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Wirtschaft und Corona: Erholung in V-, U- oder L-Form?

Die Corona-Pandemie hat viele Firmen und Branchen mit voller Wucht getroffen. In ihren regelmäßigen Umfragen sieht die Industrie- und Handelskammer Nürnberg für Mittelfranken aber ein paar kleine Hoffnungsschimmer. Doch ist das alles nachhaltig? - 02.07.2020 06:00 Uhr

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Viele Branchen leiden in Corona-Zeiten. Im Bereich der IHK Nürnberg für Mittelfranken arbeitet derzeit nur etwa jede fünfte Firma auf Vorkrisenniveau. Bis Ende des Jahres soll dieser Wert auf etwa ein Drittel steigen, bis Ende 2021 auf mehr als drei Viertel. Aber es ist ein langer und weiter Weg.

© Foto: dpa


Aber gibt es auch einen Weg aus der Krise? Die IHK Nürnberg versucht mit regelmäßigen Mitgliederbefragungen, die Stimmung bei den Unternehmen zu erkunden und die Erkenntnisse in Grafiken und Diagramme zu packen. Immerhin: Seit einer oder zwei Wochen scheint die Zuversicht wieder etwas zu steigen. Doch der Weg zurück zum Vor-Corona-Niveau ist lang und steinig.

Das sagten bei der Vorstellung der regionalen Zahlen am gestrigen Mittwoch im Schwabacher Raiba-Tower Dr. Udo Raab und Lars Hagemann von der IHK Nürnberg. Und das bestätigten auch Thomas Dann, Vorsitzender des IHK-Gremiums Schwabach und geschäftsführender Gesellschafter von Schwabachs größtem Arbeitgeber Ribe, und Joachim von Schlenk, Vorsitzender des IHK-Gremiums Landkreis Roth und Chef des gleichnamigen Spezialisten für Metallpigmente und Metallfolien aus Roth-Barnsdorf.

Rund 50000 Beschäftigte

Dass es dabei nicht um Peanuts geht, machen vier Zahlen deutlich. Alleine im IHK-Gremium Schwabach sind etwa 3500 Unternehmen mit weit über 10 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern organisiert. Für den Landkreis Roth kann man die Zahlen in etwa verdreifachen: knapp 11 500 Firmen mit 37 000 Beschäftigten.

Das Problem: Corona erwischte die deutsche Wirtschaft nicht auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft. Das Virus traf auf ein Land, das sich nach einem sehr guten Jahr 2018 bereits im Sinkflug befand.

Zwischen Sinkflug und Absturz ist aber ein gewaltiger Unterschied. Dass innerhalb weniger Monate der IHK-Konjunkturklima-Index praktisch in sich zusammenfällt, hatte es weder beim Platzen der Internet-Blase (2002/03) noch während der Weltfinanzkrise (2008/09) gegeben. Der Wert stürzte zwischen Jahresbeginn und Frühjahr von 116,8 auf 70,2 Punkte ab. Ob aktuelle Lage, ob Erwartungen, ob Investitions- oder ob Beschäftigungspläne: Alle Kurven rutschten tief ins Minus, und zwar flächendeckend.

An eine ganz schnelle Erholung glauben nur noch die Optimisten. Charttechniker vergleichen diese schnelle Erholung mit einem großen V: rasanter Absturz, kurz schütteln, genauso schnelles neues Wachstum. Die IHK hofft in Sachen Erholung auf ein "schmales U", so Udo Raab. Das heißt: rasanter Absturz, vergleichsweise überschaubare Talsohle, schneller Aufwärtstrend. Joachim von Schlenk fürchtet aber eher ein W (nach einer vergleichsweisen schnellen Erholung ein zweiter Absturz) oder gar ein L. Das hieße: Die Wirtschaft würde sich erst einmal auf deutlich niedrigerem Niveau einpendeln. Oder höchstens einen kleinen Teil ihrer Verluste wieder wettmachen. "Das wäre dann die Form eines nach vorne ja leicht gekrümmten Hockeyschlägers."

Schnell reagiert

Für die Reaktion der Politik auf eine völlig neue Situation verteilten die Unternehmenslenker ganz gute Noten. "Es wurde schnell reagiert und es wurden auch viele richtige Dinge gemacht", so Thomas Dann, der Vorsitzende des IHK-Gremiums Schwabach. Das habe gerade kleinen Firmen in der ersten Phase geholfen.

Doch was ist, wenn Instrumente wie Kurzarbeit (derzeit 6,8 Millionen deutschlandweit) auslaufen und Liquiditätshilfen irgendwann einmal nicht mehr fließen? "Möglicherweise droht ab dem vierten Quartal eine Insolvenzwelle", befürchtet Udo Raab. Das Gewitter tobt derzeit überall, es macht keinen Bogen um die Region, wie aus den aktuellen Arbeitslosenzahlen abzulesen ist (siehe Bericht unten). Und die Kurzarbeits-Welle ebbt nur ganz langsam ab. Auch bei Ribe und bei Schlenk sind längst noch nicht alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder zurück auf 100 Prozent

Es ist ein Teufelskreislauf. Wer weniger verdient, hält sich natürlich auch beim Konsum zurück. Das wiederum spüren Handel und Gastronomie. Die Folge: Nur jede fünfte Firma in der Region arbeitet derzeit schon wieder auf Vor-Corona-Niveau.

Das Nach-Corona-Niveau wird in jedem Fall ein anderes sein. "Wir merken das an unseren eigenen Verhaltensänderungen", so Joachim von Schlenk. "Manche Branchen wie die Luftfahrtindustrie werden dauerhaft schrumpfen, andere müssen sich anders aufstellen."

ROBERT GERNER

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