Langer Prozess

Tierarzt klärt nach Rothenburg-Tragödie auf: So schnell verhungern Rinder

27.5.2021, 07:06 Uhr
Dieser bei einer Fleischrindbullen-Auktion abgelichtete Jungbulle ist natürlich in bestem Zustand. Immerhin einige Wochen können solche Tiere ohne Futter überleben, wenn sie vorher gut genährt waren.

Dieser bei einer Fleischrindbullen-Auktion abgelichtete Jungbulle ist natürlich in bestem Zustand. Immerhin einige Wochen können solche Tiere ohne Futter überleben, wenn sie vorher gut genährt waren. © Jens Büttner/dpa

Was bekommen Rinder üblicherweise zu fressen, damit sie möglichst gesund bleiben und sich gut entwickeln?

Tierarzt: Das ist natürlich je nach Region etwas unterschiedlich. Basis ist zunächst das Grundfutter, das in unserer Gegend meist aus Mais- und Gras-Silage besteht. Dazu kommt dann noch das energiereiche Kraftfutter, bei uns meist Getreideschrot. Auch Proteine in Form von Raps, Wicken oder, vor allem in anderen Regionen, auch Soja bekommen die Rinder. Dazu noch Mineralmischungen, die zum Beispiel Calcium, Magnesium, Phosphor und Selen enthalten. Im Schnitt kommen da 14 Kilo Trockensubstanz am Tag zusammen.

Gras oder Heu genügen zum Überleben

Wir reden hier ja von Masttieren, die möglichst schnell wachsen sollen. Was bräuchten diese Tiere wirklich zum reinen Überleben?

Tierarzt: Wasser brauchen sie natürlich ständig, da ist man schnell bei 40 bis 50 Liter am Tag. Zum Fressen würden Gras und gutes Heu genügen, so würden die Tiere ja auch draußen in der Natur überleben. Nur gemästet können sie so natürlich nicht werden.

Was passiert, wenn Rinder zwar noch Wasser, aber gar nichts mehr zu fressen bekommen?

Tierarzt: Wenn nichts mehr nachkommt, braucht das Rind alles auf, was sich noch im Pansen, dem ersten der vier Mägen, befindet. Das reicht für ein bis zwei Wochen. Danach wird das körpereigene Fett abgebaut, schließlich kommen die Eiweiße. Dann ist Schluss. Das dauert insgesamt aber schon bestimmt vier Wochen, natürlich je nach vorherigem Zustand des Tieres.


Tote Rinder von Rothenburg werden zu Tierfutter verarbeitet


Und ohne Wasser?

Tierarzt: Da geht es natürlich viel schneller. Nach drei bis vier Tagen sind die Rinder in einem extrem schlechten Zustand, spätestens nach fünf bis sieben Tagen sind sie tot.

Nicht gleich Kraftfutter für ausgehungerte Tiere

Wenn das Tier noch zu retten ist: Wie päppelt man so ein ausgehungertes Rind am besten wieder auf?

Tierarzt: Der Pansen ist ja wie eine kleine Fabrik, in der Bakterien Raufasern aufspalten. Er hat eine ganz eigene Flora, die aber erst mal zerstört ist, wenn das Tiere lange kein Futter bekommen hat. Die Bakterien müssen sich erst langsam wieder aufbauen. Deshalb kann man nicht gleich Kraftfutter geben, obwohl das natürlich am meisten Energie hätte. Zunächst einmal sollte man deshalb gutes Heu geben. Danach kann man auf Silage umsteigen und zum Schluss eben zusätzlich Kraftfutter geben.

Was ist außer dem Futter noch wichtig, damit sich die Tiere erholen?

Tierarzt: Man sollte sie gut aufstellen, mit gutem Zugang zum Futter. Und in kleinen Gruppen, damit es zu keinen Kämpfen kommt. Wenn Tiere total abgemagert sind und die Blutwerte schlecht, macht das alles in der modernen Tierhaltung aber oft keinen Sinn mehr. Ein Stall ist eben kein Altersheim. Diese Tiere sind vorrangig zur Ernährung der Menschen da, so ehrlich muss man sein.

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