Mittwoch, 23.10.2019

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Wohnen in Schwabach III: Glücklich im Altbau

Zu Besuch bei Silvia Krauß - "Ich liebe das Unperfekte" - 28.09.2019 05:58 Uhr

Rechts hinter Silvia Krauß ist das Haus zu sehen, in dem sie wohnt; links hinter ihr die Linde, deren Anblick sie erfreut, wenn sie aus dem Fenster sieht. © Foto: Thomas Correll


Wenn man über 1,80 Meter groß ist, muss man auf seinen Kopf aufpassen. Der Altbau, in dem Silvia Krauß wohnt, hat ein verwinkeltes Treppenhaus und spätestens zwischen erstem und zweitem Stock sollte man sich bücken, wenn man nicht anstoßen möchte. Krauß stört das nicht, die 62-Jährige steigt die Treppen zu ihrem Fachwerk-Reich mehrmals täglich – ohne sich den Kopf anzuhauen.

Vom Glasscherbenviertel zum Makler-Traum

Gleich bei der Franzosenkirche in der Schwabacher Boxlohe steht das Haus, das etwa 1714 erbaut wurde. Auf den 75 Quadratmetern im zweiten Stock wohnt Silvia Krauß seit 1989, sie ist aber schon 1967 als zehnjähriges Mädchen mit ihren Eltern im Hinterhaus eingezogen. Damals, erzählt sie, habe die Boxlohe noch "als Glasscherbenviertel" gegolten. Amerikaner, viele von ihnen schwarz, lebten hier. Ende der 1960er Jahre bedeutete das: "Da wollte keiner herziehen."

Heute kann von Glasscherbenviertel keine Rede mehr sein. Sanierte Altbauten, zentral gelegen mitten in Schwabach: ein Traum für Immobilienbesitzer. Silvia Krauß wohnt zur Miete.

 

 

 

Ob sie mal mit dem Gedanken gespielt hat, etwas Eigenes zu erwerben? "Auf keinen Fall", ist die prompte Reaktion auf die Frage. "Ein Reihenhaus etwa kam nie für mich in Frage", betont Krauß. "Das Materielle brauche ich nicht, ich habe kein Handy, keinen Fernseher, kein Auto. Ich brauche auch nicht mehr Platz."

In vergangenen Jahrhunderten

Im Inneren der Wohnung, die drei Zimmer und eine große Wohnküche umfasst, fühlt man sich in vergangene Jahrhunderte versetzt. Offenes Fachwerk, wohin man blickt. Alte, knarzende Holzdielen am Boden, der ein deutliches Gefälle aufweist. Alles Dinge, die man in einem "normalen" Mietshaus aus den 60ern oder 70ern nie finden würde. "Wenn man in einem Altbau wohnt, gehört das einfach dazu. Ich liebe das Unperfekte", sagt Krauß.

Was sie auch liebt, ist die direkte Umgebung. Den Blick aus den Fenstern etwa: Viel Grün, die Franzosenkirche und eine alte Linde: "Die trägt so strahlend gelbe Blätter im Herbst, dass es sich anfühlt, als würde die Sonne scheinen." Ein Bänklein neben der Kirche sei der Standort dreier älterer Herren, die mit Krauß und anderen Bewohnern der Boxlohe gern ein Pläuschchen halten.

Fast wie auf dem Dorf

Überhaupt kennt man sich in dieser Ecke Schwabachs, erzählt Krauß. Man nehme Anteil am Leben der Nachbarn, ohne dass es in Neugierde oder gar Kontrolle ausarte. Wenn Krauß ihre Katze Laila dreimal täglich die Stufen ins Erdgeschoss begleitet und an der Haustüre wartet, bis das 16 Jahre alte Tier von ihrem kleinen Ausflug zurückkehrt, dann bekommt sie auch viel mit vom Leben in der Boxlohe. Sie freut sich, wenn junge Eltern ihre Kinder dazu anhalten, "Grüß Gott" zu sagen. Fast wie auf dem Dorf? "Ja, das kann man durchaus sagen. Diese Beziehungen sind für mich Lebensqualität."

Sie ist, das hört man oft heraus, insgesamt sehr zufrieden mit ihrer Wohnsituation. Sie macht aber auch den Eindruck eines zufriedenen Menschen, der mit positiver Einstellung an die Dinge herangeht. Nachteile klingen bei ihr wie Vorteile. Wenn etwa der Wind durch das alte Gemäuer zieht? Dann gibt es dafür keinen Schimmel. Und die Heizkosten? "Ich kann mich nicht beklagen." Aber ein Garten wäre schon schön? "Wenn man das nicht gewohnt ist, vermisst man es auch nicht."

Alles zu Fuß zu erreichen

Krauß will dort wohnen bleiben, wo sie – mit Unterbrechung – bereits seit über 50 Jahren lebt. Die Miete, sagt sie, werde sie sich auch mit ihrer Rente leisten können. "Jetzt, wo ich älter bin, weiß ich die Lage noch mehr zu schätzen", fügt sie an. Arzt, Apotheke, Einkaufsmöglichkeit, alles fußläufig zu erreichen – und ruhig sei es auch. Außer wenn die Dielen knarzen, aber das gehört eben dazu.

Teil Eins und Zwei unserer Serie finden Sie hier: Im Reihenhaus in Penzendorf; Das Hochhaus als Notlösung.

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