Mittwoch, 23.10.2019

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Abschiebung aus Treuchtlingen: "Dankbar für vier Jahre"

Die Familie Allahverdiyeva aus Aserbaidschan hat alle Gründe, aber kein Recht zu bleiben - 25.09.2019 06:04 Uhr

Bald könnte es für die Familie Allahverdiyeva zurück nach Aserbaidschan gehen. Für die Kinder Toghrul (Mitte) und Tomriz (rechts) gibt es dort keine Perspektive. © Patrick Shaw


Vier Jahre ist es her, seit Khalida und Eldaniz Allahverdiyeva aus Baku in Aserbaidschan nach Treuchtlingen gekommen sind. Über den Grund haben sie niemanden im Unklaren gelassen: Es ging nicht um Krieg oder politische Verfolgung und auch nur ganz am Rande vielleicht um die Chance auf etwas mehr Wohlstand. Nein, es waren die beiden Kinder, wegen derer die 42-jährige Grundschullehrerin und der 47-jährige Busfahrer und Automechaniker ihre Heimat verlassen haben.

Die Zwillinge Toghrul und Tomriz waren damals acht Jahre alt. Beide sind durch eine Fehldiagnose bei der Geburt von klein an behindert und können nicht richtig laufen, Toghrul ist auch geistig entwicklungsverzögert. "In Aserbaidschan hat jeder Arzt etwas anderes gesagt", erinnert sich Mutter Khalida in heute fast perfektem Deutsch. "Wir mussten alle Behandlungen und Medikamente selbst bezahlen, eine Krankenversicherung gibt es nicht." Und auch weder Kindergärten noch Schulen, die behinderte Kinder aufnehmen. Bildung, ein Beruf und ein selbstbestimmtes Leben? Unmöglich.

In Deutschland sah das anders aus: "Die beiden haben hier große Fortschritte gemacht, Toghrul geht jetzt mit dem Rollator und kann sogar 30 Sekunden lang frei stehen", freut sich Khalida Allahverdiyeva. "Das ist für uns ein großer Schritt. Und er kämpft weiter."

Während der Junge die Schule der Lebenshilfe in Weißenburg besucht, kann die mittlerweile zwölfjährige Zwillingsschwester Tomriz inzwischen sogar ganz ohne Hilfsmittel laufen. Gerade hat sie an die Senefelder-Schule gewechselt, und auch ihr ehemaliger Grundschulrektor Herbert Brumm hält große Stücke auf das Mädchen: "Tomriz ist unheimlich sozial. Das wird mal eine tolle Krankenschwester oder Pflegerin – genau was wir hier brauchen."

Hier geboren, im Land der Eltern fremd

Und dann ist da noch die dreijährige Deniz, die 2016 in Deutschland geboren wurde. Sie hat Aserbaidschan noch nie gesehen, ist hier sozialisiert, geht in den Kindergarten und hat hier ihre Freunde.

Das und die drohende Abschiebung wären zwar nicht besser, aber vor allem für die Kinder deutlich leichter, wenn es nicht knapp vier Jahre gedauert hätte, bis die Behörden über den "Fall Allahverdiyeva" entschieden hatten. Denn ein Recht auf Asyl hat die Familie nicht – auch nicht auf Grundlage einer möglichen Kindeswohlgefährdung. Das hat der bayerische Verwaltungsgerichtshof Anfang Juli entschieden, nachdem die Allahverdiyevas Einspruch gegen den Abschiebungsbescheid und das erstinstanzliche Urteil des Verwaltungsgerichts Ansbach von Februar dieses Jahres eingelegt hatte.

Und so gern die Eltern auch hier arbeiten und auf dieser Basis in Deutschland bleiben würden – das Aufenthaltsrecht ist hier eindeutig: "Abgelehnte Asylbewerber können grundsätzlich nicht unmittelbar, das heißt ohne vorherige Ausreise, vom Asylverfahren in einen Beschäftigungsaufenthalt wechseln", schreibt das Weißenburger Landratsamt auf Anfrage des Treuchtlinger Kuriers.

