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Smartphone bringt Gewalt und Pornografie ins Kinderzimmer

Handynutzer werden immer jünger - 15.12.2020 10:22 Uhr

Kinder werden mit den Smartphones oft allein gelassen, dabei ist WhatsApp alles andere als ein harmloser Nachrichten-Dienst.

15.12.2020 © Epiximages via www.imago-images.de


Maja ist neun und geht in die dritte Klasse einer Nürnberger Grundschule. Sie ist stolze Besitzerin eines eigenen Handys. Mutter Laura war es leid, dass Maja ihren Freundinnen dauernd mit ihrem Mobiltelefon Nachrichten schreiben wollte. Über WhatsApp natürlich. Ständig pingte das Gerät, sausten Einhorn-Sticker und anderer Kinderkram hin und her.

Laura war genervt, sie gab Maja ihr altes Handy mit der Vorgabe, es nur zu Hause zu benutzen. Es sei schließlich nichts dabei, dachte Laura, wenn die Tochter sich in geschütztem Rahmen mit dem Gerät vertraut mache. Doch als Maja ihr das Handy eines Tages unbedingt zurückgeben wollte, wurde sie stutzig. Überhaupt war die sonst so quirlige Tochter auffallend still geworden

Maja weinte und schrie

Auf Fragen reagierte Maja mit Tränen und Rückzug, verweigerte den Schulbesuch. Sie gab vor, krank zu sein, weinte und schrie, wenn die Mutter sie zwingen wollte. Laura und ihr Mann wussten sich nicht zu helfen, hielten Rücksprache mit der Lehrerin und schleppten Maja schließlich zu einer Psychologin. Dort kam ans Licht, was Maja widerfahren war.

In einem Gruppenchat mit vielen Kindern aus der Schule waren Penis-Bilder und kurz darauf ein brutales und sehr explizites Sex-Video gepostet worden. Die Inhalte wurden von einer Nummer geschickt, die Laura nicht kannte und die nach den geschockten Reaktionen vieler Kinder schnell aus dem Chat verschwunden war.

Kein Einzelfall

Sofort war man sich in der Gruppe einig, dass man das Gesehene keinesfalls den Lehrern oder Eltern zeigen oder erzählen dürfe. Sollte jemand petzen, müsse er oder sie mit einer Abreibung und Ausschluss aus der Gruppe rechnen. Das war zu viel für Maja. Wer jetzt denkt, diese Geschichte sei frei erfunden oder ein Einzelfall, hat leider unrecht.

Maja gibt es wirklich, nur heißen sie und ihre Mutter anders. Und Fälle wie dieser passieren täglich. Man bekommt nur selten etwas mit.

„Pornografie, Gewalt oder faschistische Inhalte sind längst in den Kinderzimmern angekommen“, sagt Digitalexperte Hendrik Odendahl. Seit Jahren beschäftigt sich der Berufsschullehrer hauptberuflich mit Cypermobbing, der Digitalisierung an Schulen und Online-Gaming. Mit Instagram, Tiktok, Fortnite und Brawl Stars kennt er sich aus und berät Eltern, Schüler und Lehrer.

Kinder wollen reden

Wer seinen Anekdoten lauscht, dem wird flau im Magen, denn sie stammen aus erster Hand. Von den Schülerinnen und Schülern selbst. Sie erzählen Hendrik Odendahl im Vertrauen, was sie in Chats oder beim Zocken erlebt haben – und zwar in Workshops, die er an unterschiedlichen Schularten in Bayern hält.

Der Pädagoge erlebt häufig, dass Kinder und Jugendliche erleichtert sind, mit einem Erwachsenen über diese Dinge reden zu können. Mit einer unabhängigen Person, die sich mit der Materie auskennt, aber von der sie keine Sanktionen zu befürchten haben. Sich den eigenen Eltern anzuvertrauen, kommt für viele nicht in Frage: „Es ist ihnen peinlich, sie fürchten ein Handyverbot oder Ärger“, erklärt Odendahl.

Witze mit Adolf Hitler

Was der Digitalexperte täglich sieht und hört, versetzt ihn in Sorge. Der lachende Adolf Hitler mit der Sprechblase, in der zu lesen ist „Du bist witzig, Dich vergase ich erst später“, sei da tatsächlich noch harmlos, erzählt er.

Zu viele Eltern hätten erschreckend wenig Ahnung über die digitalen Möglichkeiten und zu wenig Zeit, sich mit deren Gefahren auseinanderzusetzen, moniert der Pädagoge: „Wir machen hier gerade einen groß angelegten Feldversuch mit unseren eigenen Kindern, ohne die Folgen dieser Entwicklung abschätzen zu können.“ Natürlich steckten nicht alle Eltern den Kopf in den Sand, in der Summe aber zu viele.

WhatsApp erst ab 16 Jahren

Die gefährlichste App ist für Odendahl Whatsapp. Der Messenger-Dienst werde schon von Achtjährigen genutzt, dabei sei er offiziell erst ab 16 Jahren freigegeben. Von Eltern auf den Elternabenden, die der Digitalexperte für Schulen anbietet, hört er häufig, dass sie die Privatsphäre ihrer Kinder nicht verletzten und sich auch deshalb nicht in die Chats einmischen wollen. Andere scheuen den Konflikt mit dem Nachwuchs. Doch das alles will Odendahl nicht gelten lassen: „Die Geräte sind da, die Eltern sind in der Verantwortung und müssen ihre Kinder begleiten.“

Bei kinderpornografischen Inhalten seien sie verpflichtet, die Polizei einzuschalten. Die Schule oder die Lehrkräfte hätten da keine Handhabe. Es sei ihnen aus datenschutzrechtlichen Gründen verboten, die Handys ihrer Schüler einzusehen. „Es geht nicht um Verbote, sondern darum, ein Bewusstsein für die Gefahren zu schaffen und einige Chatregeln zu etablieren“, sagt der Digitalexperte.

Chats frei zugänglich

Viele Chats in Messenger-Diensten oder im Rahmen von Online-Spielen seien frei zugänglich. Schnell könnten die Falschen an sensible Daten der jungen Teilnehmer gelangen. Hendrik Odendahl wünscht sich, dass schon Grundschüler in den dritten und vierten Klasse den richtigen Umgang mit den digitalen Medien lernen. Hier seien die Schulen gefragt, da auch das Thema Cybermobbing weit verbreiteter sei.

Handynutzer werden jünger Hinzu kommt, dass die Smartphone-Nutzer immer jünger werden. Das geht auch aus den aktuellen JIM- und KIM-Studien des Medienpädagogischen Forschungsverbands Südwest hervor. In den 5. Klassen hat fast jeder Schüler ein Mobiltelefon. In den vierten Klassen geht man von zwei Drittel der Schüler aus und in den dritten Klassen von etwa der Hälfte.

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Sinkendes Mitgefühl

Doch was macht das mit den Kindern und Jugendlichen? Kinder- und Jugendpsychologen gehen davon aus, dass durch wiederholtes Ansehen von Gewalt die Empathiefähigkeit sinkt. Diese Wirkung ist noch stärker, wenn man selbst ins Geschehen eingreifen kann, wie in einem Computerspiel oder Cybergame. Die angeborene Tötungshemmung wird abgeschwächt. Wäre gewalttätiges Verhalten ein Auto, dann könnte man sagen: Mediengewalt wirkt nicht wie Super im Tank, sondern beschädigt eher die Bremse.


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