Samstag, 29.02.2020

|

zum Thema

An Treuchtlingens jüdisches Leben erinnert

Der Arbeitskreis 9. November gedachte dem Mäzen Elkan Naumburg - 22.11.2019 12:18 Uhr

Mit Lesungen und Klezmer-Musik nahm der Treuchtlinger "Arbeitskreis 9. November" das Publikum mit auf eine Zeitreise in die jüdisch geprägte Vergangenheit der Altmühlstadt. © Wilfried Hartl


Unweit der heutigen Cafeteria wurde 1902 die "Kleinkinderbewahranstalt" eröffnet, Treuchtlingens erster Kindergarten. Er war größer als das Krankenhaus, der Weg bis zum Bau aber erheblich steiniger. Den Grundstock steuerte der nach New York ausgewanderte jüdische Fabrikant und Bankier Elkan Naumburg bei.

Auf eine Reise zurück in diese Zeit nahmen die Besucher Lesungen, die sich mit Musik der Gunzenhausener Gruppe "Jokkel" abwechselten. Anhand alter Aufzeichnungen verdeutlichte Wilfried Hartl, welche Rolle Juden im Gemeindeleben bis 1933 spielten. Viele seien angesehene Bürger und sogar im Stadtrat gewesen. Ab 1934 begann dann die Verfolgung, die im November 1938 in brennenden Synagogen und Hunderten Morden mündete. Es sei "ein elendes Verhalten bis dahin unbescholtener Bürger" gewesen, so Hartl.

Pfarrerin Jana Menke befasste sich mit der einstigen Rolle und der heutigen Sicht der Kirche auf den Nationalsozialismus. Dem Führerprinzip hätten damals weite Kreise des Protestantismus zugestimmt, Widerstand habe es nur vereinzelt gegeben. Auch Treuchtlingens Christen hätten sich NS-Wahn und Antisemitismus – der schon seit Luther latent vorhanden war – nicht entziehen können.

Der Spender und eine Spende

Elkan Naumburg würdigte Willi Ruppert mit einer Biografie, mehr erfuhren die Besucher anhand von Tafeln und einer Präsentation. Für den Lions Club Altmühltal überreichte Herbert Brumm eine Spende an den Arbeitskreis 9. November.

Auf Initiative der Stadt Treuchtlingen wurde das seit mehreren Jahren vergriffene Buch „Jüdisches Leben in Treuchtlingen“ des verstorbenen Verlegers Walter E. Keller nachgedruckt. Es erzählt auf 182 Seiten vom einst blühenden jüdischen Leben der Altmühlstadt und dessen Auslöschung durch die Nationalsozialisten. Es ist ab sofort für 14,80 Euro in der Buchhandlung Korn und der Touristinformation erhältlich. © Sabrina Baumgärtl


Neuigkeiten hatte Bürgermeister Werner Baum dabei. Die Stadt habe das Buch "Jüdisches Leben in Treuchtlingen" des verstorbenen Verlegers Walter E. Keller neu aufgelegt. Seine Witwe Christel Keller ist Mitgründerin des Arbeitskreises und habe der Kommune die Rechte übertragen. Das 2008 erschienene Werk diente als Basis für die Veranstaltung.

Für Schmunzeln unter den mehr als 50 Besuchern sorgte zu guter Letzt der pointierte Bericht des Treuchtlinger Kuriers von der Eröffnung der Kinderbewahranstalt am 11. Januar 1902. Wegen einer kurzfristigen Vorverlegung kamen damals viele Gäste zu spät zum Festakt – und nicht hinein: "Um der Feier ihren ungestörten Verlauf geben zu können, hatte man die Eingangstüren der Anstalt geschlossen", so der TK.

In seiner damaligen Festrede würdigte Stadtsekretär Jungkunst zum einen die mühselige Finanzierung des Kindergartens, legte den Schwerpunkt aber merklich auf seine Sorge um die "rohe und verwahrloste Jugend" Treuchtlingens. Elkan Naumburg, der nach der Eröffnung weitere Summen für Unterhalt und Kreditdienst spendete, hätte diese Sorge vermutlich geteilt...

WILFRIED HARTL E-Mail

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Treuchtlingen