Donnerstag, 03.12.2020

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2800 Jahre altes Hügelgrab wurde in Graben freigelegt

Wir haben zwei Archäologen bei ihrer Arbeit begleitet - 03.11.2020 06:00 Uhr

Elias Welk und Anke Wunderlich arbeiteten etwa zehn Tage Seite an Seite in einem Erdloch und trugen den urgeschichtlichen Fund Schicht für Schicht ab.

02.11.2020 © Foto: Lidia Piechulek


Ein paar weiße, unförmige Kalksteine, ein beachtlicher Haufen Tonscherben und ein paar verkohlte Flecken auf der Erde: Augenscheinlich sieht der archäologische Fund am Rand eines Rettichfelds unweit des VfL-Sportplatzes eher unscheinbar aus. Anfang Oktober hatte eine Baufirma unterhalb der Straße von Graben nach Bubenheim den Oberboden abgetragen, um das Fundament für den künftigen Radweg zu schaffen – und dabei eine besondere Entdeckung gemacht.


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Dr. Markus Arnold von der Weißenburger Grabungsfirma ADA überwachte damals die Bauarbeiten, weil die Äcker nebenan bereits als Fundstätte von Hügelgräbern bekannt sind. An einer Stelle, etwa 100 Meter vom Sportplatz entfernt, legte der Bagger in 40 Zentimetern Tiefe einen mutmaßlich urgeschichtlichen Fund frei. Arnold entsandte daraufhin für zehn Tage ein zweiköpfiges Team, das die Ausgrabungen am Straßenrand durchführte. An die Öffentlichkeit durfte das erst jetzt dringen, denn nur allzu oft locken solche Fundstellen Hobby-Schatzsucher an, die die für Laien oft kaum erkennbaren Spuren im Boden unwiederbringlich zerstören.

Archäologin aus Leidenschaft

Anke Wunderlich ist seit 15 Jahren als hauptberufliche Archäologin in ganz Deutschland tätig. Für ADA reist die Dresdnerin regelmäßig zu Fundstätten in Bayern, um dort Ausgrabungen vorzunehmen und wörtlich "im Dreck zu knien". Zu ihrem Beruf hat sie ein ausgeprägtes Interesse für die Geschichte gebracht, erzählt sie. Das mutmaßliche Hügelgrab ist für sie gewissermaßen ein Spezialgebiet: Die Archäologin ist schon jahrelang im Nördlinger Ries unterwegs, wo Funde aus der Urgeschichte recht häufig zu Tage treten.

Über die Jahrtausende plattgedrückt: Diese Tonscherben waren wohl einst ein Gefäß für Grabbeigaben.

02.11.2020 © Foto: Anke Wunderlich/ADA


Die Urgeschichte spielte sich noch vor den Römern ab – und hat es Wunderlich schon seit ihrer Jugend besonders angetan: "Bei den Entdeckungen dieser Zeit gibt es keine schriftlichen Zeugnisse. Die Menschen waren kaum vorgeprägt von irgendwelchen Ideologien oder Meinungen", erzählt sie. Dass sie sich bei ihren Ausgrabungen in einer Epoche bewegt, über deren Details es sich letztlich immer nur mutmaßen lässt, macht für Wunderlich den besonderen Reiz aus.

Ein Grab aus der Hallstattzeit

Nach ihrer Einschätzung stammt das Hügelgrab bei Graben wie viele andere dort aus der sogenannten Hallstattzeit. Die Epoche ist nach Funden in einem Gräberfeld oberhalb des österreichischen Ortes Hallstatt benannt, wobei der Begriff heute allgemein die ältere, vorrömische Eisenzeit in weiten Teilen Europas ab etwa 800 vor Christus meint.

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Demnach wären die Überreste des Hügelgrabs heute bis zu 2800 Jahre alt. Die unmittelbare Nähe zu anderen Fundorten ist für die Archäologin ein Indiz, um das Grab in die richtige Epoche einzuordnen. Rekonstruieren lässt sich aus ihrer Sicht, dass vor 2500 bis 2800 Jahren dort eine Leiche verbrannt und die Überreste beerdigt wurden. Die Kalksteine könnten eine Art Ablage gewesen sein, das einstige Tongefäß könnte darauf gestanden haben und wiederum eine Beigabe aus Speis oder Trank für den Toten enthalten haben.

Scherben und Knochenreste

Ein Beleg für Wunderlichs Einschätzung sind die Knochensplitter und angekohlten Überreste von Knochen, die sich am Hügelgrab befanden. Wie die Expertin weiß, wurden die Toten in der Hallstattzeit oft verbrannt. Zudem lasse die Form des Tongefäßes, von dem heute nur ein Haufen plattgedrückter Scherben übriggeblieben ist, Rückschlüsse auf die Epoche zu.

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Eine Tonscherbe historisch richtig einzuordnen, das lernt auch Wunderlichs Begleiter aktuell: Elias Welk stammt aus Treuchtlingen und studiert derzeit in Bamberg Archäologie. Da seit Beginn der Corona-Pandemie kein Präsenzunterricht mehr stattfindet, ist Welk wieder in seine Heimat gezogen und arbeitet seither immer wieder für ADA.

Die nächsten Schritte

Zentimeter für Zentimeter trägt er nun mit einer Kelle die Erdschichten ab, um die Scherben möglichst schadlos freizulegen. Derweil hält Wunderlich mit einer Kamera den Fortschritt fest, das Geborgene wird nach und nach in Plastiktüten verpackt.


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In den nächsten Wochen werden die Knochenteile an einen Anthropologen und die Tonscherben an einen Restaurator weitergereicht, die dann genauere Aussagen über die Funde treffen können. Wenn die wissenschaftliche Forschung abgeschlossen ist, übergibt sie das Landesamt für Denkmalpflege dann möglicherweise an ein Museum in der Gegend.

Zehn bis 15 Mal im Jahr ist Anke Wunderlich mit solcher "Feldarbeit" beschäftigt. Im Winter dokumentiert sie diese von Dresden aus im Homeoffice. Das Hügelgrab bei Graben könnte aufgrund der Jahreszeit ihr letztes Projekt in diesem Jahr gewesen sein. Sicher sagen lässt sich das allerdings noch nicht, denn am 12. November beginnt der zweite Abschnitt des Radwegebaus. . .

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