Dienstag, 19.11.2019

|

So überleben Fledermäuse den Ausflug in den Windpark

Forschungsprojekt am Erlanger Uni-Lehrstuhl für Sensorik - 30.10.2013 12:02 Uhr

Fledermäuse – unser Foto zeigt einen Kleinen Abendsegler – sollen besser vor Kollisionen mit Windrädern geschützt werden. Einen kostengünstigen Ansatz hat der Erlanger Uni-Lehrstuhl für Sensorik erarbeitet. © Mathias Orgeldinger


Allein die Gefahr, die Tiere könnten gegen fahrende Autos fliegen, brachte die Behörden in Zugzwang. Denn das Bundesnaturschutzgesetz untersagt die Tötung aller einheimischen Fledermausarten.

Bei Windenergie-Anlagen (WEA) ist die Gefahr dagegen schon längst Realität. Die Fundkartei des Landesumweltamtes Brandenburg, die seit über zehn Jahren besteht, listete mit Stand vom September 2013 bundesweit etwa 2000 tote Fledermäuse auf. Sie enthält nach Angabe der Behörde jedoch „nur einen Bruchteil der tatsächlich an WEA verunglückten Tiere“.

Inzwischen haben auch lokale Windparkgegner ihre Liebe zur Fledermaus entdeckt. Denn der individuelle Artenschutz ist rechtlich leichter durchzusetzen als der Schutz der Landschaft. Und so bekommt die Angst vor „Verspargelung“, Disco-Effekt, Lärm und der Wertminderung von Grundstücken plötzlich Fledermausflügel.

Um verlässliche Daten zur Gefährdung der fliegenden Säugetiere zu bekommen, hat das Bundesumweltministerium von 2007 bis 2010 ein sensibles Forschungsprojekt finanziert. Zoologen der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) untersuchten die Zahl der sogenannten „Schlagopfer“ an über 70 Windenergie-Anlagen im Bundesgebiet. Dabei wurden alle toten Tiere im Radius von 50 Metern um das Windrad erfasst.

Das Ergebnis war ernüchternd: Im Untersuchungszeitraum von jeweils drei Sommermonaten kamen an jeder Anlage durchschnittlich fünf bis sechs Tiere zu Tode. Das legt eine jährliche Verlustrate von zehn bis zwölf Fledermäusen pro Windrad nahe.

Die Tiere starben entweder direkt durch eine Kollision mit dem Rotorblatt oder an inneren Blutungen. Letztere könnten von Barotraumata herrühren, das heißt durch plötzliche Änderungen des Luftdrucks verursacht sein. Glücklicherweise sind nicht alle etwa 25 Fledermausarten in Deutschland betroffen, sondern nur jene, die aufgrund ihrer bevorzugten Flughöhe und ihres Lebensraumes mit Windrädern in Kontakt kommen. Dazu zählen vor allem die Zwerg-, Rauhhaut- und Zweifarbenfledermäuse sowie die Großen und Kleinen Abendsegler.

Parallel zur Schlagopferzählung installierten die Forscher Außenmikrofone im Boden der Windrad-Gondeln, mit denen sie die Echolotrufe der Fledermäuse und deren Häufigkeit aufzeichnen konnten. „Da die Rufe artspezifisch sind, kann man sie mit Hilfe von Analyseprogrammen unterscheiden“, sagt Fledermausexperte Ralph Simon.

Bei den Messungen stellte sich heraus, dass die Tiere vor allem in der ersten Nachthälfte aktiv sind und umso seltener fliegen, je stärker der Wind weht. Temperatur und Niederschlag spielen dagegen kaum eine Rolle.

Mit Hilfe dieser Daten wurde ein Computerprogramm entwickelt, welches „Vorhersagen“ darüber zulässt, bei welcher Windgeschwindigkeit und in welcher Abend- bzw. Nachtstunde die Fledermäuse vor Ort besonders gefährdet sind.

Ein Nachfolgeprojekt (2011–2012) am Lehrstuhl für Sensorik der FAU, das ebenfalls im Rahmen der Umweltbegleitforschung vom Bund finanziert wurde, sollte experimentell klären, wie belastbar diese „Vorhersagen“ sind.

Dazu wurde die Steuerung des Windrads so programmiert, dass der Rotor abgeschaltet wird, sobald die Windgeschwindigkeit unter einen im Laufe der Nacht durchaus unterschiedlichen Schwellenwert fällt. In diesem, für jeden einzelnen Standort definierten „fledermausfreundlichen Betrieb“ sollten, so die Vorgabe der Wissenschaftler, durchschnittlich nur noch zwei Todesopfer pro Jahr zu beklagen sein.

Das Experiment wurde an je zwei Anlagen in acht Windparks über drei Monate durchgeführt. Eines der Windräder lief im Normalbetrieb, das andere im Fledermausschutz-Modus. Nach einer Woche wurde gewechselt. Gleichzeitig zählten die Forscher die erschlagenen Tiere.

Das Ergebnis überstieg alle Erwartungen: Während der Normalbetrieb durchschnittlich zwölf Opfer pro Jahr und Anlage forderte, waren es im Schutzmodus tatsächlich nur zwei Tiere.

„An den meisten Standorten liegen die Kosten dieser Abschaltautomatik unter einem Prozent des Jahresertrages“, erklärt Projektleiter Oliver Behr. Es sei nun Aufgabe der Politik, festzulegen, wie viele Fledermausopfer für die Nutzung der Windenergie vertretbar seien.

Da es in Deutschland, anders als beispielsweise in Frankreich, einen Bestandschutz für genehmigte Anlagen gibt, können solche Abschaltautomatiken von der unteren Naturschutzbehörde erst bei neu errichteten Windrädern durchgesetzt werden. Oder im Rahmen des sogenannten „Repowering“, dem Ersatz alter durch effizientere Anlagen.

Die Frage, ob sich die Zahl der Schlagopfer langfristig auf den Bestand einzelner Fledermausarten auswirkt, lässt sich derzeit nicht beantworten. „Wir verfügen über viel zu wenige Populationsdaten“, sagt Behr.

Bei Arten wie dem Großen Abendsegler, der sich wie ein Zugvogel verhält und vom Baltikum über Deutschland bis in die Schweiz wandert, dürfte die Datenerhebung schwierig werden.



Dennoch müsse weiter geforscht werden, so Behr. Denn die Fledermäuse Mitteleuropas mussten in der Folge des DDT-Einsatzes der 1950er und 1960er Jahre schon einmal einen massiven Populationsrückgang hinnehmen. „Diesen Umfang wird das Problem wahrscheinlich nicht erreichen“, vermutet der Zoologe.
 

Mathias Orgeldinger

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Region