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Alfmeier holt Tochter KITE von Nürnberg nach Treuchtlingen

Der Bauteilhersteller zieht mit knapp 90 Arbeitsplätzen vom Südwestpark an die Konzernzentrale - 13.02.2020 06:04 Uhr

Am Treuchtlinger Stammsitz des Alfmeier-Konzerns sollen ab Herbst auch die 88 Angestellten der Tochterfirma KITE Electronics arbeiten.

© Patrick Shaw


Die wirtschaftliche Situation in der Automobil-Zulieferindustrie sei "wahnsinnig schwierig geworden", so Beetz zu den Gründen für den Umzug. Angesichts von Dieselskandal, Klimawandel und Elektromobilität herrsche "große Verunsicherung", die sich diese Woche beispielsweise im Gewinneinbruch bei Daimler gezeigt habe – einem der Kunden von Alfmeier. "Wir sind da nur ein relativ kleiner Zulieferer und versuchen, das Schiff gut durch den Sturm zu steuern", bekennt Beetz, der sich von der Automobilindustrie "ein bisschen mehr Weitblick und Mut und weniger Belächeln von Newcomern" gewünscht hätte.

Das Alfmeier-Betriebsgelände am östlichen Stadtrand Treuchtlingens (Bildmitte). Hier sollen neben den aktuell rund 350 Mitarbeitern künftig auch die 88 Kollegen der Tochter KITE Electronics arbeiten. Erweitert wird der Standort dafür nicht, aber „verdichtet“.

© Rudi Beringer, Limes-Luftbild


Alfmeier begegnet der Krise mit der "Bündelung hoch automatisierter Fertigungslinien am Stammsitz in Treuchtlingen". Nach der Ankündigung im April 2019, das Hightech-Werk in Gunzenhausen mit rund 100 Mitarbeitern nach nur fünf Jahren Betrieb bis 2023 zu schließen, ist nun die seit 2008 in Katzwang und seit 2012 im Nürnberger Südwestpark ansässige Tochtergesellschaft KITE Electronics an der Reihe. Bei ihr soll es noch schneller gehen: Bis Ende März hofft Beetz auf einen erfolgreichen Abschluss der Gespräche mit Betriebsrat und Gewerkschaft, bis zum Herbst soll die KITE-Produktion bereits ins Treuchtlinger Werk integriert sein.

Alfmeiers Elektronik-Tochter stellt Baugruppen für Sitzkomfortsysteme her. Sie gehen fast ausschließlich konzernintern nach Mexiko sowie bis 2023 noch ans Werk in Gunzenhausen. Mit der Verlagerung vom angemieteten Standort in Nürnberg an den Stammsitz nach Treuchtlingen möchte Alfmeier laut Europachef Beetz "Wege und Transportkosten reduzieren" sowie "mit der damit einhergehenden Auslastung auch die Wirtschaftlichkeit des Hauptsitzes verbessern". Dieser werde zu diesem Zweck nicht erweitert, aber verdichtet. "Das wird eng, aber genau das sind die Effizienzen, die wir suchen", so Beetz. In der aktuellen Lage sei es schlicht "nicht möglich, die Komplexität mit vier Standorten in Europa aufrecht zu erhalten".

"Keine harten Fronten"

Die 88 Arbeitsplätze bei KITE will Alfmeier nach Möglichkeit vollständig erhalten – "wohl wissend, dass manche Mitarbeiter die rund 70 Kilometer Entfernung, besonders im Schichtdienst, nicht bewältigen können", wie Pressesprecher Jörg Kleinöder einräumt. Dies treffe leider in erster Linie geringer qualifizierte Arbeitnehmer. "Für die Betroffenen ist das bitter und wir versuchen, es abzufedern. Es geht um Menschen, und jeder verlorene Arbeitsplatz tut weh", ergänzt Klaus Beetz. Alfmeier ziele "nicht auf Gewinnmaximierung, sondern auf eine nachhaltige, Arbeitsplätze sichernde Wirtschaftlichkeit des Unternehmens".

