Montag, 28.09.2020

|

Sieben Wochen lang rockte Elvis Presley die Oberpfalz

Vor 60 Jahren traf der "King" zum Manöver in Nordbayern ein - 03.11.2018 05:54 Uhr

Große Aufregung im Autohaus Wies in Weiden, als sich der „King of Rock'n'Roll“ dort den kurz zuvor auf den Markt gekommenen Opel Kapitän ansieht. Unter anderem wollen viele Verkäuferinnen aus dem benachbarten Kaufhaus einen Blick auf den Superstar erhaschen.

© Foto: Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr


Elvis wer? Josef Müller ist Volksmusikfreund und versteht erst mal nur Bahnhof, als ein Bekannter klingelt und ruft: "Sepp komm! Der Elvis steht am Marktplatz." Als Müller, der als freier Journalist für mehrere Lokalzeitungen in der Oberpfalz arbeitet, aber sieht, wie immer mehr Teenager einen Army-Jeep umringen, wird ihm schnell klar: Der hübsche junge Mann mit dem Militärparka und der gefütterten Wintermütze muss irgendwie bekannt sein.

Müller, in Hirschau (Landkreis Amberg-Sulzbach) und Umgebung vor allem unter seinem "Künstlernamen" Sepp Müller Anderl bekannt, stellt sich als "Country Reporter" vor und verknipst einen Film. Die beiden Männer finden sich sympathisch. Müller zeigt dem Weltstar sein in der Nähe geparktes DKW Sportcoupe, das ihm Auto-Enthusiast Elvis sofort abkaufen will. Aufgrund der schwierigen Verständigung, bei der die improvisierten Übersetzungshilfen der Dorfjugend nur wenig weiterhelfen, kommt das Geschäft aber nicht zustande.

Angesichts der Kälte verlagert sich das Geschehen vom verschneiten Hirschauer Marktplatz ins nahe gelegene Gasthaus Goldenes Lamm. Dort wärmen sich der als Panzerspäher eingesetzte Musiker und seine Kameraden ein wenig auf und warten auf den Manöverkonvoi, der sich aus irgendwelchen Gründen um gut zwei Stunden verspätet hat. Elvis Presley trinkt eine Cola und schreibt Autogramme auf Bierdeckel.

Bilderstrecke zum Thema

Musiklegende in der Oberpfalz: Als Elvis durch den Landkreis fuhr

Als sich der King in und um Neumarkt und Grafenwöhr herumtrieb: Elvis Presley nahm zwischen 1958 und 1960 als junger Besatzungsoldat an zwei Manövern in der Oberpfalz teil.


Zum Abschied drückt der weltberühmte Soldat dem Reporter einen Zettel mit seiner Adresse in die Hand, an die der Journalist Abzüge seiner Fotos schickt. Einige Monate später erhält Sepp Müller Anderl einen Brief aus Memphis, in dem sich der "King of Rock'n'Roll" für die Schnappschüsse bedankt. "Dear Sepp" steht als Anrede über dem handgeschriebenen Text und zum Schluss die Aufforderung "Keep up the good work" ("Mach weiter so").

Ein Dankesbrief vom "King"

Dieser lange verschollene Brief ist eines von zahlreichen Exponaten, die das Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr im Rahmen einer heute beginnenden Sonderausstellung zu Elvis' Aufenthalten in der Oberpfalz präsentiert. In der bis 31. März 2019 dauernden Präsentation bekommen die Fans unter anderem viele Bilder und Dokumente zu sehen, die erst in den vergangenen Jahren aufgetaucht sind. Außerdem kann Grafenwöhrs Kulturmanagerin Birgit Plößner die Ergebnisse intensiver Zeitzeugenbefragungen und auch einige neue Erkenntnisse zum 17-monatigen Militärdienst des "King" in Deutschland präsentieren.

So ist der bei der 3. US-Panzerdivision im hessischen Friedberg stationierte Musiker nicht nur Ende 1958 und im Februar 1960 in Grafenwöhr im Einsatz, sondern kommt offensichtlich auch im März 1959 für ein paar Tage in die Oberpfalz. "Im Gegensatz zu seinen bereits bekannten Aufenthalten in unserer Gegend sind dazu aber keine Anekdoten überliefert", sagt Plößner.

Streng abgeschirmt

Elvis, schon damals ein Weltstar mit einer ganzen Reihe von Nummer-Eins-Hits und Hauptrollen in mehreren Kinofilmen, wird streng abgeschirmt. Reporter aus der ganzen Welt reisen Ende der 1950er Jahre nach Deutschland, um "Private Presley" zu Gesicht zu bekommen – meist ohne Erfolg, weil der jeweilige Aufenthaltsort Geheimsache ist.

Die Winter in der Oberpfalz sind oft rau, und Elvis war während des Manövers "Winter Shield" als Panzerspäher oft im offenen Jeep unterwegs. "Die kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich das hasse", soll er einmal zu Kameraden gesagt haben.

© Foto: Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr


Zu einigen öffentlichen Auftritten und Kontakten mit Einheimischen kommt es aber doch wie zum Beispiel einem Besuch eines Autohauses in Weiden. Elvis will sich dort den neuen Opel Kapitän ansehen und wird dabei unter anderem von den Verkäuferinnen des benachbarten "Weka"-Kaufhauses umlagert. "Man hätte das Kaufhaus wahrscheinlich problemlos ausräumen können, weil das Personal alles stehen und liegen hat lassen", erzählt Birgit Plößner und lacht. Bei solchen Begegnungen verschafft der "King of Rock'n'Roll" auch den Näherinnen der US Army zusätzliche Arbeit, weil ihm die Fans immer wieder das Namensschild und die Militärabzeichen von der Uniform reißen.

