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Auernheimer Mauer war marode und „bewaffnet“

Die Sanierung der Kirchhofmauer brachte ein rätselhaftes Relikt zu Tage - 30.10.2017 06:11 Uhr

Rings um die Hofmauer der alten Auernheimer Wehrkirche wurde in den vergangenen Wochen kräftig gebuddelt. © Viola Bernlocher


Eigentlich hielt nur noch der Efeu die Hofmauer der Auernheimer Wehrkirche während der vergangenen 150 Jahre zusammen. Das berichtet Ortspfarrer Rüdiger Schild. Immer wieder hätten sich in der Vergangenheit von der Krone Steinbrocken gelöst – keine kleinen – und seien auf beiden Seiten der Mauer heruntergefallen. Unterhalb der Kirche hat Christa Grillmeier ihren Gemüsegarten. Etwas angebaut hat sie dort zuletzt aber lieber nicht mehr. Zu groß war die Sorge, bei der Gartenarbeit vom Stein getroffen zu werden.

Wie alt die Bruchsteinmauer genau ist, kann Pfarrer Schild nicht sagen. Die Auernheimer Wehrkirche wurde bereits im Jahr 1075 erstmals urkundlich erwähnt. Ganz so alt dürfte die Mauer zwar nicht sein, ihre 400 Jahre werde sie aber auf dem Buckel haben, mutmaßt der Geistliche. Da sie auf ihrer gesamten Länge von 30 Metern überwuchert und einsturzgefährdet war, beschloss Schild zu handeln.

Gemeinsam mit Ehrenamtlichen ging es zunächst dem Efeu an die Ranken. Er war in den zurückliegenden Jahrzehnten, ja Jahrhunderten in die Mauerritzen gekrochen und hatte so manchen Stein gelockert. Der Stock der Pflanze war dick wie der Oberschenkel eines gut gebauten Mannes, berichtet Schild. „Dazu gehört schon was.“ Den historischen Torturm, eines der Wahrzeichen Auernheims, hatte der Efeu ebenfalls umschlungen – auch er wurde nun wieder befreit.

Dann konnte sich die Firma Schmidt und Sohn aus Markt Berolzheim ans (Mauer-)Werk machen. Die Spezialis­ten, die auch schon Teile der Weißenburger Wülzburg saniert haben, rückten mit dem Minibagger an und legten die Steine frei. Dann reinigten sie das Mauerwerk, indem sie das obere Drittel abtrugen, die Quader einzeln säuberten, wieder aufmauerten und mit Spritzbeton neu verfugten.

Rund 75.000 Euro kosteten die Bauarbeiten. Die Hälfte davon übernimmt die Stadt Treuchtlingen. „Alle Rechnungen habe ich aber noch nicht“, sagt Pfarrer Schild.

Wer auf historischem Grund gräbt – und dazu gehört Auernheim mit seiner langen, verwundenen Geschichte definitiv –, stößt auch auf so manche Kuriosität aus früheren Zeiten. Bei den Erdbewegungen an der Wehrkirche fanden die Bauarbeiter nahe der Mauer allerdings ein besonderes Relikt: einen alten Revolver.

Bei den Mauerarbeiten kam auch ein alter, verrosteter Revolver zum Vorschein. © Viola Bernlocher


Der Holzgriff des kleinen Schusseisens ist längst verrottet, das Metall völlig oxidiert, aber Form, Trommel, Abzug und Lauf der Waffe sind klar erkennbar. Auch einige Patronenhülsen lagen daneben, als Mitarbeiter unserer Zeitung wegen eines anderen Berichts des Weges kamen und – mit keiner spannenden Antwort rechnend – beiläufig nach Funden in der Baugrube fragten. Weder Pfarrer Schild noch Nachbarin Grillmeyer waren bis dahin über den Revolver informiert.