"Eine Rückkehr nach Deutschland zur Arbeitsaufnahme kann nur mit einem Visum erfolgen, das die deutsche Auslandsvertretung im Heimatland gegebenenfalls ausstellt." Zudem wären dafür eine hier anerkannte Berufsausbildung oder eine entsprechende Lehrstelle nötig. Und genau die dürfen Khalida und Eldaniz Allahverdiyeva mangels Arbeitserlaubnis nicht antreten.

Hoffen auf die Petition

Auch die gesetzliche Härtefallregelung für gut integrierte Jugendliche und Heranwachsende greift in diesem Fall nicht, da die Kinder dafür mindestens 14 Jahre alt sein müssten. Lediglich die Anrufung der Härtefallkommission könnte der Familie noch bleiben – immerhin sprechen inoffizielle Quellen über die wirtschaftliche Lage und die Situation von (behinderten) Kindern in Aserbaidschan eine ganz andere Sprache als die Zahlen der Regierung.

Und auch Sabine Jobst kämpft für die Allahverdiyevas. Die Lehrerin von Sohn Toghrul hat im Sommer eine Petition an den bayerischen Landtag gerichtet. Bis über sie entschieden ist, darf die Familie noch nicht abgeschoben werden. Trotzdem haben die Eltern bereits die Aufforderung erhalten, ihre Papiere vorzubereiten und ihre Versichertenkarten abzugeben. Auch die Sozialleistungen wurden reduziert. "Ich empfinde das als Repressalien, wo die Abschiebung doch noch offen ist", sagt Jobst.

Dennoch ist Khalida Allahverdiyeva "sehr dankbar für diese vier Jahre in Deutschland" und will "ohne Ärger gehen, wenn wir es müssen". Dass ihre Familie wieder ihr altes Leben in Aserbaidschan aufnimmt, kommt für sie aber nicht in Frage. "Wegen der Kinder", sagt sie. Dann werde sie es mit der Auswanderung eben in ein, zwei Jahren erneut versuchen. Vielleicht gibt es bis dahin ja ein Migrationsgesetz in Deutschland, das auch Menschen wie den Allahverdiyevas gerecht wird...

Nachtrag [ergänzt am 25.09.2019, 19.22 Uhr]:

Bürgermeister will helfen

In das Ringen um eine Aufenthaltserlaubnis für die Familie Allahverdiyeva hat sich auch Treuchtlingens Bürgermeister Werner Baum eingeschaltet. In einem bereits am Montag (23. September) versandten Brief an die beiden Landtagsabgeordneten Manuel Westphal (CSU) und Wolfgang Hauber (FW) sowie Bezirkstagsvizepräsidentin Christa Naaß (SPD) bittet Baum um Untersützung für die Petition, der Familie eine Bleibeperspektive über die aktuelle Duldung hinaus zu eröffnen.

"Die Zwillinge würden die nötige medizinische Versorgung in ihrem Heimatland nicht bekommen", begründet Baum seinen Einsatz. Überdies seien behinderte Kinder in Aserbaidschan vom Schulsystem ausgeschlossen. "Frau Khalida Allahverdiyeva spricht sehr gut Deutsch und hat sich in Treuchtlingen gut integriert. Außerdem unterstützt sie andere Flüchtlingsfamilien als Übersetzerin bei ihren Behördengängen", so der Rathauschef.

Neben der laufenden Petition versuche die Familie Allahverdiyeva nun noch ihr Glück bei der Härtefallkommission des bayerischen Innenministeriums. "Hierbei möchte ich sie gern unterstützen", schreibt Baum. Er bitte die drei Adressaten deshalb, "sich für die Familie einzusetzen und auf die zuständigen Stellen und Entscheidungsträger einzuwirken".

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