Weckruf aus dem Dornröschenschlaf

23.11.2020, 11:24 Uhr
Der Eingang zum Jüdischen Museum in Schwabach.

Der Eingang zum Jüdischen Museum in Schwabach. © Günther Wilhelm

Es war eine Mischung aus Enttäuschung und Zuversicht. Enttäuschung wegen dramatisch rückläufiger Besucherzahlen, Zuversicht wegen eines neuen Konzepts, das ab 2021 umgesetzt werden soll.

Vor fünf Jahren wurde die "Schwabacher Laubhütte" in der Synagogengasse 10 als Dependance des Jüdischen Museums Frankens eröffnet. Nun zog der Kulturausschuss eine erste Bilanz und hatte dazu Daniela Eisenstein eingeladen, die Leiterin des Jüdischen Museums mit Hauptsitz in Fürth.

Hintergrund

2002: Bei Sanierungsarbeiten im Haus Synagogengasse 10 macht ein Bauarbeiter einen außergewöhnlichen Fund: historische Wandmalereien und eine "Laubhütte" im Dach. Anbringen und bauen lassen hatte sie der jüdische Kaufmann Moses Löw Koppel, der das Haus 1795 gekauft hatte. Das jüdische Laubhüttenfest erinnert an den Auszug aus Ägypten. Eine Laubhütte mit solcher Wanddekoration ist sehr selten, die Entdeckung war deshalb eine kleine Sensation. Als außergewöhnlich gilt zudem das ganze Ensemble mit der Synagoge, dem Rabbinerhaus und dem Lehrhaus.


Jüdisches Museum in Fürth: Anbau wurde mit Festakt eingeweiht


2008: Die Stadt wird Mitglied im Trägerverein Jüdisches Museum Franken. Ziel: Der Ausbau der Wohnung, in der die Laubhütte gefunden wurde, zu einem kleinen Museum. "Wir wollten, dass die Laubhütte fachlich fundiert betreut wird", erklärte Kulturamtsleiterin Sandra Hoffmann-Rivero.

2015: Einweihung des Museums. Schwabach wird damit neben Schnaittach zur zweiten Dependance des Jüdischen Museums Frankens mit Hauptsitz in Fürth. Anlässlich der Einweihung kommen namhafte Ehrengäste wie Charlotte Knobloch und Günter Beckstein.

Besucherzahlen gesunken

Museumsleiterin Daniela Eisenstein präsentiert die Schwabacher „Laubhütte“. Das war 2015 bei der Eröffnung der Dependance des Jüdischen Museum Frankens in der Schwabacher Synagogengasse 10. Nach gutem Start sind die Besucherzahlen aber stark rückläufig — schon vor Corona. Besserung soll ein neues Konzept bringen.

Museumsleiterin Daniela Eisenstein präsentiert die Schwabacher „Laubhütte“. Das war 2015 bei der Eröffnung der Dependance des Jüdischen Museum Frankens in der Schwabacher Synagogengasse 10. Nach gutem Start sind die Besucherzahlen aber stark rückläufig — schon vor Corona. Besserung soll ein neues Konzept bringen.

Der Start war verheißungsvoll. 2015 zählte das Museum 955 Gäste. Doch diese Zahl wurde seitdem nicht mehr erreicht. Im Gegenteil: "Ich kann Ihnen nicht verheimlichen, dass die Besucherzahlen gesunken sind", erklärte Daniela Eisenstein im Kulturausschuss. Und zwar bereits vor Corona. 2019 waren es nur noch 270 Besucherinnen und Besucher.

Die Enttäuschung am deutlichsten formulierte Dr. Sabine Weigand, die Stadträtin und Landtagsabgeordnete der Grünen: "Ich mache mir Sorgen um das Museum, weil es sich nicht so entwickelt hat, wie wir alle uns das gewünscht hatten." Sie habe sich damals sehr stark dafür gemacht, die Laubhütte zu einem Museum unter dem Dach des Jüdischen Museums Franken auszubauen.

Die Stadt investiert alleine in die Umlage des Trägervereins 33.800 Euro jährlich. Für Miete, Verwaltungskosten und Reinigung kommen rund 22.000 Euro hinzu. "Dafür bin ich mit dem, was wir zurückbekommen haben, nicht zufrieden. Nur 270 Besucher im Jahr sind definitiv zu wenig", so Sabine Weigand. "Ich habe das Gefühl, das Museum ist in einen Dornröschenschlaf versunken."

