Donnerstag, 21.11.2019

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Wohnen in Schwabach VII: Lebenswerte Mietskaserne

In der Kreuzwegstraße sorgt der Verein LeNa für ein gelungenes Miteinander - 08.11.2019 11:18 Uhr

Jutta Ziegler, Rosemarie Brückmann und Elvira Duschl (von links) vom Verein „LeNa“. Im Hintergrund sieht man die Wohnanlage Kreuzwegstraße: Dem mehrstöckigen Gebäude sind die einstöckigen Bungalows mit Garten vorgelagert. © Thomas Correll


Der erste Eindruck ist eine Frage der Perspektive. Nähert man sich dem Gebäude vonseiten der Fürther Straße, dann sieht man eine neu entstandene Wohnanlage, die man angesichts ihrer Größe und Wucht auch als "Mietskaserne" bezeichnen könnte. Betrachtet man das Gebäude aber von hinten, wo Kreuzwegstraße und Siedlungsstraße verlaufen, bekommt man einen anderen Eindruck. Die Balkone des dritten oder vierten Stocks schauen herunter auf einstöckige Bungalows, "town houses" könnte man in Maklersprache sagen, die mit Terrasse und Gärtchen an eine klassische Reihenhaussiedlung erinnern. Hier lässt es sich leben.

Ein Glücksfall

Der Eingang ist jedoch vorne, dort klingelt man also, wenn man den Verein "Lebendige Nachbarschaft – Hand in Hand" (LeNa) besuchen möchte. Dann wird es schwierig. Ein Treppenhaus führt zu den Wohneinheiten. Um die Bungalows zu erreichen, geht man aber zuerst wieder durch den Hinterausgang ins Freie und läuft dann durch einen langen Gang, um an dessen Ende einen Gemeinschaftsraum zu finden. Diesen stellt die Gewobau, die den komplett aus geförderten Wohnungen bestehenden Komplex gebaut hat und verwaltet, dem Verein zur Verfügung. Hier wird man von Jutta Ziegler (46), Elvira Duschl (54) und Rosemarie Brückmann (65) herzlich begrüßt.

Alle drei leben hier, Ziegler und Duschl mit ihrem Kind beziehungsweise ihren Kindern, Brückmann mit ihrem pflegebedürftigen Mann. Die Brückmanns bewohnen die einzige rollstuhlgerechte Wohnung, einen der Bungalows – barrierefrei sind alle 34 Wohnungen des Komplexes. Für die drei Frauen ist es ein Glücksfall, in der Kreuzwegstraße untergekommen zu sein. Jutta Ziegler hat mit ihrem Sohn 64 Quadratmeter zur Verfügung, Elvira Duschl lebt mit ihren zwei Jungs auf 88 Quadratmetern. Beide sagen: "Das reicht uns dicke."

 

 

 

Die Größen sind im sozialen Wohnungsbau gesetzlich vorgeschrieben. Auch Rosemarie Brückmann ist sehr zufrieden. "Der Platz reicht uns. Und manchmal schauen die Balkonmenschen ein bisschen neidisch auf unseren Garten herunter", sagt sie mit einem Augenzwinkern. So schlimm ist der Neid offensichtlich nicht, Ziegler fügt hinzu: "Wir können dafür ja den Gemeinschaftsgarten nutzen." Rosemarie Brückmann bringt die Vorteile des geförderten Wohnungsbaus auf den Punkt: "Auf dem freien Markt hätten wir so eine Wohnung niemals gefunden."

Die Fenster bleiben zu

Die Fürther Straße sei natürlich ein bisschen unangenehm. Ziegler und Duschl haben jeweils Küche und Bad zur großen Straße hin. Der Verkehr, die Lautstärke und der Dreck zwingen oft zu geschlossenen Fenstern. Dafür ist die Infrastruktur gut: Supermärkte, Einzelhandel, Schulen und mehrere Buslinien — alles in Reichweite.

Das große Plus ist aber die Nachbarschaft. Den das Projekt, aus dem der Verein LeNa hervorgegangen ist, gibt es schon deutlich länger als das Haus in der Kreuzwegstraße. 2012 fiel bei der Zukunftskonferenz der Startschuss, bei regelmäßigen Treffen wurde ein Konzept entwickelt, bald war auch die Gewobau mit im Boot. Menschen verschiedenen Alters, verschiedener Nationalität, mit und ohne Handicap, wohnen miteinander und unterstützen sich gegenseitig – so kann man die Grundidee von LeNa beschreiben.

Hier ist man nicht allein

Ein Rezept gegen die Einsamkeit gerade älterer Menschen, die etwa einen Ehepartner verloren haben. Aber auch die 46-jährige Jutta Ziegler sagt: "Mein Sohn ist jetzt 19 Jahre alt, irgendwann wird er ausziehen. Dann werde ich hier nicht alleine sein." Auch von Vorteil sei es, dass sich die Vereinsleute bereits kannten und verstanden, bevor sie unter ein Dach zogen.

Man muss nicht mitmachen bei LeNa, um eine Wohnung in der Kreuzwegstraße zu bekommen, manche Nachbarn engagieren sich, manche machen ihr eigenes Ding. Umgekehrt stehen die Angebote von LeNa auch Menschen offen, die nicht in dem Haus wohnen. Wer Lust hat, kommt zum Dienstagscafé oder zum Bastelnachmittag in den Gemeinschaftsraum. Einmal im Monat trifft sich dort eine Multiple-Sklerose-Gruppe, es wird italienisch gelernt, es gibt Kurse, Vorträge, Filmabende, Sommerfeste, Weihnachtsfeiern, gemeinsames Grillen und WM schauen.

Zuwachs in Sicht

Seit 2017 also gibt es diese bemerkenswerte Nachbarschaft, es stehen aber Veränderungen ins Haus – beziehungsweise eine Vergrößerung. Zwölf weitere Wohnungen werden nebenan gebaut, es ist die Fortsetzung des ohnehin beachtlichen Gebäudes. Bauherr ist die Stadt Schwabach, die unter dem Druck steht, auf die allgemeine Wohnungsknappheit zu reagieren. Vermieten wird die entstehenden Wohnungen die Gewobau. Ist der Anbau fertig, wird auch die Zufahrt über die Kreuzwegstraße möglich sein – außerdem soll ein Spielplatz entstehen. Die LeNa-Frauen hoffen, dass nette Menschen einziehen und der ein oder andere auch Interesse am Verein zeigt. So dass diese schöne Geschichte weitergeschrieben werden kann.

Interessierte erreichen LeNa per Mail an schwabach.lena@web.de

Die Teile Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf und Sechs unserer Serie lesen Sie mit Klick auf die folgenden Links: Im Reihenhaus in Penzendorf; Das Hochhaus als Notlösung; Glücklich im Altbau; Heimat Gartenheim; Im Loft im O'Brien-Park; Ein Leben im Vogelherd.

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