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Automobilzulieferer Alfmeier baut 130 Stellen ab

High-Tech-Werk in Gunzenhausen schließt - Arbeitsplätze werden ins Ausland verlagert - 08.04.2019 15:14 Uhr

Erst vor einem halben Jahr feierte die Firma Alfmeier an ihrem Hauptstandort in der Treuchtlinger Industriestraße die Einweihung ihres neuen Verwaltungsgebäudes (rechts im Bild). Nun müssen in Gunzenhausen über 100 Mitarbeiter gehen, weil Handelskonflikte drohen und die dort produzierten Tanksysteme in Elektroautos nicht mehr gebraucht werden. © Patrick Shaw


Die Firma Alfmeier Präzision SE schließt nach nur knapp fünf Jahren ihr Hightech-Werk in Gunzenhausen. Gut 100 Arbeitsplätze gehen damit in der Region verloren, weitere 30 an anderen deutschen Standorten. Als Gründe nennt die Unternehmensführung globale Handelskonflikte sowie den unerwartet heftigen Druck zur Ausweitung der Elektromobilität. Der Alfmeier-Hauptstandort in Treuchtlingen könnte indes mittelfristig von den Verlagerungen profitieren.

"Das war kein einfacher Schritt", sagt Alfmeier-Automotive-Präsident Klaus Beetz nach den beiden Betriebsversammlungen in Treuchtlingen und Gunzenhausen. "Wir stehen zu unseren Standorten in Deutschland und Mittelfranken, aber wir sind auch gezwungen, uns auf Veränderungen einzulassen, die uns stärker einholen als erwartet."

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Einweihung und Technologie-Tag bei Alfmeier in Treuchtlingen

Mit der Einweihung ihres neuen Verwaltungsgebäudes am Hauptsitz in der Treuchtlinger Industriestraße bekannte sich die Firma Alfmeier nicht nur zu ihrem ländlichen Standort, sondern richtete den Blick mit ihrem „Technology Day“ zugleich weit darüber hinaus auf die gesamte Welt sowie den Wandel von Arbeit, Konsum und Gesellschaft im Zeitalter der Digitalisierung.


Insbesondere meint Beetz damit die politisch gewollte Zunahme der Elektromobilität. Bis zum Jahr 2030 soll nach den vor zwei Wochen verabschiedeten EU-Vorgaben der Kohlendioxid-Grenzwert von Autos von derzeit 130 auf 59 Gramm pro gefahrenem Kilometer sinken. Das sei nur möglich mit einem Elektrofahrzeug-Anteil von 40 statt der bisher angepeilten 25 Prozent. Für Alfmeier ein Problem, ist doch ein Hauptgeschäftsfeld des Konzerns die Entwicklung und Produktion von Tanksystemen. Und die braucht es nur in Autos mit Verbrennungsmotoren.

"Der Strukturwandel in der Automobilindustrie kommt für Alfmeier nicht überraschend", heißt es in einer unserer Zeitung exklusiv vorab vorliegenden Pressemitteilung. So habe die Firma ihre Abhängigkeit vom Verbrennungsmotor in den vergangenen Jahren auf rund ein Drittel des Umsatzes reduziert. Auch halte man den Wandel hin zu klimafreundlicheren Technologien für "wichtig für unser Land" und habe angesichts des Glaubwürdigkeitsverlusts der Autoindustrie durchaus Verständnis für den politischen Druck.

"Wir sind aber davon ausgegangen, dass dieser Vorgang langsamer kommt", räumt Klaus Beetz ein. Der Umbruch sei "zu heftig und unüberlegt", nicht zuletzt mit Blick auf die einseitige Messung der Kohlendioxidbilanz "am Auspuff" statt unter Einbeziehung von Herstellung und Stromerzeugung. "Derart schnell erzwungene Veränderungen kann ein Unternehmen wie die Alfmeier-Gruppe nicht einfach abfedern", so Beetz.

