Donnerstag, 25.04.2019

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Zwei Waggons als erster Behelf

Auch in Schwabach: Notunterkunft für Heimatvertriebene in Eisenbahnwaggons - 10.02.2019 05:55 Uhr

Ein Eisenbahnwaggon im Haus „versteckt“: Bauarbeiter machten im vergangenen Jahr in Feucht diesen überraschenden Fund. Auch in Schwabach dienten Waggons als erste Unterkunft für Heimatvertriebene. © Archivfoto: Gerold Engel


Nach dem Zweiten Weltkrieg strömten Hunderttausende, ja Millionen von Menschen als Vertriebene in den Westen. Sehr rasch mussten Flüchtlingslager errichtet werden, um die Menschen vorläufig unterzubringen und sie dann in (Not)-Unterkünfte zu verteilen. Die Folge war eine große Wohnungsknappheit. Notwohnungen in halbzerstörten Häusern, in Nissenhütten, Bunkern, Wohnlauben und Bretterbuden linderten die größten Engpässe in den Städten und Dörfern. Nicht selten ging dies konfliktfrei ab, wenn Familien Zimmer in ihren Wohnungen für Flüchtlinge zur Verfügung stellen mussten – die so genannte Zwangsbewirtschaftung. Hier gab es oft Widerstand, Ablehnung und manchmal auch Streitigkeiten zwischen den Wohnungsmietern und den Neuankömmlingen.

Auch Eisenbahnwaggons wurden deutschlandweit in diesen Jahren als Unterkünfte zur Verfügung gestellt, in denen Flüchtlinge versuchten, sich einzurichten.

Schwabach war ab dem Jahr 1946 eine große Anlaufstelle für Flüchtlingszüge nach Bayern. Nahezu jede Woche kamen mehr als 1000 Personen – Männer, Frauen und Kinder – am Schwabacher Bahnhof an und wurden auf drei Flüchtlingslager verteilt: zwei davon waren auf dem Vogelherd, eines in Limbach-Penzendorf. Am Ende dieses Jahres zählte man 46 Transporte, die meisten davon – 35 – aus dem Sudetenland mit insgesamt 50 382 Personen. Viele der Ankommenden wurden auf Dörfer und Städte des Schwabacher Landkreises verteilt – diesen gab es bis 1962 - , in der Stadt selbst waren einige tausend Menschen untergebracht worden.

Eine Statistik vom 1. April 1948 zeigt, dass der Landkreis mit seinen Gemeinden, einschließlich der Stadt, insgesamt 74 788 Einwohner hatte, davon 20 932 Flüchtlinge und Vertriebene sowie 723 Ausländer und Staatenlose. Ein Viertel, also etwa 5000, lebten in Schwabach selbst, die Einwohnerzahl war von etwa 16.000 im Jahr 1939 auf fast 21.000 Einwohner gewachsen – durch Flüchtlinge.

Josef Kasperl, der 1948 als Heimatvertriebener aus dem Sudetenland nach Schwabach kam – zuvor hatte er dort als Kriegsgefangener drei Jahre Zwangsarbeit verrichten müssen - war im sogenannten Regierungs-Flüchtlingslager III in Limbach-Penzendorf untergebracht. Er erinnert sich, dass in Limbach an der Bahnlinie zwei Eisenbahnwaggons standen, die als Behelfsunterkünfte für Flüchtlinge dienten. Diese hatten sich dort wohnlich eingerichtet. In den folgenden Jahren wurden die Waggons überbaut und in kleine Häuser integriert.

Bestätigt wird das auch von Jochim Süß, den Vorstand des Limbacher Bürgertreff, der seine älteren Vereinsmitglieder befragte. Diese erinnern sich an einen Behelfsbau aus zwei Eisenbahnwagons in einem Grundstück, das heute an der Flurstraße, Ecke Bahnweg liegt.

Die Flurstraße existierte in dieser Zeit noch nicht und der Bahnweg begann damals am heutigen Kreisverkehr an der Eisenbahnbrücke in Limbach. Das Grundstück war nur etwa halb so tief wie das heutige.

Die Tochter der damaligen Grundstücks-Eigentümer hat genaue Erinnerungen an diese Zeit und an ihre Eltern. Die Familie, die in Nürnberg lebte, war etwa 1943 "ausgebombt" worden und hatte die Stadt verlassen. In Limbach hat der Vater dieses Bahn-Grundstück bekommen, denn er war "Eisenbahner" und als Hauptsekretär bei der ‚Reichsbahn’ beschäftigt. Er erhielt auch zwei Personenwagen, es ist nicht bekannt, ob er sie erwerben musste, oder ob die Bahn diese den Bombengeschädigten zur Verfügung stellte. Zunächst wurden die Waggons als Notunterkunft eingerichtet, nach dem Krieg mauerte der Vater einen Keller und setzte auch ein Dach auf den Waggon, die Familie blieb in Limbach wohnen. "Von außen sah das nun fast wie ein Haus aus" erzählt die Tochter, die nicht namentlich genannt werden möchte. "Und direkt neben uns hat eine weitere Familie in einen Güterwagen ihre Behelfswohnung eingerichtet".

Die Familie wohnte in diesem "Provisorium" bis Anfang der 1970er Jahre, dann ließ man das kleine "Waggonhaus" abreißen und erbaute ein neues Zweifamilienhaus. Der Einzug erfolgte 1972, und noch heute lebt hier die Tochter.

Große Wohnungsnot

Die "Reichsbahn" – so hieß die Bahn offiziell auch nach dem Krieg, erst 1949 wurde die "Deutsche Bundesbahn" gegründet – hatte wohl aus ihren Altbeständen Waggons für Wohnzwecke zur Verfügung gestellt. Leider war bisher nicht zu erfahren, wie dies genau ablief, in den einschlägigen Archiven (Stadtarchiv Schwabach, Bauamt Schwabach, Staatsarchiv Nürnberg) war dazu nichts zu finden. Vielleicht erinnert sich mancher Leser noch an die Zeit der großen Wohnungsnot und kann dazu weitere Informationen liefern.

Falls sie uns informieren wollen: unsere Telefonnummer: (09122) 938031

Oder per E-Mail an st-redaktion@pressenetz.de 

DR. JÜRGEN FRANZKE

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