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"Stadtluft macht frei": Nazi-Wirbel um bayerische Ausstellung

Charlotte Knobloch fordert Umbenennung der Schau, die 2020 stattfindet - 27.03.2019 16:24 Uhr

Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, hält den Titel für unpassend.

27.03.2019 © Peter Kneffel/dpa


"Das ist ein ganz klarer Ausdruck, der jedem wehtut, der damit zu tun hatte", sagte Knobloch dem Bayerischen Rundfunk. Der Spruch "Arbeit macht frei" war unter anderen an Toren der Konzentrationslager Auschwitz und Dachau angebracht. Die Formulierung wurde bereits im Jahr 1845 von Heinrich Beta geprägt und später von den Nazis missbraucht.

Dass Charlotte Knobloch nun auch den Spruch "Stadtluft macht frei" in diesen Zusammenhang stellt, passt den Ausstellungsmachern überhaupt nicht. Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte, betonte, dass der Satz nichts mit dem von den Nazis missbrauchten "Arbeit macht frei" zu tun habe.


"Arbeit macht frei"-Tor kehrt nach Dachau zurück


Dies bestätigt Matthias Maser vom Lehrstuhl für Geschichte des Mittelalters der Universität Erlangen-Nürnberg. "Das mittelalterliche Recht kennt den Zustand der persönlichen Unfreiheit für große Teile der Gesellschaft", erklärt er. Sie durften nicht selbst entscheiden, wohin sie gehen. Auch einer Hochzeit musste der Grundherr zustimmen. "Sich dem zu widersetzen und zu entziehen, wäre den meisten zu dieser Zeit gar nicht eingefallen", erläutert Maser.

Trotzdem wagten es einige vor allem ab dem zwölften Jahrhundert und gingen in die Städte. Wenn sie nach einem Jahr und einem Tag nicht von ihren Grundherren zurückgefordert wurden, waren sie frei. Vor diesem Hintergrund formulierten im 19. Jahrhundert Gelehrte wie Ernst T. Gaupp den Rechtsgrundsatz "Stadtluft macht frei nach Jahr und Tag". "Als Mittelalter-Historiker habe ich nicht die Assoziation, dass der Spruch diskriminierend sein könnte – eher das Gegenteil", betont Maser.

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Kampf ums Überleben: Das Konzentrationslager in Flossenbürg

Zu den schlimmsten Zeiten waren im Konzentrationlager Flossenbürg im Landkreis Neustadt an der Waldnaab bis zu 100.000 Häftlinge untergebracht. Doch der SS-Stab nutzte die Inhaftierten um die Wirtschaft im dritten Reich anzukurbeln - im Granit-Steinbruch rund um den Burgberg schufteten sich etliche Häftlinge zu Tode.


Ob die Landesausstellung, die die Entwicklung Bayerns zum Städteland nachzeichnen soll, den geplanten Titel nun tragen kann, ist noch unklar. Bayerns Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU) hat Loibl und Knobloch zu einem klärenden Gespräch eingeladen.

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