Über die Konditionen für Übernahme oder Sozialplan steht der Konzern derzeit laut Kleinöder "im guten Gespräch mit Gewerkschaft und Betriebsrat". Bislang gebe es "keine harten Fronten". Auch Unterstützungsangebote wie etwa ein Bus-Pendelverkehr zum Treuchtlinger Bahnhof seien denkbar, die Stadt habe zudem bereits Hilfe bei der Wohnraumsuche zugesagt. Generell sei die öffentliche Nahverkehrsanbindung der Altmühlstadt aber gerade für Pendler im Schichtdienst erheblich verbesserungsfähig, kritisiert Klaus Beetz in diesem Zusammenhang.

Wachstum nur im Ausland

Einerseits betont Alfmeier, bei der Neuordnung des Konzerns "trotz immensen Handlungsdrucks (...) der Region treu zu bleiben und dem Treuchtlinger Stammsitz Zukunftsaussichten zu geben", wie es in einer Pressemitteilung heißt. Dies sei auch der regionalen Verbundenheit der beiden Gesellschafter Markus und Andreas Gebhardt geschuldet. Andererseits trifft die Umstrukturierung bisher nur die europäischen Standorte. Wie passt das zusammen? "In Europa haben wir in der Autobranche kaum noch Wachstum, in Nordamerika und China dagegen schon", erklärt Klaus Beetz. "Uns geht es gut, aber wir sind nicht glücklich in Europa."

Alfmeier-Europapräsident Dr. Klaus Beetz.

© Patrick Shaw, TK-Archiv


Schon 2014 hatte Alfmeier erstmals die Verschmelzung von KITE Electronics mit der Muttergesellschaft geprüft, für das Nürnberger Werk aber eine Bestandsgarantie bis 2017 gegeben. Damals ging es allerdings noch um den Umzug der Produktentwicklung nach Gunzenhausen – von wo Arbeitsplätze und Anlagen nun bald nach Mexiko und Tschechien verlagert werden. Wegen der frühzeitigen Ankündigung habe Alfmeier allerdings bislang keinem der Gunzenhausener Mitarbeiter kündigen müssen, betont Beetz. Für sie werde möglicherweise nun auch bei KITE in Treuchtlingen die ein oder andere Stelle frei.

IG-BCE-Gewerkschaftssekretär Christian Vossenkaul schließt sich der Erklärung des Unternehmens im Wesentlichen an. Die Gewerkschaft sei "vollkommen in die Gespräche eingebunden und versucht, das Bestmögliche für die Mitarbeiter herauszuholen". Die Verlagerung sei für die Nürnberger KITE-Belegschaft "nicht schön", aktuell sei der Arbeitgeber aber "vorbildlich kooperativ". Nun gehe es um Angebote zum Interessenausgleich wie Abfindungen oder Unterstützung beim Umzug. "Die Gewerkschaft ist nicht unser Feind, sondern unser Partner", betont diesbezüglich auch Klaus Beetz.

"Kraftakt" wegen Corona

Sorgen bereitet Alfmeier neben der Krise in der Automobilindustrie aktuell übrigens auch die Corona-Epidemie in China. Zwar ist kein Mitarbeiter an dem Virus erkrankt, in den beiden Werken in Shanghai, in denen der Konzern rund 500 Angestellte beschäftigt, standen aber gut eine Woche lang die Maschinen still. "Die wirtschaftlichen Folgen werden wir spüren", prognostiziert Beetz. „Die Lieferketten sind nicht so einfach auffüllbar. Als Richtwert kann man sagen, dass wir etwa eine Woche brauchen, um einen Tag Produktionsausfall aufzuholen. Normalität erwarte ich erst wieder ab April." Beetz spricht aus Erfahrung: Er selbst war vor 17 Jahren beim Ausbruch der SARS-Pandemie in Hongkong dabei. Vor allem der Logistik stehe beim Abarbeiten der Corona-Folgen noch „ein großer Kraftakt“ bevor.

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