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Stirbt der Dackel aus?

Erinnerung an einen Vierbeiner, der als "Waldi" 1972 zu Olympia-Ruhm kam - 15.01.2021 16:34 Uhr

Der bunte gestreifte Stoff-Dackel "Waldi" war 1972 das offizielle Maskottchen der Olympischen Sommerspiele in München.

05.01.2021 © Peter Kneffel, NN


„Einen halben Hund hoch und eineinhalb Hund lang“: So beschrieb mein Vater einst den Dackel. Und wenn „Pünktchen“ im Fernsehen mal wieder mit solch einem treuen Freund an der Leine durch noch immer ruinöse deutsche Städte lief, war das in mehrfacher Hinsicht ein Blick in vergangene Zeiten.

Der Dackel war ja vor allem ein Hund, der sich in Deutschland nach dem Krieg größter Beliebtheit erfreute; nicht so sehr als Jagdgefährte, sondern als eine Art Statussymbol für Menschen, die einen gewissen Lebensstandard erreicht hatten und das Tier wie einen haarigen Ausweis ihrer aus den Trümmern geretteten Kleinbürgerlichkeit mit sich führten.

Kosename „Zamperl“

In München, wo „Waldi“ vor genau 50 Jahren vorgestellt und zum regenbogengestreiften Maskottchen der Olympischen Spiele 1972 erhoben wurde, adelte man die Kurzbeinigen freilich schon immer und ließ sie aufgemotzt aussehen wie ein putzig gestyltes Loden-Knäuel, modisch passend zum Wetterfleck beim Flanieren durch die Maximilianstraße.

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Man nannte sie, die mit antrainierter Hochschnauzigkeit permanent als Dauerkläffer auffielen, hier trotzdem zärtlich „Zamperl“, konnte aber schließlich auch nicht verhindern, dass es mit ihnen und ihren kurzen Beinchen bergab ging. Wurden damals jährlich 28.000 Welpen geworfen, waren es Ende des Jahrhunderts nur noch 12.000; im Jahr 2011 ging die Zahl auf 6300 zurück und in Deutschland verkündete man schon das Aussterben der Rasse.

Gefragt sind Mops und Chihuahua

Dafür wurde der Dackel zur gleichen Zeit in Japan immer populärer: Hundehalter bevorzugen dort zwar ausgerechnet den Deutschen Schäferhund, nach dem folgt aber gleich der merklich tiefer gelegte Vierbeiner: 20.000 Welpen kamen 2007 auf die japanische Welt.

In seinem eigentlichen Heimatland hat sich gegen den Dachshund, den der Jäger auch gerne Teckel nennt, längst der grunzende und breitmäuligere Mops und neuerdings vor allem der kaum von Springmäusen zu unterscheidende Chihuahua durchgesetzt. Seltsam ist das schon: Während die Autos immer bulliger werden, schrumpfen die Tiere auf Handschuhfachformat.


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Mein Vater aber liebte und verehrte die Rasse noch. Nein, wir hatten keinen dieser „Wackel-Dackel“ in unserem Audi auf der Hutablage, wir hatten echte, lebendige – ich bin also mit diesen Tieren aufgewachsen.

Solange ich bei den Eltern wohnte, hatten wir zwei: einen Maxl und einen Donald, beides sündhaft teure Wesen von einem oberbayerischen Edel-Züchter. Stammbaum war Ehrensache, und immer, wenn meine Mutter vom Chiemsee zurückkam, hatte sie Tränen in den Augen, weil sie nicht alle aus dem Wurf, sondern nur einen mitnehmen konnte.

Schon bald ein Problemfall

Ich weiß nur noch, dass Dackel an sich keinen großen Nutzen hatten. Sie waren da und fielen nicht weiter auf; sie hatten ein nettes Gesicht, ansonsten aber gaben sie nicht viel her. Dass sie nach wenigen Jahren zum Problemfall wurden, schreckte meinen Vater nicht davon ab, sich immer wieder einen von der Sorte nach Hause zu holen, um ihn dann mehr über die Feld- und Waldwege zu zerren, als beschwingt neben oder hinter ihm zu laufen.

Dackel sind faul und störrisch – und sie neigen zu Krankheiten, die sie ihren Stummelextremitäten zu verdanken haben. Überzüchtet wie sie sind, deformiert sich rasch ihre Bandscheibe und es kommt zur Dackellähme. Unsere Tiere durften keine Treppen mehr steigen und wurden trotzdem – oder gerade wegen der Gebrechen – innig geliebt.

Ich selber konnte nie eine rechte Beziehung zu diesen Tieren aufbauen, anders als etwa Picasso („Lump“), Kaiser Wilhelm II. („Erdmann“), die Monroe, die Queen, Heinz Rühmann oder John Wayne. Und von Grinzing bin ich stets mit der 38er heimgefahren – und nicht mit dem Dackel gewackelt.

BERND NOACK

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