Ursachenforschung

"Nicht nur Sie sind enttäuscht, auch wir sind sehr enttäuscht darüber", reagierte Daniela Eisenstein auf die Kritik. Als Gründe nannte sie vor allem zwei:

Zwei neue Museen gleichzeitig: Der Aufbau der Schwabacher Außenstelle ist zeitlich mit der Planung und der Erweiterung des Museums in Fürth zusammengefallen. Das habe das Jüdische Museum personell an seine Grenzen gebracht. "Wir waren einfach in einer Ausnahmesituation", sagte Eisenstein. Die Folge: Geöffnet ist das Museum lediglich sonntags.

Schwierige Räumlichkeiten: Das Laubhütten-Museum in Schwabach ist sehr klein. Maximal 17 Personen seien zeitgleich zugelassen. Beim Besuch von Schulkassen müssen die Klassen daher geteilt werden, was mehr Personal an Lehrkräften erfordere.


Jüdisches Museum: Was macht ein Zuhause aus?


"Das Feedback der Lehrer ist eindeutig", berichtete die Museumsleiterin. "Sie sagen, das Museum sei sehr schön und sehr interessant, aber für Schulklassen nicht geeignet. Deshalb wird es inzwischen gemieden."

Mehr Personal, neues Konzept

Damit abfinden will sich Daniela Eisenstein aber nicht. Im Gegenteil: Mittlerweile ist der Neubau in Fürth bezogen. "Wir kommen jetzt wieder im Normalbetrieb." Zudem hat der Freistaat seine Förderung erhöht, wodurch 1,5 zusätzliche Stellen geschaffen werden können.

"Damit ist eine neue Ära angebrochen, eine neue Phase des Arbeitens", sagte Daniela Eisenstein und skizzierte eine Reihe von Ideen:

App erneuern: Die Museums-App ermöglicht es Einzelbesuchern, neben dem Museum auch das ganze ehemalige jüdische Viertel zu erkunden. Synagogengassen-Fest: Premiere soll 2021 als Teil des Hinterhoffestes sein. Geplant ist ein Programm aus Musik und Kultur, das zum Dialog über jüdischen Leben einladen will.

Vorträge und Lesungen: Hier soll die bereits begonnene Kooperation mit dem Stadtmuseum fortgesetzt und ausgebaut werden. Die Alte Synagoge als Veranstaltungsort sei dagegen unter anderem deshalb schwierig, weil es dort keine Betreuung durch Hausmeister gebe. Daher wäre der Personalaufwand für das Jüdische Museum sehr hoch.

Jüdische Filmtage: Sie will das Museum zusammen mit dem Luna-Kino organisieren. Start soll 2021 mit einem Film sein, künftig ist ein Film-Wochenende angedacht.

Führungen: Sie sollen künftig besser beworben werden. Dazu lässt sich das Museum von Experten der Landesstelle für nichtstaatliche Museen beraten.

"Schüler machen Museum": Dieses Konzept ermöglicht Schülern, selbst eine Ausstellung zu entwickeln. "In Fürth war das ein ungeheurer Erfolg", berichtete Daniela Eisenstein. Dies sei daher auch in Schwabach denkbar.

Ausstellung zum "Drei-S-Werk": Dieses Schwabacher Unternehmen hatte sich früher in jüdischem Besitz befunden. "Wir haben einiges zur Firmengeschichte gesammelt", so Eisenstein. Dies könne Grundlage einer Ausstellung sein.

Positive Reaktionen

Einig ist sich der Kulturausschuss darin, dass das Jüdische Museum einen wichtigen Bildungsauftrag habe und deshalb die Zusammenarbeit insbesondere mit den Schulen verbessert werden soll.

"Mir gefällt Ihr Konzept sehr gut", bedankte sich Rosy Stengel für die neuen Vorschläge. "Weiter so", war auch der Appell von Evy Grau-Karg.

Für eine kurze Kontroverse sorgte eine Bemerkung von Detlef Paul (Freie Wähler). Er sorgte sich über "zunehmenden Antisemitismus" in Deutschland "und auch bei uns". Werner Sittauer (SPD) wies dies in Bezug auf Schwabach umgehend zurück.

Klaus Neunhoeffer (Grüne) sprach von einem desillusionierenden Rückblick, dennoch könne man für die Zukunft des Museum angesichts der Vorschläge von Daniela Eisenstein neuen Optimismus spüren. Sein Wunsch: Für das Laubhütten-Museum und die Alte Synagoge sollten mehr Synergien entwickelt werden.

Keine Kommentare