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Spezialstation für Behinderte hat zu

Krankenhaus Rummelsberg schließt wegen Corona vorübergehend ein in Nordbayern einmaliges Angebot. - 01.06.2020 18:44 Uhr

Behinderte Menschen in jedem Alter brauchen eine besondere Betreuung – hier zum Beispiel in der Schule, aber auch bei Aufenthalten im Krankenhaus. © Foto: Ute Grabowsky/photothek.net


Doris Wittig-Moßner fühlt sich im Stich gelassen. Fünf bis zehn Mal wacht ihre Tochter pro Nacht auf, und jedes Mal muss sie aufstehen. Denn Lisa ist zwar schon 26 Jahre alt, aber geistig behindert. Deshalb muss die Mutter immer nachsehen, ob sie vielleicht Durst hat oder zur Toilette muss.

Eigentlich sollte Lisa jetzt, in den Pfingstferien, im Krankenhaus Rummelsberg diagnostiziert werden. Denn dort gibt es die Station 13, mit neun neurologischen Betten, die sich auf die Behandlung geistig Behinderter spezialisiert hat. "Sie hat ein riesiges Einzugsgebiet", erklärt Wittig-Moßner die Besonderheit, "es gibt hier in der Region nichts Vergleichbares". Das Problem ist nur: Diese Betten der Station sind derzeit geschlossen, weil das Krankenhaus Rummelsberg wie alle anderen bayerischen Kliniken 25 Prozent der normalen Betten – und zusätzlich 30 Prozent der intensivmedizinischen Kapazitäten – für Covid-19-Patienten freihalten muss. Dafür gibt es einen finanziellen Ausgleich, nämlich 560 Euro pro Tag und Bett.

 

Besonders ausgerichtet

 

Die Schließung dieser hoch spezialisierten Station trifft nicht nur Wittig-Moßner, die zugleich Vorsitzende des Landesverbandes Epilepsie Bayern ist. Sie weiß von anderen Eltern, die ebenfalls die Epilepsie-Medikation ihrer behinderten Kinder – sie haben hier ein deutlich höheres Krankheitsrisiko als andere – überprüfen lassen wollen und das derzeit nicht können. Denn schon baulich sei die Station auf solche Menschen ausgerichtet, und das Personal sei hochspezialisiert auf deren Bedürfnisse.

Eingerichtet wurde die Station bereits, als das Krankenhaus noch zur evangelischen Diakonie gehörte. 2010 wurde es von den Sana-Kliniken übernommen, die die Station 13 weiterführten.

Nun möchte man gerne vom Krankenhaus wissen, weshalb ausgerechnet diese kleine und schwer zu ersetzende Station momentan geschlossen werden musste. Doch Pressesprecher Dominik Kranzer antwortet auf eine detaillierte Frageliste sehr allgemein: Ja, 60 Betten muss das Krankenhaus derzeit für Covid-19-Patienten frei halten, Ende vergangener Woche musste jedoch kein einziger darin behandelt werden.

Kranzer verweist auf "organisatorische Gründe" und darauf, dass jetzt Patienten anderer Stationen versorgt werden müssten, auf denen Betten wegen Corona in Reserve gehalten werden müssten. Zu finanziellen Aspekten äußert er sich nicht – zum Beispiel zur Frage, ob der Umsatz in einem neurologischem Bett vielleicht niedriger ist als die staatliche Erstattung. Dabei wäre das nicht von vornherein verwerflich, denn in anderen Fachbereichen könnte das durchaus anders herum sein. Und selbstredend muss ein Krankenhaus auch in Corona-Zeiten sehen, wo es finanziell bleibt.

Allerdings verbuchte das Gesamtunternehmen für 2018 laut Geschäftsbericht einen Gewinn von gut 146 Millionen Euro vor Zinsen und Steuern; das entspricht einer Marge von 5,4 Prozent. Für das Krankenhaus Rummelsberg macht Dominik Kranzer keine Angaben.

Die Allgemeinverfügung der Bayerischen Staatsregierung gilt noch bis zum 31. Juli. So lange wird sich laut Kliniksprecher Kranzer auch nichts ändern – es sei denn, die Regierung von Mittelfranken genehmigt einen dort vorliegenden Antrag der Rummelsberger Klinik, das Kontingent der frei zu haltenden Betten auf 15 Prozent abzusenken.

Und, selbstverständlich nimmt das Krankenhaus Rummelsberg Kranke in Notfällen auf, sofern Betten frei sind – egal, ob mit oder ohne Behinderung.

 

Eingespieltes Personal

 

Für Doris Wittig-Moßner ist das allerdings keine Alternative – einmal ganz abgesehen von der Frage, ob ihre Tochter denn überhaupt ein Notfall wäre. Denn sie vertraut dem eingespielten Personal auf der Station 13, das mit den speziellen Problemen ihrer Patienten nach ihrer Aussage besonders gut umzugehen weiß.

Ihre Tochter Lisa sagt beispielsweise nicht, wann sie zur Toilette muss. In Rummelsberg machte das bisher keine Schwierigkeiten, das Personal erkannte solche Situationen rechtzeitig. So etwas ist ihr besonders wichtig, denn: "Das hat doch auch etwas mit Menschenwürde zu tun".

DIETER SCHWAB

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