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Samstag, 19.10.2019

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Augenärzte werden im Landkreis dringend gesucht

Aktuell sind nur zwei Stellen besetzt - Lange Wartezeiten - 12.09.2019 05:57 Uhr

Der Vermessung der Hornhaut des Auges gehört zu einer der Standardleistungen eines Augenarztes. Im Landkreis gibt es nur noch zwei Praxen für gesetzlich Versicherte, weshalb nun ein neues Förderprogramm aufgelegt wurde. © Rolf Vennenbernd/dpa


Dieser Wert ist in Bayern einzigartig – und zwar im negativen Sinne: 43,0 Prozent beträgt die Versorgungsquote mit Augenärzten im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen. Landrat Gerhard Wägemann macht deshalb Werbung für neue Augenärzte.

Rückblick: Zum Ende des Jahres 2018 hat die Treuchtlinger Augenärztin Dr. Petra Sulla ihre kassenärztliche Zulassung zurückgegeben. Sie begründete diesen Schritt mit einer steigenden Arbeitsbelastung und Arbeit wie am Fließband. So habe sie oft nur sieben Minuten für die Behandlung eines Patienten Zeit, die mitunter zehn Monate auf einen Termin warten mussten. Zudem habe sie nur 2200 Patienten pro Quartal behandeln dürfen, weshalb die Wartezeiten so lang waren. "Das ging auch körperlich an die Substanz", so Sulla.

Inzwischen hat sie ihre Praxis umgebaut und auch moderne Geräte angeschafft. "Die Ausstattung stammte teilweise noch aus meiner Anfangszeit von vor fast 30 Jahren", sagt Sulla. Die Zahl der Patienten sei deutlich zurückgegangen, allerdings habe sie auch neue Patienten bekommen, darunter auch zahlreiche gesetzlich Versicherte, die die Behandlung nun selbst zahlen müssen. Die Anzahl der privat- und der gesetzlich Versicherten sei etwa gleich groß.

Doch was kostet nun so eine Behandlung überhaupt? Eine Brillenbestimmung mit Messung der Sehstärke, die nur alle paar Jahre durchgeführt werden muss, schlägt mit etwa 60 Euro zu Buche. Eine Entzündung am Auge zu behandeln kostet 35 Euro und für eine komplette Darstellung des Augenhintergrundes mit Ultraweitwinkelkamera ohne Pupillenerweiterung inklusive Vorsorge Grüner Star werden für Selbstzahler 110 Euro fällig. Für die Behandlung nach Arbeitsunfällen fallen nach wie vor keine Kosten an, die Abrechnung erfolgt über die Berufsgenossenschaft.

Ein Vorteil für ihre verbliebenen Patienten: Sie müssen nur noch wenige Tage auf einen Termin warten – und haben dann in der Praxis kaum Wartezeit. "Eigentlich ist die Versorgung jetzt so, wie es für alle sein sollte."

Nur zwei von fünf Stellen besetzt

Schon bevor Sulla auf Privatpatienten umgestellt hat, lag der Versorgungsgrad im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen nur bei 64,6 Prozent. Eigentlich sind für Altmühlfranken fünf Vollzeitstellen vorgesehen, zwei sind jedoch bereits seit mehr als zehn Jahren unbesetzt.

Der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen hat deshalb den Beschluss gefasst, dass im Landkreis eine Unterversorgung bei den Augenärzten eingetreten ist – womit nun eine Förderung möglich ist.

So unterstützt die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) die Niederlassung eines Arztes mit bis zu 90 000 Euro. Darüber hinaus gibt es eine "Praxisaufbauförderung", die bis zu 85 Prozent des durchschnittlichen Honorars der Fachgruppe beträgt. Für das Eröffnen einer Zweigpraxis gibt es einmalig bis zu 22 500 Euro. Auch die Anstellung eines Augenarztes in einer bestehenden Praxis wird gefördert (bis zu 4000 Euro pro Quartal), ebenso die Fortführung der Praxis über das 63. Lebensjahr (bis zu 4500 Euro pro Quartal). Auch die Landkreise Neustadt/Aisch-Bad Windsheim und Kronach sind auf der Suche nach neuen Augenärzten. Hier gibt es auch Fördergelder, allerdings nicht in dieser Höhe.

Landrat Gerhard Wägemann wirbt in einem Interview mit der KVB Forum – einer Zeitschrift, die an viele bayerische Ärzte verteilt wird – für den Standort Weißenburg-Gunzenhausen. Denn zurzeit seien dreieinhalb Augenarztsitze zu besetzen, außerdem müssten die Patienten derzeit lange Wartezeiten und Wege in Kauf nehmen. "Eine neue Augenarztpraxis kann hier in kürzester Zeit einen dauerhaft großen Patientenstamm mit entsprechenden Verdienstmöglichkeiten aufbauen", so der Landrat, der zugleich für die Niederlassung von Haus- und Frauenärzten anpreist. Er lädt alle Interessenten zum Gespräch ein und will auch bei der Vermittlung von geeigneten Praxisräumen behilflich sein.

Auch die Familien der potenziellen Ärzte sollen sich im Landkreis wohlfühlen. So spricht Wägemann von "besten Karrierechancen in einem breiten beruflichen Spektrum", einem dichten Netz an Kinderbetreuungseinrichtungen und eine vielfältige Schullandschaft.

Auf Anfrage teilt die KVB mit, dass es durchaus Nachfragen aus der Ärzteschaft zu der angebotenen Förderung gibt. Bislang sei aber noch nichts spruchreif.

Der Treuchtlinger Augenärztin Petra Sulla ist klar, dass sie viele Patienten verärgert habe. Doch die hohe Anzahl an Patienten bis zur Rückgabe ihrer kassenärztlichen Zulassung habe sie alleine nicht mehr bewältigen können. Sie sieht die Politik in der Pflicht, die schon zu Beginn der 1990er Jahre Studienplätze abgebaut und Budgets gekürzt hat. Außerdem sei die Bürokratie ein Hemmnis für junge Ärzte, die sich lieber in einer Klinik oder einem Versorgungszentrum anstellen lassen, anstatt selbst eine Praxis zu eröffnen.

Das mit den Studienplätzen hat die Politik schon erkannt, ab Herbst diesen Jahres gibt es 84 neue Studienplätze an der vor drei Jahren gegründeten medizinischen Fakultät der Universität Augsburg. Doch bis ein Augenarzt oder ein anderer Facharzt fertig ausgebildet ist, vergehen mindestens elf Jahre.

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