Produzieren, wo der Kunde sitzt

Dazu kommen dem Automotive-Präsidenten zufolge der Brexit und der sich zuspitzende Handelsstreit zwischen den USA und China samt drohender Strafzölle. Die in Gunzenhausen produzierten Baugruppen liefere Alfmeier überwiegend ins Ausland, sodass der Konzern nun seine Fertigung dort ausbaue, "wo die Kunden sitzen". Die Produktentwicklung zieht zeitgleich nach Treuchtlingen um, wo Alfmeier künftig zudem stärker "auf den Bereich Sitzkomfort und Produkte außerhalb des klassischen Automotive-Felds" setzen will.

Die von der Schließung der Alfmeier Präzision SE in Gunzenhausen betroffenen Mitarbeiter haben bisher sogenannte Aktuatoren für Sitzkomfortsysteme entwickelt und hergestellt. Sie verlieren bis Ende 2022 schrittweise ihre Jobs. Die Verlagerung der Produktion nach Tschechien und Mexiko beginnt noch dieses Jahr. Nicht betroffen ist die Actuator Solutions GmbH in Gunzenhausen.

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Unsere Bilderstrecke zeigt die größten Arbeitgeber der Region. Sie beschäftigen derzeit etwa 127.000 Mitarbeiter unter anderem an den Standorten Nürnberg, Fürth, Erlangen, Ansbach, Zirndorf, Heroldsberg und Herzogenaurach. Nicht berücksichtigt sind öffentliche Einrichtungen wie Kommunen oder Kliniken.


Laut Personalchef Thomas Konetznick arbeitet die Firmenleitung "mit den Arbeitnehmervertretern intensiv an Maßnahmen zur Abmilderung der negativen Auswirkungen". Denkbar seien Vorruhestand, Freiwilligenprogramme und interne Versetzungen. Ganz werde man aber um Entlassungen nicht herumkommen.

"Aus Sicht der Betroffenen ist das natürlich eine Katastrophe", erklärt Roland Nosko von der IG BCE in Nürnberg. Die Gewerkschaft werde schon Anfang nächster Woche in Verhandlungen über die Arbeitsplatzsicherung und einen Sozialplan eintreten. Die Umstände der Werkschließung seien aber "sicher nicht an den Haaren herbeigezogen".

"Wir versuchen, das sehr fair und sozial abzufedern", bestätigt Klaus Beetz. Zugleich betont er, dass es "bei Alfmeier keine Krise gibt". Die Schließung sei vielmehr "eine langfristige, strategische Entscheidung".

Das Unternehmen Alfmeier

Zur Alfmeier-Gruppe mit Sitz in Weißenburg gehören in Deutschland die Alfmeier Präzision SE und die k3works GmbH in Treuchtlingen, die Actuator Solutions GmbH in Gunzenhausen, die KITE Electronics GmbH in Nürnberg und die RKT Kunststoff-Technik GmbH in Roding. Weitere Standorte hat der zu den 1000 größten Familienbetrieben Deutschlands zählende Konzern in Tschechien, den USA, Mexiko, China, Südkorea und Taiwan. Insbesondere das China-Geschäft ist jüngst stark gewachsen.

In Deutschland beschäftigt die Alfmeier-Gruppe etwa 530 Mitarbeiter, weltweit knapp 2300. Im Jahr 2017 lagen der Umsatz bei 291 Millionen Euro, das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) bei 24,2 Millionen Euro sowie die Nettoverschuldung bei 21,2 Millionen Euro. Hauptgeschäftsfelder sind die Bereiche Sitzkomfort, Flüssigkeitssysteme und Kunststoff-Spritzguss.

In Treuchtlingen hat das Unternehmen erst vor einem halben Jahr einen neuen, rund vier Millionen Euro teuren Verwaltungstrakt eingeweiht. Für die Produkterprobung kooperiert die Alfmeier-Tochter k3works mit dem Weißenburger Kunststoffcampus. 

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