Donnerstag, 14.11.2019

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Zeitzeugen vor der BR-Kamera

Vier Deutsche Meister des RC Herpersdorf plauderten über den Express-Straßen-Preis von 1959. - 21.06.2019 13:37 Uhr

Sieben ehemalige RCH-Asse waren zur Stelle. Von links: Fritz Mehl, Heiner Hofmann, Joachim Wunderlich, Hans Gömmel, Fritz Neuser, Hubert Reusch und Bert Stern. © Foto: Manfred Marr.


Der Radsport war vor 60 Jahren eine gewaltige Schinderei. Die Räder waren fast doppelt so schwer wie heutige Carbon-Rennmaschinen. Die Straßen außerhalb der Ortschaften selten geteert, meist staubig und mit vielen Schlaglöchern übersät und die Rennen jener Jahre waren wesentlich länger als heute. Distanzen von mindestens 200 Kilometern waren bei allen "Klassikern" üblich. Und trotzdem geraten die Radsportler der 1950-er Jahre, die inzwischen alle bereits ihren 80. Geburtstag gefeiert haben, heute noch ins Schwärmen, wenn sie von den großen Schlachten vergangener Jahre erzählen.

Einmaliges Radsportdokument

Ein privat gedrehter Super-8-Film, der den Herpersdorfer "Express-Straßen-Preis" des Jahres 1959 zeigt, war Anlass für ein vom Bayerischen Fernsehen anberaumtes "Radsport-Nostalgie-Treffen" im Vereinslokal des RC Wendelstein. Eine rundum gelungene Veranstaltung. Der rund 15 Minuten lange Film , der vor Kurzem sehr gut restauriert worden ist, ist mit seinen herrlichen Aufnahmen ein einmaliges historisches Radsport-Dokument. Fritz Mehl, Heiner Hofmann, Joachim Wunderlich und Hubert Reusch trugen am 21. Juni 1959 beim großen Herpersdorfer Rad-Klassiker als Lokalmatadore das blaue Trikot mit dem orangefarbenen Brustring. Sie waren eingeladen, den Film nach genau 60 Jahren gemeinsam anzusehen. Ebenfalls dabei: ein Kamerateam des Bayerischen Fernsehens, das die vier einstigen Straßen-Cracks des RC Herpersdorf dabei filmte und interviewte.

Die vier ehemaligen Deutschen Mannschaftsmeister zeigten sich nur in den ersten Minuten etwas scheu vor der Kamera. Fritz Mehl, der 1959 hinter dem Hamelner Ludwig Troche und dem Schweinfurter Peter Selbmann nach 200 Kilometern als bester Herpersdorfer Platz drei belegt hatte, meinte rückblickend: "Da wäre für mich wahrscheinlich mehr drin gewesen, doch ich hatte die Übersetzung etwas zu klein gewählt." Heiner Hofmann, damals Siebter des harten BDR-Auswahlrennens, erinnerte sich an seine zahlreichen Attacken, die viel Kraft kosteten: "Ich kam leider nie richtig allein weg, und beim Endspurt war dann nicht mehr drin."

Locker antworteten die vier Zeitzeugen Hofmann, Reusch, Wunderlich und Mehl auf die vielen Fragen des Bayerischen Fernsehens, die Hans-Peter Kernstock stellte. © Foto: Manfred Marr.


Ähnlich erging es Joachim Wunderlich und Hubert Reusch, die verbissen kämpften, um Mehl und Hofmann soweit es ging zu unterstützen. "Es war ein sehr schweres Rennen, das brutal schnell gefahren wurde auf den schlechten Straßen an den Steigungen", kommentierten beide die einzelnen Passagen des Films. "Das kostete uns schon eine Menge Körner", erklärten die vier Ex-Meister. Doch von Doping war damals keine Rede, wie die Oldies versicherten: "Zur Stärkung hatten wir Haferschleim und vor allem Bananen dabei. Ein Geheimrezept für die Kraft und Ausdauer war etwas Rotwein, gemischt mit Eigelb. Das füllten wir in die Aluminium-Flaschen, die am Lenker befestigt waren."

Nach Wendelstein eingeladen waren zur Filmvorführung auch der Herpersdorfer Altmeister Fritz Neuser, Ex-Meister Bert Stern und Manfred Scholz, der den Film damals mit einer kleinen Kamera gedreht hatte, die nach sechs Jahrzehnten noch immer voll funktionsfähig ist. "Mein Problem war es, dass eine Filmrolle nur ganze drei Minuten lang war. Wir mussten immer wieder neue Rollen einlegen, das war während der hektischen Fahrt ganz schön stressig", erzählt Scholz den staunenden Zuhörern. "Hinzu kam, dass man an der Kamera alle Funktionen immer wieder genau einstellen musste, denn es gab damals ja noch keine Automatik für Entfernung und Belichtung."

Umso erstaunlicher, dass der Radsport-Film in einer großartigen Qualität und Perfektion gelungen ist. Gekrönt wurde das Ganze, als sich Sigmund Durst bereit erklärte, dazu einen Rennkommentar zu sprechen. "Der damals bundesweit bekannte Radsport-Sprecher und Journalist aus Nürnberg sprach ohne Konzept während der Filmvorführung frei weg einen hervorragenden Text auf ein separates Tonbandgerät", wundert sich Manfred Scholz heute noch über die gelungene nachträgliche "Vertonung", die heute noch alle Zuhörer fasziniert.

Fritz Neuser, der den "Express-Straßen-Preis" in seiner Glanzzeit 1951, 1954 und 1955 gewann, war 1959 im Begleitwagen für die Rennleitung im Einsatz: "Ich hatte keine leichte Aufgabe damals, denn ich musste Bert Stern und Manfred Scholz, die während ihrer Aufnahmen dem Fahrerfeld und den Spitzengruppen manchmal zu nahe gerückt waren, immer wieder ausbremsen. Der Verlauf des großen Rennens mit allen deutschen Nationalfahrern durfte keinesfalls gestört werden."

Historisches Meisterwerk

Der inzwischen 85-jährige Manfred Scholz, der damals ein wahres Meisterwerk geschaffen hatte, erklärte schmunzelnd: "Fritz Neuser hat uns zwar oft vertrieben, doch mit Bert Stern am Steuer schlich ich mich immer wieder so nahe wie möglich ran." Die große Mühe und Ausdauer des Hobby-Filmers und Radsport-Fans hat sich gelohnt. "Der Film ist ein kleines historisches Meisterwerk, das Profis nicht besser hätten schaffen können", lobte BR-Redakteur Hans-Peter Kernstock , der über den Film und die einstigen Herpersdorfer Asse am Sonntag in der Sendung Frankenschau um 17.45 Uhr im BR-Nord berichten wird.

Ergänzend zur Filmvorführung mit den vielen Erinnerungen und Kommentaren standen noch originale Rennmaschinen der 1950-er Jahre bereit, die Klaus Karolzak, der Initiator des Radler-Treffens und Fritz Neuser präsentierten. Die inzwischen sehr raren Sammlerstücke wurden vor der Kamera ebenfalls ausgiebig bewundert. Fritz Mehl erklärte die wichtigsten Details und die wesentlichen Unterschiede zu den heutigen Rennrädern. Er ließ sich auch noch dazu überreden, mit dem BR-Kamerateam an verschiedene Steigungen des einstigen Rennens zu fahren um dort noch einmal in den Sattel zu steigen. Kein Problem für den 82-jährigen Ex-Meister, schließlich dreht er noch immer Radrunden über 60 Kilometer.

MANFRED MARR

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