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Alltag vor 100 Jahren: Das Spinnen gehörte dazu

Susanne Hüttinger machte mit ihrem Spinnrad die Treuchtlinger Karlsgrabenausstellung zum Treffpunkt - 17.03.2021 12:18 Uhr

Susanne Hüttinger an ihrem 80 Jahre alten Spinnrad. Viele Jahre lang war es Teil der Karlsgrabenausstellung, die nun im Treuchtlinger Museum auf den Neustart wartet.

16.03.2021 © Lidia Piechulek


Ein leises Klopfen erfüllt die Scheune. Susanne Hüttinger teilt präzise die struppige Wolle, damit sie sich richtig aufspinnen lässt. Wenn sie an ihrem etwa 80 Jahre alten, für die Region typischen Spinnrad sitzt, scheint sie ganz in ihrem Element zu sein. "Mein Spinnrad ist in der Gruppe das Einzige, das noch klopft", sagt sie mit gewissem Stolz – und einer Sehnsucht in der Stimme, die deutlich macht, wie sehr sie das bisher so natürlich wiederkehrende Treffen in ihrer Scheune vermisst.


Kein Museum mehr: Am Karlsgraben endet eine Ära


Vor dem Lockdown und vor Corona war es allwöchentlich ein fester Teil der Karlsgrabenausstellung, dass Hüttinger und eine Handvoll Freundinnen im Stadl zusammenkamen, um einige Stunden gemeinsam zu spinnen. Da kam es auch häufiger vor, dass die Besucher über dem Anblick der Frauen und ihrer Tätigkeit die anderen Ausstellungsstücke komplett vergaßen. Denn das heute nicht mehr allzu übliche Handwerk faszinierte die Touristen und machte ein Stück Geschichte erlebbar – wenn auch aus einer anderen Epoche als dem zehnten Jahrhundert, dem die mittlerweile ins Treuchtlinger Museum umgezogene Ausstellung eigentlich gewidmet war und ist.

Textilien waren wertvoll

Bis etwa 1850 hatten Textilien in der Gesellschaft noch einen anderen Stellenwert. Sie zählten teils zu den wertvollsten Objekten im Hausstand. Denn jedes Bettlaken, jeder Topflappen und jede Unterhose wurde selbst gefertigt und kostete viele Stunden Spinn-, Web-, Strick- und Näharbeit. Löste sich der Stoff langsam auf, wurde unzählige Male geflickt.

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100 Jahre Karlsgrabenforschung auf den Kopf gestellt

Es ist eine kleine wissenschaftliche Sensation: Die Arbeiten am Karlsgraben, dem weltbekannten Kanalprojekt Karls des Großen zur Verbindung von Rhein und Donau, haben gut ein halbes Jahr früher begonnen als bisher gedacht. Dies wirft ein völlig neues Licht auf den historischen Kontext dieser über 1200 Jahre alten, unvollendeten Großbaustelle des frühen Mittelalters.


In der Langsamkeit dieses Handwerks hat Susanne Hüttinger für sich den besonderen Reiz entdeckt. Wenn sie aus der Wolle der Schafe aus dem Nachbardorf für ihre Enkel eine Decke strickt, ist das eine ganz besondere Geste und ein wertvolles Geschenk – gerade auch, weil industriell hergestellte Textilien heute für wenige Euro in Plastik verschweißt in jedem Discounter zu haben sind.


Heritage Center: Karlsgraben soll wieder glänzen


Die Grabenerin entscheidet sich bewusst an vielen Sonntagen gegen diesen Trend und zelebriert stattdessen in den ehemaligem Räumen der Karlsgrabenausstellung mit ihren Freundinnen die Renaissance des Spinnereihandwerks. Sobald es die Pandemie zulässt, wollen sie die Treffen fortsetzen.

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Eröffnung der Sonderausstellung "Großbaustelle 793"

Das Kanalprojekt Karls des Großen zwischen Rhein und Donau.


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