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Studie: Erweiterte Sperrzeiten reduzieren Gewalttaten nicht

Experte: Auswertungen müssen langfristig weiter beobachtet werden - 28.05.2018 12:00 Uhr

Tanzen bis zum Beginn der Sperrzeit: Nachtschwärmer können jederzeit im Getümmel aneinander geraten, unabhänig von der Sperrstunde. © Foto: colourbox.de


Als in Bamberg die angeblich positiven Auswirkungen der erweiterten Sperrzeit präsentiert wurden, wunderte sich Lukas Hohendorf von der Universität Bamberg. Sozialwissenschaftliche Standards, wie sie für eine belastbare Aussage eigentlich nötig sind, vermisste der heute 27-Jährige bei der damaligen Analyse. "Wir wollten uns das deshalb noch einmal richtig anschauen", sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter an der Professur für Empirische Politikwissenschaft. Und genau das taten Hohendorf und Falko Tesch, ein Kollege von der Technischen Universität Dresden.

Für ihre Längs- und Querschnittsstudie werteten die Forscher die polizeiliche Kriminalitätsstatistik aus, die ihnen das bayerische Innenministerium zur Verfügung gestellt hatte. Ziel war es zu überprüfen, wie sich die unterschiedlichen Sperrzeiten in 13 mittelgroßen Städten, darunter fränkische und Oberpfälzer, auf die Anzahl von Körperverletzungen auswirkten.

Stadträte können entscheiden

Seit dem Jahr 2005 können Stadträte im Freistaat selbst entscheiden, ob Lokalitäten - wie etwa in Bayreuth - lediglich die gesetzlich vorgeschriebene Sperrstunde von fünf bis sechs Uhr einhalten müssen, die sogenannte Putzstunde. Ober ob die Kommunalparlamente eine striktere, also längere Sperrzeit einführen, wie beispielsweise Regensburg im Jahr 2006, Erlangen (2007), Bamberg (2011) oder Fürth (2012). Dort wie in vier weiteren bayerischen Städten müssen Kneipen, Clubs oder Bars während der Woche deshalb bereits um 1 Uhr oder um 2 Uhr zusperren, am Wochenende um 3 oder um 4 Uhr.

"Gerade weil die Sperrzeit in Bayern zum Teil auf einer sehr emotionalen Ebene diskutiert wurde, wollten wir die Diskussion mit wissenschaftlichen Ergebnissen versachlichen und objektiv nachprüfbare Fakten liefern", sagt Hohendorf. Er und sein Kollege Tesch konzentrierten sich für ihre Studie auf den Zeitraum von 2002 bis 2013. Für diesen werteten sie die genaue Anzahl an Straftaten pro Stadt, pro Jahr und pro Delikt aus. Diese Daten wiederum verglichen die Wissenschaftler mit der Bevölkerungszahl, so dass sie Durchschnittswerte erhielten. So zeigte sich beispielsweise, dass es in Bamberg zwischen zwei und sechs Uhr nachts im Untersuchungszeitraum durchschnittlich 2,55 Körperverletzungen pro Tausend Einwohnern im Jahr gab. Der Durchschnittswert für alle 13 Städte lag hingegen bei 2,12 Körperverletzungen.

"Wir hatten eine quasi-experimentelle Situation, weil die Städte vergleichbar sind", sagt Hohendorf. Alle erfassten Kommunen unterliegen dem gleichen Landesgesetz, sie sind ähnlich groß. Andererseits unterscheiden sich die Sperrzeiten voneinander, so dass die jeweiligen Auswirkungen betrachtet werden konnten. Alle untersuchten Städten, denen die Putzstunde nicht ausreichte, beschränken ihre Sperrzeitregelung laut Hohendorf auf gewisse Innenstadtbereiche. Probleme in den fraglichen Vierteln oder Straßenzügen, etwa Ruhestörungen, Sachbeschädigungen oder Körperverletzungen, waren Anlass für die jeweilige Änderung.

Nach der Auswertung der Daten stellte sich heraus: Die erweiterte Sperrzeit reduziert Straftaten, wie beispielsweise Körperverletzungen, nicht. Und: Es gibt deshalb ein effektiveres Vorgehen gegen nächtliche Gewalt. So zeigen laut Hohendorf internationale Studien, dass strengere Kontrollen von Auflagen zum Ausschank an bereits stark alkoholisierte Gäste wirksam sind oder auch Schulungen für Angestellte in Bars oder Clubs, damit jene besser mit aggressiven Störenfrieden umgehen können.

Delikt-Zahlen schwanken

Die Daten selbst müsse man langfristig betrachten, rät Forscher Tesch. "Wir können nach der Auswertung nicht sagen: Seit die erweiterte Sperrzeit eingeführt wurde, gab es mehr oder weniger Straftaten in einer bestimmten Stadt." Schließlich gebe es Gründe, weshalb zu gewissen Zeiten die Delikt-Zahlen höher seien als zu anderen, etwa wenn bei großen Sportereignissen, wie der Fußball-Weltmeisterschaft, zahlreiche Menschen nachts unterwegs sind.

Allerdings, so Tesch, verrät die statistische Analyse durchaus eine langfristige Tendenz: "Wir konnten feststellen, dass die Sperrzeitverlängerung nur marginale Effekte auf die Anzahl der untersuchten Delikte hat." Aber: In Städten, die generell ein niedriges Gewaltpotenzial aufwiesen, bleibt dieses niedrig. "Gibt es in einer Stadt aber ohnehin schon etwas mehr Körperverletzungen pro Tausend Einwohner, wird dieser Trend durch die verlängerte Sperrzeit verschlimmert." Ein Grund, vermuten Tesch und Hohendorf, könnte sein, dass pünktlich zum Beginn der Sperrzeit alle Nachtschwärmer gleichzeitig die Lokale verließen und es dadurch zu Unruhe komme. 

Kirsten Waltert

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