Traditionsverein fast in den Abgrund gerissen. Links der damalige Interims-Präsident Sven Oberhof. © Ingo Böbel, NN

Hans-Jürgen Grosser war wenige Monate vorher gemeinsam mit Dietmar Dorn in den Finanz- und Verwaltungsrat des Traditionsvereins gewählt worden. Spätestens im Herbst 1991 kam den beiden so manches spanisch vor beim Club. Spesenausgaben explodierten, trotz eines Zuschauerschnitts von 40.000 Fans bei Heimspielen war die Kasse chronisch leer.

Angesichts einer Schuldenlast von über 23 Millionen Mark wollte keine Bank dem Traditionsverein noch einen Kredit geben. Stattdessen besorgte man sich frisches Geld bei Brauereien, bei Gastronomen, bei Unternehmen und bei Privatleuten - zum Teil zu exorbitant hohen Zinsen.

Als gäbe es kein Morgen

Auf der anderen Seite wurde Geld ausgegeben, als gäbe es kein Morgen. Professor Böbel rechnete insgesamt Spesen in Höhe von 120.000 Mark ab. Der Club unterhielt zwölf hochpreisige Dienstautos - mehr als damals der FC Bayern. Gelder, die bei Freundschaftsspielen in der Provinz eingenommen wurden, tauchten in keiner Bilanz auf. Es gab ein munteres System an schwarzen Kassen. Daraus erhielten Spieler Sonderzahlungen und Schiedsrichter wertvolle Geschenke wie Trimmgeräte. Es sei zugegangen "wie in einem Selbstbedienungsladen", so damals ein Insider.

Der frühere Bankdirektor Hans-Jürgen Grosser aus Rohr spielte vor 30 Jahren eine wichtige Rolle beim Aufdecken der Schwarzen Kassen.

Der frühere Bankdirektor Hans-Jürgen Grosser aus Rohr spielte vor 30 Jahren eine wichtige Rolle beim Aufdecken der Schwarzen Kassen. © Hertlein, NN

"Wie eine Klitsche" sei der Fußball-Bundesligist geführt worden, kritisierte seinerzeit die Nürnberger Abendzeitung. Aber das Wirtschaften ist das eine. Die Kontrolle ist das andere. Vereinsintern hatte lange Zeit offenbar niemand die Kraft einzuschreiten. Der frühere Präsident Gerd Schmelzer war schon ein Jahr zuvor zurückgetreten, damals im Streit um die Weiterbeschäftigung des teuren Trainer Arie Haan. Und die professionellen Wirtschaftsprüfer, welche die Bilanzen testieren mussten? Arbeiteten entweder schludrig oder schauten nicht so genau hin.

Stammgast in der Geschäftsstelle

Genauer hingeschaut hat dann schließlich der Finanz- und Verwaltungsrat. Und was er ab Herbst 1991 ausgrub, entwickelte sich im Laufe der nächsten Monate zur größten Schwarzgeld-Affäre, die den deutschen Fußball bis dato erschüttert hatte. Regelmäßig sei man in der Geschäftsstelle vorstellig geworden, um sich Unterlagen vorlegen zu lassen, erinnert sich der damalige Bankdirektor Hans-Jürgen Grosser.

Auf große Kooperationsbereitschaft stieß man nicht. Doch das, was Dorn und Grosser ans Tageslicht beförderten, reichte, um am 18. Dezember 1991 Finanzchef Ingo Böbel zum "sofortigen Rücktritt" aufzufordern.

Bis zum 10. Januar hielten die Aufseher aber noch still. Auch, weil an diesem Tag beim DFB in Frankfurt schon ein Termin wegen der "Schiedsrichter-Affäre" angesetzt war.

Die Bombe platzen lassen

Danach, so drohten sie, würden sie die Bombe öffentlichkeitswirksam platzen lassen. Böbel, der Wirtschaftsprofessor, der nach Verbüßung seiner dreieinhalbjährigen Gefängnisstrafe nach Monaco zog, zog schließlich in letzter Sekunde von sich aus die Konsequenzen: "Sehr geehrter Herr Grosser, ich möchte Ihnen hiermit - stellvertretend für den Finanz- und Verwaltungsrat - mitteilen, daß ich am heutigen Tage von meinem Amt als Schatzmeister des 1. FCN zurücktreten werde. Ich übernehme damit die vereinspolitische Verantwortung für die Umstände, die zur sog. "Schiedsrichter-Affäre" geführt haben", schrieb er handschriftlich - und faxte es just an diesem 10. Januar 1992 an Grosser, den Chef der Raiffeisenbank Heilsbronn.

Die Folgen für den Club: Sechs Punkte Abzug und hohe Geldstrafen für den Verein und Funktionäre.

"Meine Arbeit war getan"

Und Hans-Jürgen Grosser? Legte wenige Monate nach Aufdeckung des Skandals sein Amt nieder. "Meine Arbeit war getan", erinnert er sich heute. Mitglied bei "seinem" Club blieb er trotzdem. Er fiebert zwar auch mit vielen anderen Vereinen mit. Mit dem FC Bayern zum Beispiel. Mit dem Kiez-Club aus St. Pauli, zu dem Verbindungen über den Ex-Profi Marcel Eger aus Sachsen bei Ansbach bestehen. Mit dem FC Heidenheim, wo Grossers früherer Lehrling Frank Schmidt seit 15 Jahren Trainer ist. Oder mit dem SSV Jahn Regensburg, bei dem der frühere Schwabacher Trainer Alexander Maul gekickt hat, der auch Bankangestellter in Heilbronn war.

Aber grundsätzlich gilt natürlich auch für den gebürtigen Schwabacher Grosser: einmal Cluberer, immer Cluberer. Übrigens: Bei Böbels Rücktritt vor 30 Jahren waren die "Schwarzen Kassen" weitgehend geplündert. Prüfer fanden noch: 73 Pfennige.

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