Viele Legenden können allerdings nicht verifiziert werden. Zum Beispiel die von den Mädchen Lisa und Marie, die Elvis bei einem Truppenstopp in einem Dorf derart begeistert haben sollen, dass er seine Tochter später Lisa Marie nennt. "Überall wollen die Menschen Elvis gesehen, viele erzählen die unglaublichsten Geschichten", sagt Margit Berwing-Wittl, die Chefin des Oberpfälzer Volkskundemuseums in Burglengenfeld, die vor einigen Jahren ebenfalls eine Ausstellung zum vielleicht berühmtesten Soldaten der US-amerikanischen Militärgeschichte organisiert hat.

Äpfel als Geschenk

Auch im Landkreis Neumarkt gibt es einige Zeitzeugen, die von Begegnungen mit dem "King" berichten können. Unter anderem ist Elvis laut Johann Renner für eine Art Werbeauftritt für die Armee in Lauterhofen zu Gast, plaudert dort einige Zeit mit der sehr gut Englisch sprechenden Cäcilie Niebler und lässt sich dann von den Militär-Fotografen zusammen mit Kindern aus dem Ort fotografieren. "Zum Abschluss hat er den Kindern noch wunderschöne Äpfel geschenkt", erzählt Renner.

Elvis fühlt sich sichtlich wohl im „Goldenen Lamm“ in Hirschau, wo er zusammen mit seinen Kameraden auf einen verspäteten Manöverkonvoi wartet und von zahlreichen Kindern und jugendlichen Fans umringt wird.

© Foto: Josef Andreas Müller


Die bekannteste Anekdote ist jedoch die von Elvis' legendärem Privatkonzert in der Micky-Bar in Grafenwöhr – ein Dankeschön des Musikers für die Betreiber des Tanzlokals, die ihn und seinen Vater Vernon Presley für einige Tage in ihrem Privathaus unterbringen. Wegen der überall lauernden Fotografen und Autogrammjäger lässt die Armeeführung den Weltstar bei der Gastronomie- und Unternehmerfamilie Rodler übernachten, die zu Stillschweigen verpflichtet wird.

Seine Leibspeise war Schnitzel

"Seine Leibspeise war Schnitzel, das wollte er jeden Tag", erzählte Raimund Rodler vor einigen Jahren anlässlich des 35. Todestags des "King". Elvis sei ganz locker und leger, "wie ein Nachbarjunge", aufgetreten. "Dass er ein Star ist, hat er sich nicht anmerken lassen." Und nach seinem fünftägigen Aufenthalt setzt er sich für Rodlers Familie und die Mitarbeiter an den inzwischen im örtlichen Kultur- und Militärmuseum stehenden Flügel der Micky-Bar und singt zweieinhalb Stunden lang seine schönsten Lieder wie "Love me tender" oder "Don't be cruel". Das alles geschieht hinter verschlossenen Türen, denn eigentlich darf Elvis während seiner Militärzeit keine Konzerte geben.

Eine Musiklegende in der Oberpfalz, das sorgte für Aufruhr in der Region.

© Loomis Dean/Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr


Auch bei seinen Kameraden in der US Army ist der junge Plattenmillionär aufgrund seines umgänglichen und großzügigen Wesens sehr beliebt. Von seinen Vorgesetzten, die ihn während seines vom 1. Oktober 1958 bis 2. März 1960 währenden Deutschland-Aufenthalts mehrmals befördern, werden ihm außerdem gewisse Führungsqualitäten attestiert. Elvis, der in dieser Zeit auch seine spätere Ehefrau Priscilla kennenlernt und seine Liebe zum Karatesport entdeckt, kommt während seines Militärdienstes aber auch mit Aufputschmitteln in Berührung. Die Armee gibt damals Amphetamine an Soldaten aus, damit die bei Manövern wie in Grafenwöhr länger durchhalten. Vermutlich ist das der Grundstein für die spätere Medikamentenabhängigkeit des Musikers.

Auch Raimund Rodler trauert, als Elvis Presley am 16. August 1977 in seinem Badezimmer in "Graceland" stirbt. Spätere Bilder und Fernsehauftritte des nur 42 Jahre alt gewordenen Stars hätten nichts mehr mit "seinem" Elvis zu tun. "Der mit Drogen und Alkohol vollgepumpte Mann war ein anderer als der, den ich kannte", sagt der Gastronom. So ein Ende habe der "arme Kerl" nicht verdient.

Sepp Müller Anderl verfolgt das spätere Schicksal des "King of Rock'n'Roll" ebenfalls mit gemischten Gefühlen. Der "Ölvis", wie der rasende Reporter aus Hirschau in seinem oberpfälzer Zungenschlag zu sagen pflegt, sei eigentlich noch ärmer dran als er. "Ich kann oft meine Rechnungen nicht bezahlen. Aber der kann wegen seiner Berühmtheit noch nicht mal sein Haus verlassen und über die Straße gehen."

André Ammer

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Neumarkt