Wie alt die Waffe ist, lässt sich nur noch schwer feststellen. Einige Jahrzehnte muss sie aber bereits in der Erde gelegen haben, sonst sähe sie nicht so aus. Ob hier jemand eine Weltkriegswaffe versteckt hat? Marlit Bauch, Leiterin des Treuchtlinger Volkskundemuseums, hält das durchaus für möglich. Nach dem Krieg ging das Gerücht um, dass die Alliierten mit Deutschen, bei denen eine Waffe gefunden werde, kurzen Prozess machen würden. Da verscharrte so mancher, was noch übrig war.

Weltkriegswaffe oder älter?

Aber stammt der Revolver aus dieser Zeit? Oder ist er vielleicht noch älter? Peter Kränzlein, Vorsitzender des Treuchtlinger Vereins Historische Uniformen, glaubt, dass es sich um eine englische Waffe aus dem Zweiten Weltkrieg handelt. Fotos von Modellen der Firma Smith & Wesson, die damals Verwendung fanden, haben durchaus Ähnlichkeit mit dem Fundstück. Allerdings haben sie fast alle einen Bügel, um den Abzugshahn zu schützen.

Treuchtlingens Polizeichef Dieter Meyer ist deshalb anderer Meinung. Er vermutet, dass es sich um einen sogenannten Hosentaschenrevolver handelt, wie er im späten 19. Jahrhundert in Gebrauch war. Charakteristisch dafür sei der nach vorn klappbare Abzug, sodass man die Waffe gefahrlos in der Hosentasche bei sich tragen konnte, ohne dass sich versehentlich ein Schuss löste. Vielleicht also doch keine Weltkriegswaffe?

Um Genaueres zu erfahren, aus welcher Zeit der Revolver stammt, müsste man den Fund untersuchen. Hier liegt jedoch das Problem. Denn seit dem Fundtag sind der Revolver und die Patronenhülsen verschwunden. Die Bauarbeiter wollen ihn zum letzten Mal auf dem Mäuerchen liegend gesehen haben, die Nachbarn hören zum ersten Mal von dem Fund, Pfarrer Schild weiß nichts, und auch die Polizei hat nichts gehört. Polizeichef Meyer weist allerdings darauf hin, dass derartige Funde dem Waffengesetz nach der Polizei gemeldet werden müssen.

Die macht bei gefundenen Waffen nämlich eine Schussprobe, um das Schussbild zu ermitteln und so auszuschließen, dass mit dem Fundstück ein Verbrechen begangen wurde. Eine Schussprobe wäre mit dem uralten Revolver aus Auernheim zwar ohnehin nicht mehr möglich, Marlit Bauch vom Volkskundemuseum würde sich aber durchaus über Zuwachs in ihrer Sammlung freuen.

Und wer weiß? Vielleicht steckt hinter der Waffe sogar ein alter Kriminalfall. Eine Nachbarin raunt, in Auernheim, da habe es vor langer Zeit einmal mehrere Morde gegeben. Das sei schon Jahrzehnte her, aber wer wisse schon, was damals verscharrt wurde? So lange die Waffe nicht wieder auftaucht, bleibt dieser Auernheimer Corpus delicti aber wohl ein Mysterium.

Dass die Angelegenheit delikat ist, liegt auf der Hand. Denn wer verscharrt schon grundlos eine Waffe samt Patronen auf einem Kirchhof? Als Grabbeigabe wäre dies in der Moderne auch eher ungewöhnlich, wenngleich das Wehrhafte einer Waffe bei einer Wehrkirche wie in Auernheim nicht ganz so fern liegt.

Die Kirchhofmauer jedenfalls steht wieder, und Nachbarin Christa Grillmeier freut sich, dass sie nun endlich wieder gefahrlos in ihrem Gemüsegarten werkeln kann. In der Kirchengemeinde hat die neue Mauer ebenfalls Anklang gefunden, berichtet Pfarrer Schild. Am Reformationstag, 31. Oktober, wird sie neu eingeweiht. Gefeiert wird nach dem Festgottesdienst um 10 Uhr mit einem Gulaschsuppenessen für jedermann. 

Viola Bernlocher Süd-Springerin E-Mail

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